Lehrermangel wird sich zuspitzen

Schon heute müssen die Schulen Lehrer mit ungenügenden Qualifikationen beschäftigen oder Kompromisse eingehen.

Achtung, fertig, Schule: Am 14. August 2017 starteten die Basler Schüler ins neue Schuljahr.

Achtung, fertig, Schule: Am 14. August 2017 starteten die Basler Schüler ins neue Schuljahr. Bild: Georgios Kefalas/Keystone

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Keine Klasse steht ohne Lehrer da. Das melden zu Beginn des Schuljahres die meisten Kantone. Vielerorts sind in der Volksschule offiziell nur noch eine Handvoll Teilzeitpensen unbesetzt. Ist der jahrelang beklagte Lehrermangel also behoben? Mitnichten, wie sich auf den zweiten Blick zeigt. Auf allen Stufen sind Stellenbesetzungen teilweise nur mit Kompromissen möglich.

So ist zum Beispiel gemäss einer aktuellen repräsentativen Studie des Schulleiterverbands (VSLCH) jeder vierte Lehrer nicht für die Stufe ausgebildet, auf der er unterrichtet. Und manchmal stehen sogar Lehrer vor den Klassen, die nie eine pädagogische Ausbildung absolvierten, wie Franziska Peterhans vom Lehrerdachverband (LCH) weiss. Dieser «qualitative Lehrermangel» hat unterschiedliche Ausprägungen.

  • Kindergarten:
Viele Gemeinden bekunden Mühe, Lehrpersonen für diese Stufe zu finden. Der Kanton Zürich etwa beschreibt die Situation als «angespannt». Ein Grund dafür ist gemäss VSLCH-Präsident Bernhard Gertsch die Umstrukturierung der Ausbildung: Heute besuchen angehende Kindergärtnerinnen zusammen mit Unterstufenlehrern die Pädagogische Hochschule. Ihre Arbeitsbedingungen seien danach aber schlechter, etwa in Bezug auf den Lohn, weshalb sie die Unterstufe bevorzugten, sagt Gertsch.

  • Primar- und Sekundarstufe:
Ohne Stellvertreter, ohne Lehrer mit unvollständigem Diplom und vor allem ohne Quereinsteiger, die sich noch in der Ausbildung befinden, liessen sich zahlreiche Stellen nicht besetzen. Im Kanton Zürich zum Beispiel sind es in der Primarschule aktuell 75 und auf Sekundarstufe 29 Quereinsteiger, die bereits in der sogenannten berufsintegrierenden Studienphase eine Anstellung als Lehrperson übernehmen. «Diese Massnahme hilft bei Engpässen; wir sind auf die Quereinsteiger angewiesen», sagt Marion Völger, Leiterin des Zürcher Volksschulamts. Andere Kantone erheben solche Zahlen nicht. An der Pädagogischen Hochschule Zürich machen Quereinsteiger mittlerweile 20 Prozent der Absolventen aus, wie Rektor Heinz Rhyn sagt. Indem sie im zweiten Teil ihres Studiums eine 40- bis 60-Prozent-Stelle annähmen, trügen sie dazu bei, den Lehrermangel zu entschärfen.

  • Schulische Heilpädagogik:
Hier besteht in allen Kantonen der eklatanteste Mangel. Seit Schüler mit besonderen Bedürfnissen in den Regelklassen integrativ geschult werden, ist der Bedarf an Heilpädagogen stark gestiegen. Häufig übernehmen deshalb Lehrpersonen, die nicht dafür ausgebildet sind, deren Aufgaben. Gemäss der Interkantonalen Hochschule für Heilpädagogik verfügen nur 50 bis 60 Prozent der Lehrer, die als Heilpädagogen arbeiten, über ein entsprechendes Diplom. Auf der Sekundarstufe bestehe der grösste Mangel, sagt Rektorin Barbara Fäh. Ein Grund dafür sei, dass nach dem Masterstudium Sekundarstufe noch eines in Sonderpädagogik erforderlich sei – ein grosser Aufwand. Grundsätzlich wäre aber die Nachfrage nach Studienplätzen um 30 Prozent höher als deren effektive Zahl. Ein Ausbau wiederum läge in der Hand der Kantone: Sie könnten zusätzliche Studienplätze kaufen.

  • Fachlehrer:
Auf Primar- und Sekundarstufe gestaltet sich die Lehrersuche in gewissen Fächern besonders schwierig. Engpässe bestehen zum Beispiel im Französisch: Die politische Diskussion rund um die Abschaffung des Frühfranzösisch schrecke angehende Lehrer davon ab, die aufwendige Ausbildung mit Sprachaufenthalten und Diplomen auf sich zu nehmen, beobachten der Lehrer- und der Schulleiterverband übereinstimmend. «Wir wissen, dass es für die Gemeinden nicht einfach ist, Französischlehrer zu finden, weil es vergleichsweise noch wenige gibt», sagt auch Völger. Um die Nachfrage längerfristig zu decken, werde bei der Ausbildung angesetzt. «Attraktive Vertiefungsangebote an der Pädagogischen Hochschule können mehr Studenten dazu bewegen, sich auf Französisch zu spezialisieren.»

Bilder: Schulbeginn in Basel

Im Moment können die Schulen mit ihren personalpolitischen Kompromissen zwar die meisten Stellen besetzen. Doch die Situation wird sich schon bald verschärfen. Zum einen wird in den nächsten zehn Jahren rund ein Drittel aller Lehrer pensioniert. Oft handelt es sich dabei um Männer, die Vollzeit oder zu einem hohen Prozentsatz unterrichteten. Da heute viele der zumeist weiblichen Lehrpersonen Teilzeit arbeiten, werden die Stellen nur mit grossen Anstrengungen zu besetzen sein.

Zum anderen stellt die demografische Entwicklung die Schulen vor Herausforderungen. Bereits heute zeichnet sich in den Kindergärten ab, was das Bevölkerungswachstum für die Bildungsinstitutionen bedeuten wird. Bildungsforscher Stefan Wolter prognostiziert bis ins Jahr 2025 Höchststände bei den Schülerzahlen. Der Direktor der Schweizerischen Koordinationsstelle für Bildungsforschung geht von einer schweizweiten Zunahme von 13 Prozent aus. In einigen Kantonen wie Basel-Stadt, Zürich oder Thurgau werden die Schülerzahlen demnach gar um fast 20 Prozent ansteigen. Alleine auf der Primarstufe dürften in nicht allzu ferner Zukunft 87 000 Kinder mehr zur Schule gehen als aktuell.

Die Kantone sind sich der Herausforderungen bewusst. Allein: Eine Strategie zu deren Bewältigung scheint noch zu fehlen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.08.2017, 23:35 Uhr

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