Die radikalen PR-Profis aus Bümpliz

Die Hardliner des IZRS müssen vor Gericht. Wie sie zu den bekanntesten Repräsentanten des Islam in der Schweiz wurden.

Flirten mit der Provokation: Mitglieder des IZRS bei einer Demonstration in Freiburg vor vier Jahren. Foto: Keystone/Peter Klaunzer

Flirten mit der Provokation: Mitglieder des IZRS bei einer Demonstration in Freiburg vor vier Jahren. Foto: Keystone/Peter Klaunzer

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Sie werden gegen knurrende Mägen kämpfen und gegen die Bundesanwaltschaft. Just zum Auftakt des Ramadans muss die Führungsriege des Islamischen Zentralrats Schweiz (IZRS) erstmals vor Gericht erscheinen.

Um 4.23 Uhr am Mittwoch beginnt der Fastenmonat, auf 8.30 Uhr hat das Bundesstrafgericht in Bellinzona den Prozess gegen das männliche Spitzentrio der Salafistenvereinigung angesetzt.

Die Bundesanwaltschaft wirft den drei angeklagten Vorstandsmitgliedern vor, sie hätten mit Videobeiträgen aus Syrien Propaganda für die al-Qaida gemacht. Die Beschuldigten verteidigen sich, sie hätten genau das Gegenteil getan: vor Terrorismus gewarnt. In ihrer Darstellung veranstaltet der Schweizer Staat einen «politischen Schauprozess» gegen sie.

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Präsident Nicolas Blancho, der Medienverantwortliche Qaasim Illi und der «Kulturproduktion»-Chef Naim Cherni dürften an den zwei Verhandlungstagen bestens gewappnet vor dem Richter erscheinen. Bereits heute Montag stellen sie sich den Fragen der Journalisten. Der IZRS hat für die Medienkonferenz in Bern auch «Einblick in die Verteidigungsstrategie» und «in wichtige Unterlagen und Gegenbeweisstücke» versprochen.

Mehr Öffentlichkeitsarbeit hat es vor einer Strafverhandlung in der Schweiz kaum je gegeben. Gesprächsanfragen von Bernerzeitung.ch/Newsnet schlug der IZRS jedoch aus. Die Gegenkampagne läuft seit Wochen: Die Angeklagten haben sogar ein Logo kreiert, auf dem ihre Köpfe zu sehen sind. Auf ihrer Webseite haben sie die Anklageschrift integral veröffentlicht und mehrere «Faktencheck»-Videos aufgeschaltet. Zu sehen gibt es dort auch ein Musikvideo zur «Operation Justitia», «dem Feldzug gegen den bundesanwaltschaftlichen islamophoben Unfug». Die Dreharbeiten lösten sogar einen Einsatz der Polizei aus.

Es dreht sich im Kreis

Der IZRS tut wieder einmal, was er am besten kann: sich Aufmerksamkeit verschaffen. Der Prozess ist für die Hardliner eine Selbstbestätigung: Sie, die angeblichen Repräsentanten «des wahren Islam», würden sich als Einzige im Land gegen die Muslimfeindlichkeit wehren und müssten dafür büssen – was wiederum «islamophob» sei. Alles dreht sich im Kreis, und das schon seit acht Jahren.

Schon der erste Auftritt der Organisation, Ende 2009, stand unter dem Motto «Stoppt die Hetze gegen den Islam». Es war eine Demonstration vor dem Bundeshaus gegen das kurz zuvor angenommene – eindeutig diskriminierende – Minarettverbot. Das Leitmotiv der sektenähnlichen Organisation ist seither die «Islamophobie», ihr Kampfbegriff, um Kritiker zu diskreditieren. Ihre Methode war gleich mit dem ersten Auftritt erfolgreich: Auf den Bundesplatz hatte der IZRS den radikalen deutschen Prediger Pierre Vogel eingeladen, dem die Behörden die Einreise verweigerten. Wenig später trat Vogel dann doch an einem Anlass des Zentralrats auf. Die Medien berichteten breit über das Hin und Her. Die zuvor unbekannte wahhabitische Splittergruppe war plötzlich bekannt. Weiter ging es in gleichem Stil.

Es gab andere Einreise- und Veranstaltungsverbote, Unterstützung für Schüler, die ihrer Lehrerin den Handschlag verweigerten, den Kampf gegen das Verhüllungsverbot, ab und zu ein radikales oder zumindest missverständliches Statement. Das alles zog Schlagzeilen nach sich. Und machte die IZRS-Führung zu PR-Profis, die geschickt Ressentiments schüren, ohne jedoch direkt zu Gewalt aufzurufen.

Was der IZRS am besten kann: Aufmerksamkeit für sich erzeugen.

Andere Muslimverbände, schlechter organisiert, gaben kaum Gegensteuer bei der unfreundlichen Übernahme durch die Salafisten-Schar. Dabei repräsentiert der IZRS auch heute noch deutlich weniger als ein Prozent der fast 400'000 islamischen Gläubigen in der Schweiz. Er hat nur etwa 45 aktive Vereinsangehörige. Gemäss eigenen Angaben kommen 3500 Passivmitglieder dazu. Ebenso viele Medienartikel – rund 3500 – sind über den Verein mit den Büros in Bümpliz seit der Gründung 2009 erschienen.

Der Zentralrat konnte ungestört mit der Opferrolle der Muslime spielen, der tatsächlichen und der angeblichen. Fakt ist, dass auch in der Schweiz Frauen, die sich verhüllen, ausgegrenzt, bespuckt, beschimpft werden. Und doch ist die Diskriminierung von Muslimen weniger stark als von anderen Bevölkerungsgruppen. Gemäss der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus gab es 2017 am meisten rassistische Vorfälle gegen Schwarze, nämlich 0,95 Fälle pro Tausend dunkelhäutige Einwohner. Danach folgen die Juden mit einem Vergleichswert von 0,34. Erst dann kommen die Muslime mit 0,15.

Bislang unbelegt ist die Behauptung des Zentralrats, die schweizerischen Strafverfolger handelten islamfeindlich. Auffällig ist eher, dass die ansonsten unzimperliche Bundesanwaltschaft ihre Möglichkeiten im Strafverfahren gegen das angeklagte Trio nicht ausschöpfte. Sie durchsuchte weder die Bümplizer Büros noch Privatwohnungen. Somit konnte sie auch das Rohmaterial nicht beschlagnahmen, aus dem die Propagandastreifen aus Syrien zusammengeschnitten sind.

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Das weiss auch Konvertit und Vielredner Illi, ein wegen antisemitischer Rassendiskriminierung verurteilter Schaffhauser. Das PR-Talent hat es geschafft, sich und seinen Studienkollegen Nicolas Blancho, ein im Auftritt eher blasser Bieler Lehrersohn, zu den bekanntesten Muslimen in der Deutschschweiz zu machen. Und die Medien machten mit.

Bereits kurz nach Gründung des IZRS hatte die «Weltwoche» Blancho als «gefährlichsten Islamisten der Schweiz» aufs Titelbild gerückt und ihm als «Bin Laden in Biel» mehrere Seiten gewidmet. Das war natürlich übertrieben. Aber einen Personenkult um den 34-Jährigen gibt es auch vereinsintern. Dort lässt Blancho sich «Scheich Abdullah» nennen.

Schuldenberg von 200'000 Franken

Die Konvertiten Illi und Blancho sind die Aushängeschilder. Das Fussvolk und den harten Kern des IZRS bilden seit den Anfängen junge Muslime vom Balkan, zum Teil auch ganze Familienclans. Auf der allerersten Liste von Aktivmitgliedern standen elf Namen, allesamt Männer mit bosnischen oder albanischen Wurzeln. Der Rest besteht neben Konvertiten hauptsächlich aus Leuten mit arabischen und somalischen Wurzeln sowie vereinzelten Türken, Afghanen oder Tschetschenen. Kaum Fuss fassen konnte der IZRS in der Westschweiz.

Auch mit verschiedenen Grossprojekten ist der Zentralrat gescheitert. Statt aus der angekündigten «repräsentativen Botschaft» in der Nachbarschaft zum Bundeshaus agiert der IZRS aus der Berner Peripherie. Pläne für eine 20-Millionen-Franken-Moschee in der Bundesstadt wurden nicht umgesetzt; ebenso wenig der Traum von einer islamischen Universität im deutschsprachigen Raum. Für das 300-Millionen-Projekt weibelte die IZRS-Führung bei potenziellen ultrakonservativen Sponsoren am arabischen Golf. Manchmal floss von dort etwas Geld, aber sehr grosse Summen können es kaum je gewesen sein. Blancho hat privat und mit zwei Firmen einen Schuldenberg von 200'000 Franken angehäuft.

Radikale Sympathien

Auch der Internet-Fernsehsender des IZRS blieb ein schöner Plan. Professionell gemacht sind hingegen Naim Chernis viele Videos, die im Netz publiziert werden. Der 26-jährige Deutsche reiste mehrfach nach Syrien und sympathisierte im Kriegsverlauf mit immer radikaleren Kampfgruppen – nicht aber mit dem IS. Nicolas Blancho hat aber auch öffentlich verkündet, dass er den Jihad für eine legitime Pflicht der Muslime halte. Offiziell verurteilt der IZRS den IS. Der Zentralrat favorisiert aber die mit dem IS verfeindeten Islamisten im Umfeld der syrischen Al-Qaida-Filiale.

Nicolas Blancho an einer Medienkonferenz in Zürich. (Bild: Sabina Bobst)

Doch von den elf Aktivmitgliedern der ersten Stunde äusserten deren drei Sympathien für den IS. Hinzu kommt ein ehemaliges Vorstandsmitglied, das in den sozialen Medien immer wieder für die Terrororganisation Partei ergriff. Mindestens sieben Leute aus dem Dunstkreis des Zentralrats schlossen sich dem IS an.

Qaasim Illi hat auf Facebook mit dem deutschen Hassprediger und Jihad-Reisenden Sven Lau sympathisiert. In einer wieder gelöschten Botschaft schrieb er nach Laus Verhaftung Ende 2015: «Wir haben dich nicht vergessen; ein Held bist du, und als solcher mit erhobenem Haupt wirst du früher oder später in Freiheit zurückkehren.» Der deutsche Bundesgerichtshof hat Lau wegen Unterstützung einer Terrorgruppe, die im IS aufging, zu einer fünfeinhalbjährigen Gefängnisstrafe verurteilt.

Zentralrat ändert Taktik

Neben der Propaganda beherrscht der IZRS auch die Veranstaltungsorganisation – auch unter erschwerten Bedingungen. Der Zürcher Sicherheitsdirektor Mario Fehr will dem IZRS in seinem Kanton keine Bühne mehr bieten und verhindert Grossanlässe. Mietverträge für Turnhallen und andere Räume sind für den IZRS kaum mehr zu bekommen. Der Zentralrat hat nun seine Taktik geändert.

Ein Unternehmer, der zum inneren Kreis zählt, und eine Person aus dem Familienumfeld des IZRS-Finanzchefs Adisin Hodza gründeten eine Firma, die ein Fitness- und Boxzentrum in einem Zürcher Aussenquartier betreibt. Im selben Gebäude befinden sich auch Räumlichkeiten, in denen der Zentralrat nun seine Seminare abhält. Grossveranstaltungen sind dort zwar nicht möglich, dafür können sich die Behörden aber auch nicht mehr einmischen.

Versammlungsorte hält der IZRS mittlerweile möglichst lange geheim – so auch für den «Ramadan-Booster» am Sonntag in Zürich. Gemäss Einladung wurde man dort «mit viel, viel gutem Essen verwöhnt» («gratis gebratenes Schaf, Kebab-Spiesse, Salate, Dessertbuffet usw.»). Ein gutes Polster können die Angeklagten ab kommenden Mittwoch gebrauchen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.05.2018, 06:17 Uhr

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