Zum Hauptinhalt springen

An’Nur-Imam muss die Schweiz verlassen

Das Winterthurer Bezirksgericht musste ­gestern eine Predigt beurteilen: Rief der Imam zum Mord auf? Oder ­zitierte er den Propheten Mohammed? Über einen ­25-Jährigen, dessen Verhaftung landesweit Schlagzeilen machte.

Die An’Nur-Moschee ist inzwischen geschlossen.
Die An’Nur-Moschee ist inzwischen geschlossen.
Doris Fanconi

Am Ende entscheidet sich das ­Gericht gegen den 25-jährigen Imam. Es spricht ihn schuldig des Aufrufs zum Mord. Die 18 Monate Freiheitsstrafe kommen für den Somalier aus Äthiopien wahrscheinlich einer Ausschaffung gleich; darüber muss das Migrationsamt nun entscheiden. «Sein Aufenthalt in der Schweiz ist schlicht nicht mit dem öffentlichen Interesse vereinbar», sagte die Vizepräsidentin des Bezirksgerichts Winterthur.

Ein Jahr lang hatten die Untersuchungsbehörden das Verfahren gegen den Mann geführt, der im Rahmen der Moschee-Razzia im November 2016 festgenommen wurde und sich seither in ­Sicherheitshaft befand. Wegen dessen schlechten Gesundheitszustands stand der Prozess bis zuletzt auf der Kippe: Beim Beschuldigten war eine Lymph­knoten-Tuberkulose diagnostiziert worden. Weil inzwischen keine Ansteckungsgefahr mehr besteht, fand der Prozess gestern im voll besetzten Hauptsaal vor vielen Medienvertretern dennoch statt.

Gezeichnet von der Tuberkulose, versuchte der Mann eine schlimme Narbe am Hals mit dem Kragen seiner dunklen Lederjacke zu verdecken. Ansonsten wirkte er geradezu unauffällig.

Als Unschuldslamm versuchte ihn sein Anwalt denn auch zu inszenieren. Eigentlich belastete die Anklage ihn schwer: Aufruf zu Mord. Ausserdem habe er grausame Gewaltbilder und ein Exekutionsvideo verbreitet sowie ohne Bewilligung gearbeitet.

Absolvent einer Koranschule

Falsch, so der Verteidiger: Der ­angebliche Mordaufruf, an einer Freitagspredigt in der inzwischen geschlossenen An’Nur-Moschee, sei bloss ein Rezitieren der Hadith gewesen. So heisst die Überlieferung der Aussprüche des Propheten Mohammed, nebst dem Koran die wichtigste Quelle für Vorschriften im Islam. Kurzum: Der Mann sei zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen und so ins Visier der Behörden geraten, die unter Druck standen.

Der Beschuldigte selbst schwieg zu den Vorwürfen. Dazu habe er sich in den Einvernahmen zur Genüge geäussert, übersetzte die Dolmetscherin seine knappe Antwort. Mehr erzählte er dafür aus seinem Leben. Davon, wie er als eines von acht Geschwistern und als Angehöriger der somalischen Minderheit in Äthiopien aufwuchs, wo er eine Koranschule besuchte. Weil die Polizei ihn der Mitgliedschaft in einer somalischen Widerstandsbewegung bezichtigte, sei er nach Europa geflüchtet. Das Geld für die Schlepper, umgerechnet 1500 Franken, hätten Landsleute bezahlt. «Ich kenne viele von ihnen, aber nicht alle», sagte er. Die Hilfe sei an keine Bedingungen geknüpft gewesen.

Erst Kollbrunn, dann An’Nur

Im April 2016 reiste er schliesslich in die Schweiz ein, wo er ins Durchgangszentrum Kollbrunn im Tösstal kam und zur An’Nur-Moschee fand. Der Zufall wollte es, dass zu jener Zeit der bisherige Imam die Schweiz aus unbekannten Gründen verlassen hatte. Die Verantwortlichen des Moscheevereins mussten ohne die nötigen finanziellen Mittel einen neuen Vorbeter finden. Sie wurden auf den Somalier mit Koranbildung und «äusserst angenehmer Stimme» hingewiesen.

Aus dem Hauptanklagepunkt, der umstrittenen Predigt, entwickelte sich vor Gericht eine fast schon theologische Diskussion. Rief der Imam den 60 Zuhörern bloss die Sanktionen Mohammeds für Ungläubige und Schwule in Erinnerung? Oder forderte er selbst dazu auf, sie in ihren Häusern zu verbrennen?

Er habe den Koran auswendig gelernt, verstehe aber aus sprachlichen Gründen dessen Inhalt nicht, sagte der Prediger. Der Strafverteidiger wollte einen Freispruch erwirken. «Ein Zitat ist keine Aufforderung.»

Das Kollegialgericht folgte in weiten Teilen den Anträgen der Staatsanwaltschaft. Indem er entsprechende Passagen zitierte, habe der Imam eindringlich und wiederholt zu Gewalttaten aufgerufen. Dass er dafür keine eigenen Worte brauchte, sei nicht erheblich – die Überlieferungen des Propheten reichten dem Gericht für den Schuldspruch.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch