Im Kampf gegen die Riesen-Windturbinen

Auf dem Grenchenberg soll ein Windpark mit gleich sechs 160 Meter hohen Turbinen gebaut werden. Der erst 21 Jahre alte Elias Meier ist Präsident der Gegner. Hat er ­Erfolg, dann ist die Energiestrategie 2050 gefährdet.

Elias Meier von der Vereinigung Freie Landschaft Schweiz zum neuen Projekt.
Video: Julian Witschi

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Die Strasse auf den Grenchenberg ist relativ flach, und man merkt auf den langen Geraden im Wald gar nicht richtig, wie hoch hinaus es geht. 1382 Meter über Meer liegt der höchste Punkt auf diesem Teil der ersten Jura-Kette zwischen Biel und Solothurn. ­Voraus fährt Elias Meier, der oberste Schweizer Windkraftgegner. In einem Strom fressenden Elektroauto. Das wird er erklären müssen, schliesslich ist er sowohl gegen Windturbinen als auch gegen Atomkraftwerke.

Oben angekommen geht Elias Meier zu Fuss voran zur Wandflue, einem steil abfallenden Felsgrat, von wo aus man das halbe Mittelland und bis in die Alpen sieht. Sechs 160 Meter hohe Windturbinen will der Grench­ner Energieversorger SWG hier bauen. Der produzierte Strom soll zwei Dritteln des Verbrauchs in dem Städtchen mit 17'000 Einwohnern entsprechen.

So hoch werden die Windturbinen.

Wo kommen die Turbinen genau hin? «Wo kämen die hin», korrigiert Meier in voller Überzeugung, das Projekt verhindern zu können. «Gleich hier neben dem Grat ist ein Standort geplant, die anderen fünf westlich davon», sagt Meier. Unmittelbar dahinter, auf der zweiten Jura-Kette, plane der Bieler Energieversorger ESB sieben weitere, gar 180 Meter hohe Turbinen. Seit 1994 steht auf dem Obergrenchenberg bereits eine Windanlage. Diese ist aber nur 40 Meter hoch und damit vom Tal aus kaum sichtbar. Sie steht jetzt still, wie Meier festhält, es winde wie so oft nicht stark genug. Die neuen Riesen werde man bis Bern sehen.

Rundblick auf dem Grenchenberg. Video: Julian Witschi

Der Windkraftgegner kämpft für «freie Landschaften, für mehr Natur- und Erholungsräume». Er wirkt aber nicht verbissen, sondern mit seinem Kapuzenpulli wie ein Sportstudent, der auch beim Argumentieren äusserst flink ist und immer wieder verschmitzt lächelt. Meier ist 21 Jahre jung, wohnt in Grenchen und ist in Ausbildung zum Primarlehrer. Das Sportgymnasium hatte der Leichtathlet als Jahrgangsbester abgeschlossen. Und dann ist er Präsident von «Pro Grenchen», dem Verein von Einwohnern, die gegen den Windpark auf dem Grenchenberg kämpfen.

Weil viele andere Windkraftprojekte aufgegleist wurden, kamen weitere solche Bürgervereinigungen auf ihn zu, um von seinen Erfahrungen zu profitieren. So entstand die Vereinigung Freie Landschaft Schweiz, deren Präsident Elias Meier ebenfalls ist. Sie ist das Gegenstück zur Windenergielobby.

Die anderen Grünen

Die Vereinigung hat das Referendum gegen die Energiestrategie 2050 des Bundes unterstützt, die den massiven Ausbau der Windkraftnutzung vorsieht (siehe Kasten). Damit ging die Vereinigung auf Konfrontationskurs zur Grünen Partei, die für die Energiestrategie und damit für den Atomausstieg kämpfte. Die Frage, ob die Vereinigung Geld von der Atomlobby oder der SVP erhielt, damit sie das Referendum gegen die Energiestrategie am linken Rand unterstützte, verneint Meier vehement.

In Grenchen sind viele gegen Windkraft: 56 Prozent haben die Energiestrategie im Mai abgelehnt. Und bei den Wahlen zum Stadtpräsidenten Anfang Juli holte Meier als Parteiloser 24 Prozent der Stimmen. Er wollte unter anderem den Windparkgegnern eine Stimme geben. Denn es gab keine Volksabstimmung über das Projekt auf dem Grenchenberg. Dies sei im Gesetz nicht vorgesehen, sagte Stadtpräsident Scheidegger im Abstimmungskampf gegenüber SRF, denn für das entscheidende Nutzungsplanverfahren sei nur der Gemeinderat zuständig.

Wie ist Elias Meier überhaupt zum Windkraftgegner geworden? «Zuerst habe ich in der Zeitung gelesen, dass die Umweltverträglichkeitsprüfung für das Projekt auf dem Grenchenberg sehr positiv ausgefallen sei», erzählt er. «Im Gymnasium habe ich dann für die mündliche Prüfung in Volkswirtschaft ein Thema gesucht, und ich entschied mich für Energie am Beispiel des Projekts in meiner Region. So bestellte ich diesen Umweltverträglichkeitsbericht. Den erhielt ich aber nicht, da er nicht öffentlich sei.» Auf Umwegen kam er dann doch an den Bericht inklusive Anhängen mit den Gutachten.

«Die Journalisten erhielten offensichtlich nur die Zusammenfassung zu lesen.» Doch darin würden viele wichtige Informationen aus den Gutachten fehlen oder seien uminterpretiert worden, zum Beispiel beim Lärm. «Es stand auch nichts mehr von der schweren Verletzung der Jura-Landschaft.»

Die Umweltverbände hätten sich mit Kritik erst zurückgehalten. «Das muss doch einen Grund haben, dachte ich mir.» Tatsächlich passierte dann Merkwürdiges: Die Stiftung Landschaftsschutz reichte im Gespann mit anderen Naturschutzorganisationen zwar Beschwerde ein, ­bezahlte aber 2015 den nötigen Kostenvorschuss von 1500 Franken für das Verfahren nicht fristgerecht.

Lapsus oder Absicht?

Die aussichtsreichsten Einsprecher waren damit abgeblitzt. Ein riesiger Lapsus, zitierte das «Grenchner Tagblatt» die Verantwortlichen. Damals sei aber auch die Energiestrategie im Parlament behandelt worden, erinnert Meier. Der Landschaftsschutz kämpfte als vom Bund subventionierter Verband gegen den Ruf, trotz der Forderung nach Atomausstieg alles verhindern zu wollen, sowohl neue Wasserkraftwerke als auch Windparks.

Der Landschaftsschutz ist beim Windpark Grenchenberg nun erledigt. Die Solothurner Kantonsregierung hat die Nutzungsplanung letzten Monat genehmigt, das Rodungsgesuch gebilligt und Beschwerden sowie Einsprachen abgelehnt. Hängig ist allerdings die Einsprache des Schweizerischen und des Solothurnischen Vogelschutzverbandes vor Verwaltungsgericht. Sie befürchten, dass seltene Vögel, die auf dem Grenchenberg brüten und durchziehen, von Rotorblättern erschlagen werden.

Und Pro Grenchen ist bereits vor Bundesgericht gezogen. «Uns geht es um die geologischen Probleme, die damit verbundene Trinkwasserverschmutzung, den tieffrequenten Lärm und das ­Risiko als Steuerzahler», sagt Meier. Die Windturbine auf der Wandflue sei schwer absturzgefährdet. «Hier in diesem Karstgebiet ist alles voller Klüften und Höhlen.» Zudem sei das Gebiet der ersten Jura-Kette von Solothurn bis ins Waadtland der beste Trinkwasserlieferant für die anliegenden Siedlungen.

«Bei der Probebohrung wurde hier 40 Meter tief fast kein Stein gefunden. Jedes Fundament der Turbinen würde deshalb mit 1500 Tonnen Beton aufgefüllt und die Trinkwasserquelle darunter damit geschlossen.» 150 Einsprecher seien davon betroffen. Vor Bundesgericht wird nun abgeklärt, ob sie zur Einsprache legitimiert sind.

Für SWG unbedenklich

Per Just, Geschäftsleiter des federführenden Grenchner Energie- und Wasserversorgers SWG, entgegnet: «Unsere geologischen Untersuchungen und Probebohrungen haben gezeigt, dass der Bau der geplanten Windturbinen an den vorgesehenen Standorten grundsätzlich unbedenklich ist.» Ein einziger Standort befinde sich womöglich in einem Karstgebiet mit Hohlräumen. Gegebenenfalls müsse hier das Fundament auf Pfähle gestellt und speziell abgesichert werden. Und als Grenchner Wasserversorger kenne die SWG die Quellen im Gebiet sehr gut. «Mit den geeigneten Schutzmassnahmen ist die Betonierung der Fundamente unbedenklich. Einmal erstellt, besteht sowieso kein Problem für die Wasserquellen», sagt Just.

Für den Bau der Anlagen würden zwar viele Lastwagenfahrten auf den Grenchenberg nötig. Durch den technischen Fortschritt der letzten Jahre könnten immer längere Güter hoch hinauf transportiert werden. «So können wir ohne grosse Strassen­verbreiterungen und Rodungen die rund 61 Meter langen Rotorblätter auf den Grenchenberg bringen.»

Lukratives Geschäft

Die Investitionen für den Windpark der SWG betragen 35 Millionen Franken. Für den Strom erhält das Stadtwerk während zwanzig Jahren aus der kostendeckenden Einspeisevergütung (KEV) pro Kilowattstunde im Schnitt 15,5 Rappen. Bei der erwarteten Produktion von 32 Gigawattstunden ergibt dies rund 5 Millionen Franken pro Jahr.

Das Land für die beiden nebeneinander geplanten Windparks gehört den Bürgergemeinden von Grenchen und Lengnau BE, die eine Entschädigung erhalten werden, wie Meier festhält. Die Bauern und Restaurantbetreiber hier oben sind Pächter. Diese Abhängigkeit mag erklären, warum auch der Landwirt auf dem Obergrenchenberg das Projekt nicht kommentieren will. Es sei schon viel zu viel darüber gestritten worden, sagt er einzig.

Der Widerstand aus dem Tal hat den Bau schon für Jahre verzögert. Der zuletzt geplante Beginn im Jahr 2018 wird sich wohl auch nicht halten lassen, wie Just einräumt. Vermutlich werde es 2019. «Wenn wir die Energiestrategie 2050 umsetzen wollen, müssen wir solche Standorte nutzen können. Der Grenchenberg ist einer der besten überhaupt.»

Windparkgegner Meier sieht den Grenchenberg als wichtigsten Puzzlestein beim Ausbau der Windenergie in der Schweiz: «Wenn die Anlagen hier oben ­einmal gebaut sind, kann man sie im halben Mittelland sehen. Es ist ein Leuchtturmprojekt, ein Mahnmal, um die Leute daran zu gewöhnen, dass jetzt 1000 Windturbinen erstellt werden sollen, um die Energiestrategie zu erfüllen. Dieses Projekt hier wäre der Tabubruch», sagt Meier, bevor er sich verabschiedet und in sein Elektroauto steigt.

Er werde wegen des Strombedarfs seines Fahrzeugs nicht angegriffen. Sein Renault Twizy sei schliesslich ein äusserst energieeffizientes Elektrokleinauto ohne Komfort. «Ich weiss, ich fahre im Moment mit Atom- und deutschem Kohlestrom, aber auch mit Strom aus Wasserkraft. Aber ich spare für eine eigene Solaranlage auf dem Dach inklusive lokalen Speichers.» Meier propagiert Energiesparen, er glaubt an das Potenzial von Erdwärme und an dezentrale Energieproduktion, zum Beispiel mit kleinen Windanlagen auf dem eigenen Dach. Die riesigen Turbinen in der Natur seien dagegen völlig unverhältnismässig. (Berner Zeitung)

Erstellt: 12.08.2017, 12:10 Uhr

Energiestrategie

Die vom Stimmvolk gebilligte Energiestrategie will die ­Windstromproduktion in der Schweiz bis 2050 um das Dreissigfache erhöhen. Im letzten Jahr gab es erst 37 Windenergieanlagen, die rund 140 Gigawattstunden Windstrom produzieren konnten. Bis ins Jahr 2050 sollen es 4300 Gigawattstunden sein. Um dies zu erreichen, müssen – je nach Leistung – 800 bis 1000 neue Windkraftanlagen gebaut werden.

Gemäss dem «Konzept Windenergie» von Bundespräsidentin Doris Leuthard befinden sich ­geeignete Standorte vor allem auf den Jura-Höhen sowie zwischen Genfer- und Neuenbur­gersee, im Seeland, im Emmental sowie im Gebiet vom Säntis bis zum Bodensee, im Rhonetal und rund um Chur.

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