In den Medien kommen Frauen nur auf ein Viertel der Nennungen

Männer in der Öffentlichkeit, Frauen am Herd? In den Zeitungen wird viel häufiger über Männer als über Frauen berichtet, wie eine Auszählung der Artikel unter anderem dieser Zeitung zeigt.

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Mathias Born@thisss

Er ist ziemlich einsilbig. Sie hingegen glänzt mit ihren Kommunikationsfertigkeiten. Aber nur im privaten Umfeld. In der Öffentlichkeit ist er es, der den Ton angibt.

Ein Geschlechterstereotyp? Gewiss. Doch noch immer ist mehr daran, als man erwarten könnte. Dies jedenfalls suggeriert unsere Datenauswertung: Wir trugen rund 400'000 Artikel zusammen, die zwischen dem Sommer 2015 und heute in den Tamedia-Tageszeitungen «Tages-Anzeiger», «Der Bund», «BZ Berner Zeitung» sowie dem «Landboten» publiziert worden sind. Und wir durchsuchten sie nach in der Schweiz gebräuchlichen Vornamen (siehe Box).

Weitaus am häufigsten schreiben die Tamedia-Journalisten demnach über Leute, die die Namen Peter, Thomas und Martin tragen. Auch Daniel, Michael und natürlich den Donald findet man besonders oft in den Zeitungsspalten, noch etwas häufiger als Christian, Hans und Stefan.

Auffallend: Unter den 35 meistgenannten Namen ist kein einziger weiblich. Andrea auf Rang 36 ist der erste meistens für eine Frau stehenende Vorname. Auf ihn folgen auf Rang 41 Barbara, auf Rang 50 – wohl dank der Kanzlerin – Angela, dann Ursula (54), Doris (57) und Maria (Rang 65).

Dass Frauen stark untervertreten sind, zeigt eine Analyse der 1000 meistgenannten Namen: Während es sich bei 744 davon um Männernamen handelt, sind lediglich 256 Frauennamen zu finden. Bei drei Vierteln aller publizierten Namen handelt es sich also um Männernamen. Zwischen den einzelnen Zeitungen bestehen in diesem Bereich bloss sehr kleine Unterschiede: In den Berichten der «Berner Zeitung» und des «Landboten» beträgt der Frauenanteil rund 24 Prozent, beim «Tages-Anzeiger» 23 und beim «Bund» 22 Prozent.

Bei dieser einfachen Auszählung wurde nicht untersucht, in welchem Zusammenhang die Vornamen in der Zeitung genannt wurden. Stichproben deuten aber darauf hin, dass der Frauenanteil in der Berichterstattung zu Sozial- und Kulturthemen höher ist als etwa in den Bereichen Politik und Wirtschaft.

Es mag viele Gründe dafür geben, dass Frauen in den Zeitungen zu wenig zu Wort kommen. Einer ist, dass noch immer weitaus mehr Männer auf den Chefposten sitzen und damit im Zentrum des öffentlichen Dialogs stehen. Ein weiterer ist, dass Sportarten wie Fussball und Eishockey, denen in den Zeitungen am meisten Platz eingeräumt wird, stark männerdominiert sind. Aus der Pflicht nehmen können sich die Journalistinnen und Journalisten aber nicht. Denn solange die Frauen eine zu kleine öffentliche Plattform kriegen, ist der Weg zur leitenden Stellung im Job, zur Berühmtheit im Showgeschäft oder zur Wortführerin in einem Themenbereich steinig. Oder anhand der Politik: Wer wählt schon eine Politikerin, die kaum Medienpräsenz hat?

Frauen haben es schwerer

Doch selbst im Vorfeld von Wahlen, wenn alle Kandidierenden mit gleich langen Spiessen kämpfen sollten, ist die Berichterstattung nicht ausgeglichen. Das zeigt eine Studie, die die Universität Freiburg im Auftrag der Eidgenössischen Kommission für Frauenfragen, des Bundesamts für Kommunikation und der SRG durchgeführt hat. Ein Team aus Medienwissenschaftlerinnen und Medienwissenschaftlern hat im Vorfeld der eidgenössischen Wahlen im Jahr 2015 untersucht, wie präsent die Kandidierenden in den wichtigsten deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Zeitungen, Onlinemedien und dem Onlineangebot der SRG SSR waren.

Das Resultat der umfangreichen Untersuchung kommt zu einem ähnlichen Fazit wie die einfache Auszählung der Artikel. «Wir haben eine Unterrepräsentation der kandidierenden Frauen festgestellt», sagt Philomen Schönhagen, Professorin am Departement für Kommunikationswissenschaft und Medienforschung der Universität Freiburg. In der Studie wurde die Präsenz von Frauen auf den Wahllisten mit ihrer Präsenz in den Massenmedien verglichen. «Frauen erhielten rund 10 Prozent weniger Aufmerksamkeit als Männer», so Schönhagen. Zu ähnlichen Resultaten kam eine Auszählung der «SonntagsZeitung» vom letzten Jahr.

Ansonsten war die Vorwahlberichterstattung laut der Studie der Universität Freiburg aber ausgeglichen. Eine klassische thematische Zuschreibung – zum Beispiel Wirtschaftsthemen für Männer, Sozial- und Kulturthemen für Frauen – konnte nicht nachgewiesen werden. Die privaten Lebensumstände wurden sehr selten thematisiert. Wenn doch, dann prozentual etwas häufiger bei den Kandidatinnen als bei den Kandidaten.

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