Der harte Fragestil ist nötiger denn je

Die TV-Welt sei voll von weichgespülten Feelgood-Talks. Dabei brauche es heute mehr kritische Interviews, schreibt Roger Schawinski in einer Replik.

«Ich wurde von mehreren Kritikern gescholten, ich sei zu sanft vorgegangen»: Roger Schawinski. Foto: Oscar Alessio (SRF)

«Ich wurde von mehreren Kritikern gescholten, ich sei zu sanft vorgegangen»: Roger Schawinski. Foto: Oscar Alessio (SRF)

Unter dem Titel «Der Pitbull hat ausgedient» schrieb Inlandredaktorin Claudia Blumer an dieser Stelle, ich pflegte einen aggressiven Fragestil, ich beachtete die Regeln des Anstands nie, und kaum jemand goutiere noch diesen Fertigmacher-Journalismus.

Andere, auch Personen, die selber bei mir in der Sendung sassen, sehen das anders. Chantal Galladé war sehr davon angetan, wie sie ihren Parteiwechsel begründen konnte. Ähnliche Feedbacks erhielt ich von Regula Rytz, Hazel Brugger und Laura Zimmermann. Und nach der Sendung mit Tamy Glauser wurde ich von mehreren Kritikern gescholten, ich sei zu sanft vorgegangen.

Der Totalverriss von Frau Blumer beruht also auf null Prozent Recherche und hundert Prozent Verunglimpfung. Verräterisch ist die Metapher, die sie verwendet, nämlich die des geifernden, alles zerfleischenden Pitbulls. In der heute heftig geführten Genderdiskussion ist also kein Vergleich zu extrem, um einen «privilegierten» Mann verbal zu verunglimpfen. Umgekehrt würde ein Mann, der eine Frau in ähnlicher Weise beschriebe, zu Recht in der Luft zerrissen. Offenbar sind alle Verbalinjurien zulässig, wenn man ein prominentes Exemplar des Ausbeutergeschlechts vor die Linse kriegen kann.

Frau Blumer verurteilt zudem harte Interviews. Es ist zwar richtig, dass es meine Generation war, die den investigativen Journalismus zum Mass aller Dinge gemacht hat. Dies ist er bis heute geblieben. Er ist im Zeitalter von Trump und Populismus sogar nötiger denn je. Kritische, hart geführte Interviews vor laufender Kamera sind ein wichtiger Teil davon.

Deshalb möchte ich auch hier widersprechen. Die TV-Welt ist übervoll mit weichgespülten, banalisierenden Feelgood-Talks, präsentiert von kantenlosen, dauergrinsenden Moderatoren. Harte, gut recherchierte Gespräche bilden die Ausnahme. Es gibt eben immer ein immanentes Risiko, dass bei kritisch geführten TV-Interviews Situationen entstehen, die heftigen Widerspruch auslösen. Auch ich habe dies nach mehr als 300 Sendungen «Schawinski» einige wenige Male erlebt. Und damit sind wir beim «Fall» Salomé Balthus, dem Anlass für den Tagi-Rundumschlag.

Ich kann an dieser Stelle nicht ausführlich auf diesen Fall eingehen, der unheimlich grosse Wellen geworfen hat. Nur dies: Der Fernseh-Ombudsmann Roger Blum warf mir nach der Sendung vor, ich hätte die Menschenwürde von Frau Balthus verletzt.

Zur Untermauerung seines Urteils hat sich Roger Blum auch als Gesichtszensor betätigt. Er hat ein Lachen von mir als «verächtlich» verurteilt; dem stimmt der Tagi zu. Tatsächlich musste ich einmal in dieser Sendung spontan lachen, weil ich überrascht war, als Frau Balthus erklärte, sie sei Feministin. Denn bei Feministinnen gilt die Prostitution nicht als Traumkarriere, da sie die Ausbeutung von Frauen in diesem Gewerbe scharf verurteilen. Zudem fiel mir bei dieser neuen Form der Gesichtszensur ein: In China wird heute mittels Millionen von Kameras das sozial akzeptierte Verhalten aller Bürger akribisch überwacht und sanktioniert. Und bei uns begeben sich der SRF-Ombudsmann und die Medienexpertin des «Tages-Anzeigers» auf denselben Weg.

Ja, ich empfinde die Kritik des Tagi als verletzend und faktenfrei. Aber deswegen würde ich die Autorin nie mit einem furchterregenden Tier vergleichen. Dies wäre wirklich Fertigmacher-Journalismus.

Roger Schawinski fragt Salomé Balthus, ob sie in ihrer Kindheit sexuell missbraucht worden sei. Video: SRF

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