Ausscheren beim Sprachunterricht erhöht Kosten für Nachhilfe

Verlegt der Kanton Thurgau Französisch auf die Oberstufe, zahlen auch andere Kantone dafür. Nämlich dann, wenn ein Thurgauer Schüler zuzieht und Nachhilfe benötigt. Der Verband Lehrerinnen und Lehrer beziffert die Kosten.

Aus anderen Kantonen zugezogene Kinder?brauchen oft Nachschulung, um Stofflücken zu schliessen.

Aus anderen Kantonen zugezogene Kinder?brauchen oft Nachschulung, um Stofflücken zu schliessen.

(Bild: Keystone)

Christoph Aebischer@cab1ane

Zügelt eine Schülerin oder ein Schüler über die Kantonsgrenze, wird für die aufnehmende Schule zuerst einmal Nachhilfe fällig. Beim Sprachunterricht ist die ­Lücke offensichtlich: In der Deutschschweiz lernen Drittklässler diesseits der Reuss zuerst Englisch und jenseits der Reuss Französisch.

Der Verband Lehrerinnen und Lehrer Schweiz (LCH) hat die Kosten, die jährlich durch Nachschulungen in Fremdsprachen entstehen, erstmals berechnen lassen. Heute betragen sie rund 6,5 Millionen Franken. Verlegt Thurgau tatsächlich Französisch wie vom Kantonsparlament gefordert auf die Oberstufe, wird die Differenz noch grösser.

Dieses Szenario droht auch in den Kantonen ­Luzern und Zürich, wo Volksinitiativen dasselbe fordern. Ins­gesamt könnten so laut der ­LCH-Studie die Kosten für Nachhilfeunterricht auf 9 Millionen Franken steigen. Der LCH hat gestern im Rahmen der laufenden Vernehmlassung zu den Änderungen des nationalen Sprachengesetzes eine Studie dazu veröffentlicht.

«Aufgeschaukelte» Rechnung

Im Kanton Thurgau hält man ­diese Rechnung für «aufgeschaukelt». Beat Brüllmann, Leiter des Thurgauer Volksschulamts, begründet wieso: In seinem Kanton sei die Pflicht, zugezogene Schüler im Stoff nachzuführen, Teil des Berufsauftrags der Lehrpersonen. Ausgewiesen werde der Aufwand nicht separat. «Lehrpersonen müssen selber abwägen, wie sie dann diesen Einsatz kompensieren», sagt er.

LCH-Präsident Beat Zemp hält die Thurgauer Lösung für lamentabel. Am Ende trügen die Zusatzbelastung, welche die schlechte Koordination mit sich bringe, also Lehrer, Eltern und Schüler. «Das ist unhaltbar», betont Zemp. Im Übrigen werde das Problem auch nicht überall auf diese Weise gelöst.

In anderen Kantonen gebe es Budgets für Sonderlektionen, die allerdings in Zeiten knapper Finanzen unter Druck seien. Für Zemp ist klar, dass eine «Diskoordination» des Fremdsprachenunterrichts verhindert werden müsse. Die erstmalige Zusammenstellung der daraus entstehenden Kosten zeige, dass es auch von diesem Standpunkt aus gesehen nicht um «Peanuts» gehe.

Konkret stellt die Studie anhand von Daten des Bundesamts für Statistik fest, dass über die Jahre 2011 bis 2015 betrachtet jährlich knapp 750 Schülerinnen und Schüler eine Nachholbildung für Französisch beziehungsweise Englisch benötigten. Im Schnitt zügeln 319 Schüler mit ihren Eltern von einem Kanton mit spätem Einstieg in den Französischunterricht in einen anderen mit frühem um.

Umgekehrt ziehen 428 Schüler in einen Kanton, wo sie ein Englischdefizit ausbügeln müssen. Schert Thurgau aus dem bisherigen unter den Kantonen vereinbarten Konzept aus, stiege die Zahl der betroffenen Schüler. Die Kosten erhöhen sich dann gemäss Hochrechnung um 7 Prozent, folgen Zürich und Luzern, wären es gar 35 Prozent.

Ball liegt beim Parlament

Beat Brüllmann ist kein Gegner des Harmonisierungsgedankens, den der LCH mit seiner Studie betonen will. Das vorgebrachte Argument sei aber nicht das beste, um diesen zu stärken. Er gibt zu bedenken, dass jeder Schulwechsel Aufwand für die betroffenen Schüler und Lehrpersonen mit sich bringe, und zwar längst nicht nur im Bereich Sprachunterricht.

Kostenintensiver als die angesprochene Nachschulung, warnt Brüllmann, würden innerkantonal sowieso die Lehrmittel, die schon wieder geändert werden müssten, und der Umstand, dass auf der Thurgauer Oberstufe Französischlehrkräfte fehlen würden. Angestossen wurde die Diskussion, auch daran erinnert Brüllmann, wegen Bedenken, Primarschüler seien mit zwei Fremdsprachen überfordert.

Das letzte Wort zur Verlagerung ist im Thurgau noch nicht gesprochen. Die Kantonsregierung hat nach einer kontroversen Vernehmlassung den Ball zurück ans Parlament gespielt. Es soll prüfen, ob sich der Preis für die Kursänderung tatsächlich lohnt.

Berner Zeitung

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