«Schüler sind nicht dumm»

Warum Kinder überfordert sind: Jugendpsychologe Allan Guggenbühl über selbstorganisiertes Lernen und den Lehrplan 21.

«Die Kinder wollen von Erwachsenen geführt werden»: Allan Guggenbühl. Foto: Raisa Durandi

«Die Kinder wollen von Erwachsenen geführt werden»: Allan Guggenbühl. Foto: Raisa Durandi

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Sie kritisieren die heutige Schule. Wie kommen Sie dazu?
Ich gehe von der Wirkung auf die Kinder aus. Aus meinen Gesprächen mit Kindern und Eltern und in meinen Beratungen in den Schulen erlebe ich, wie sich der Unterricht auswirkt und was die Kinder oder Jugendlichen brauchen.

Welchen Eindruck haben Sie?
Viele Reformen berücksichtigen die Psychologie der Kinder nicht, es handelt sich um intellektua­listische Kopfgeburten, die logisch und innovativ ­tönen, Kinder jedoch überfordern.

Welche Reformen meinen Sie?
Das selbstorganisierte Lernen ist neben dem Kompetenzbegriff eine solch mantraartig vorgebrachte Reform. Die Schüler werden angehalten, ihr eigener Lernmanager zu sein, Lernziele selber zu formulieren und sich für Stoffschwerpunkte zu entscheiden. Ausserdem wird praktisch alles, was das Kind macht und denkt, mit dem Begriff «Kompetenz» erfasst und bewertet.

Die Kinder lernen so, selbstständig und selbstreflektiert zu sein. Was soll daran falsch sein?
Autonomie entsteht nicht, indem man sie verordnet. Wichtig ist, dass man Bedingungen schafft, die es möglich machen, eigenständig zu sein. Dazu gehört die Möglichkeit, sich abzugrenzen, eigene Wege zu gehen. Schüler sind nicht dumm. Sie realisieren, dass die Schule eine Zwangsinstitution ist! Die meisten Kinder sind aber bereit, sich anzupassen, und neugierig, was man ihnen erzählen wird. Es ist ein Betrug, wenn nun verlangt wird, die Ziele selber zu setzen, denn Kinder würden völlig andere Dinge wählen. Unsere Gesellschaft hat genügend Angebote: gamen, im Internet surfen, Magazine anschauen etc. Selbstständigkeit entwickeln sie, wenn sie wirklich frei in der Themenwahl sind.

«Unterrichten ist psychologisch gesehen ein Anbindungsakt.»

Sie reden von Betrug. Sie übertreiben.
Nein. Die Schulzeit ist eine Zeit der Prägung. Die Kinder wollen von Erwachsenen geführt werden. Sie brauchen Vorbilder, die sie bewundern und über die sie sich aufregen können. Vor allem aber wollen sie von deren Geschichten und Leidenschaften hören. Über die Auseinandersetzungen mit den Erfahrungen der Alten wachsen Kinder in die Gesellschaft hinein. In einem solchen Setting eigene Lernziele zu setzen, macht keinen Sinn.

Wieso?
Unterrichten ist psychologisch gesehen ein Anbindungsakt. Viele Kinder lernen dem Lehrer zuliebe. Kinder lernen am besten, wenn die Lerninhalte emotional besetzt sind, weil sie von einer geschätzten Bezugsperson vermittelt werden.

Selbstorganisiertes Lernen bedeutet ja nicht, dass keine Lehrerin mehr im Schulzimmer ist.
Das selbstorganisierte Lernen basiert auf der Idee, in der gleichen Klasse Kinder mit verschiedenen Begabungen und unterschiedlicher Leistungsfähigkeit zu unterrichten. Wenn die Kinder sowohl das Lerntempo wie auch die Lernziele selber bestimmen, soll mehr Diversität möglich sein. Das Problem ist, dass diese Unterrichtsform die Rolle der Lehrperson neu definiert. Sie wird zum Coach und verliert ihre Stellung als Oberbandenführer. Das Lernen ist nicht mehr ein Gruppenprozess, sondern eine Einzelaktivität. Für viele Kinder eine klare Überforderung. Ausserdem ist die Lehrperson oft nicht präsent. Mir haben Schulkinder erzählt, dass sie ihre Fragen nicht mehr dem Lehrer stellen dürfen, sondern diese mit ihren Klassen­kameraden diskutieren müssen.

Wie leiden die Kinder an der Diskrepanz zwischen Reformen und ihren Bedürfnissen?
Sie reagieren auf verschiedene Weise. Viele lernen unabhängig von der Methode gut, selbst beim miserabelsten Unterricht. Andere passen sich oberflächlich an. Sie mimen Interesse, doch die Themen der Schule finden keinen Widerhall in ihnen. Eine dritte Kategorie von Kindern minimalisiert ihren Effort, sie werden unruhig und stören. Das betrifft in der Mehrheit Knaben.

Spüren Sie als Jugendpsychotherapeut die Nachteile der Reformen in der Praxis direkt, zum Beispiel, weil Ihnen mehr Kinder zugewiesen werden?
Das kann ich nicht beurteilen, weil ich schon längere Zeit mit Kindern arbeite, die von der Schule herausgefordert werden. Was zugenommen hat, sind die Fälle mit ADHS. Die Diagnose wird oft ohne seriöse Abklärung gestellt. Sie wird zur Etikette eines Schülers, ohne dass man weiss, wer sie verabreicht hat. Viele Schüler sehen dann in ihrer Diagnose eine Auszeichnung. Wer nicht die Etikette ADHS verabreicht bekommt, ist kein richtiger Bub! Problematisch ist, dass Unruhe, Dooftun, Frechsein pathologisiert werden und dann als fehlende ­Sozialkompetenz in Lernberichten erscheint.

Was ist falsch daran, wenn Kinder soziale Kompetenzen lernen?
Problematisch ist nicht, dass man die Kinder auffordert, sich zu benehmen, sondern dass die Einhaltung dieser Anstandsformen relevant für den Schulerfolg wurden. Ausserdem werden Verhaltensweisen als ein Zeichen sozialer Inkompetenz bezeichnet, die an sich normal sind.

«Wir müssen zugeben, dass auch abwegige Verhaltensweisen zu persönlichem Erfolg führen.»

Zum Beispiel?
Widersprechen, unterbrechen, Provokationen, schimpfen oder in einem Konflikt einfach mal zu schweigen. Solche Kommunikationsformen sind in der Erwachsenenwelt völlig normal. Kindern wollen wir jedoch vorgaukeln, dass solche Kommunikationsformen abwegig sind. Sie werden zu Opfern des politisch korrekten Denkens. Ich hatte einmal einen Schüler, der nach einem Konflikt mit der Lehrerin über seine Gefühle hätte sprechen sollen. Er sagte mir, dass er ihr doch nicht sagen könne, dass er sie eine dumme Kuh finde – absolut zu Recht.

Das richtige Sozial- und Arbeitsverhalten ist doch zentral fürs spätere Leben.
Natürlich. Doch wenn wir ehrlich sind, dann müssen wir zugeben, dass auch abwegige Verhaltensweisen zu persönlichem Erfolg führen. Viele Wissenschaftler, Politiker oder Geschäftsleute wurden erfolgreich, weil sie Kollegen wegmobbten. Wer etwas anderes behauptet, ist entweder naiv, oder er lügt. Natürlich sind diese Verhaltensweisen problematisch. Wir sollten sie nicht fördern. Aber wenn man den Kindern vorspielt, dass man nur weiterkommt, wenn man brav ist, nicht unterbricht, die Lehrerin nicht fragt, ist das nichts anderes als ein grandioser Betrug.

Wie soll die Schule denn damit umgehen?
Konflikte sind ein Teil der Arbeit der Lehrpersonen, es ist ihr Alltag. Kinder zu unterrichten und zu erziehen, ist Schwerstarbeit. Wie reagieren, wenn ein Knabe einer Lehrerin «Du Schlampe» sagt? Solche Rede darf man nicht tolerieren, man muss mit dem Schüler sprechen und allenfalls eine Strafe aussprechen. Aber wir dürfen nicht vergessen: Es handelt sich um Menschen in Entwicklung! Die allermeisten verhalten sich als Erwachsene nicht so, wie sie es als Kind taten.

Viele Lehrer klagen über Stress und Mehrbelastungen.
Lehrpersonen bewegen sich in einem halbchaotischen Umfeld, müssen immer wieder spontan reagieren. Meistens können sie sich nicht lange überlegen, wie sie vorgehen müssen. Doch heute müssen sie sehr viel protokollieren, Lernberichte verfassen, Beobachtungsberichte nach verschiedenen Kriterien schreiben und notieren, wie sich das Kind in der Gruppe und beim Lernen verhält. Es droht eine Verbürokratisierung der Schule, die der spontanen, direkten und aussergewöhnlichen Auseinandersetzung mit dem Kind wenig Bedeutung gibt.

Die Berichte sind doch auch für das Kind wichtig, um seine Stärken zu erkennen und sie gezielt zu fördern.
Es ist natürlich wichtig, dass Eltern und Lehrer über das Kind sprechen und dass man dies auch mit dem Kind selber tut. Fruchtbare Gespräche sind ein sorgsames Eindringen in die gegenseitige Gedanken- und Gefühlswelt. Sie sind voller Über­raschungen. Gespräche nach standardisierten ­Kriterien zu führen, ist eine Beleidigung der Lehr­personen und Eltern.

Was für ein Schüler waren Sie eigentlich?
In der Primarschule war ich ein hoffnungsloser Fall, vor allem in der Orthografie. Mein Lehrer hat damals beschlossen, dass es keinen Sinn macht, mit mir Diktate zu üben.

Heute sind Sie Autor mehrerer Bücher. Wäre Ihr Weg vom Schulmuffel zum Erfolg heute noch möglich?
Ich bin mir nicht sicher, eher nein. Ich glaube jedoch, dass Schulerfolg wenig aussagt über den späteren Erfolg im Leben. Um beruflich erfolgreich zu sein, braucht es noch ganze andere Fähigkeiten: ­Intui­tion, spielerische Begabung, Durchsetzungsfähigkeit, Vertrauenswürdigkeit, Schlauheit.

«Die Kinder gehen in die Schule, um von Menschen zu erfahren, was im Leben spannend ist.»

Alles ausserschulische Kompetenzen. Im Sommer wird in vielen Kantonen, darunter Bern und Zürich, der Lehrplan 21 eingeführt, der den ganzen Schulstoff in Kompetenzen aufgliedert. Was ist daran falsch?
Mit dem Begriff «Kompetenzen» wird suggeriert, dass ein grosser Wandel bevorstehe, dass Lernen zu einem zielgerichteten Prozess werde. So hofft man, dass die grosse Professionalisierung herannaht und die Schule die Kinder zu perfekten Arbeitnehmern macht. «Kompetenz» wurde als Wort gehypt, um mess- und vergleichbare Resultate ins Zentrum zu stellen. Das Ziel ist, sich auf den Output zu konzentrieren, die Leistungen der Schüler mutieren zu Persönlichkeitseigenschaften.

Der Lehrplan 21 will, dass die Kinder das dargebotene Wissen richtig umsetzen, also Wissen mit Kompetenzen verbinden.
Vergessen wird, dass Verhalten und Leistungen vom Kontext, vom System abhängen, indem man sich bewegt. Teamfähigkeit hängt zum Beispiel davon ab, ob man sich mit der Gruppe identifiziert; den Inhalt der Arbeit interessant findet. Lesen wird interessant, wenn die Lektüre spannend ist. Der Lehrplan führt aber über 2000 Kompetenzen auf, was keinen Sinn macht. In der Praxis wird der Lehrplan kaum handlungsrelevant werden.

Was sollte die Schule stattdessen leisten?
Der Schwerpunkt müsste meiner Meinung nach wieder auf die Vermittlung von Wissen im persönlichen Kontakt von der Lehrperson zu den Schülern gelegt werden. Das tönt jetzt etwas altmodisch. Aber die Kinder gehen in die Schule, um von Menschen zu erfahren, was im Leben spannend ist, was sie können und wissen sollten. Sie gehen nicht primär in die Schule, um zu lernen, wie man lernt.

Hinter dem neuen Lehrplan steckt jahrelange Arbeit, in der die besten Experten zusammen mit allen Beteiligten alles berücksichtigt haben. Machen Sie es sich nicht ein bisschen einfach, diese Arbeit von aussen jetzt zu kritisieren?
Es stimmt, viele gescheite Leute haben mitgearbeitet. Sie wurden jedoch von einer kollektiven Erneuerungsmanie erfasst, die ihr Denken einengt. Es ist immer gefährlich, wenn man sich als isoliertes Kollektiv den Auftrag gibt, die Gesellschaft zu erneuern. Aber der Schule und Bildung wird grosses Vertrauen entgegengebracht. Das ist gut, doch hat es zur Folge, dass sich die breite Bevölkerung nicht wirklich für Schule und Erziehung interessiert. Deshalb ist es sehr schwierig, diese Themen zu einem Politikum zu machen. Die meisten denken, die Verantwortlichen machen es schon richtig. Dies wurde jedoch nun zu einem Nachteil, weil im Zusammenhang mit den neuen Reformen niemand richtig hinschaut.

Können die Reformen überhaupt noch rückgängig gemacht werden?
Die Gefahr ist, dass die Schule an Bedeutung verliert und sich andere Formen der Sozialisation verbreiten, Ad-hoc-Schulen oder Subgruppen. Ich bin nicht sicher, ob die aktuelle Form der Schule, bei der ein immenser, von der Realität der Kinder isolierter Überbau existiert, überleben wird.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 26.05.2018, 10:09 Uhr

Allan Guggenbühl

Psychologe

Allan Guggenbühl (66) studierte nach Ausbildungen zum Lehrer und Musiker Psychologie an der Universität Zürich. Seit 1984 leitet er das Institut für Konfliktmanagement. Er ist Autor zahlreicher Bücher zu den Themen Jugendgewalt, Bildung sowie Jungen- und Männerarbeit. Allan Guggenbühl hat drei erwachsene Kinder.

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