Eine überfällige Wiedergutmachung

Der Solidaritätsbeitrag an ehemalige Verdingkinder sei ein Denkanstoss, sich mit Fehlern der Vergangenheit auseinanderzusetzen, kommentiert Redaktor Bernhard Kislig.

Die Schicksale der Verdingkinder und der Opfer fürsorgerischer Zwangsmassnahmen machen sprachlos. Junge Menschen wurden wirtschaftlich ausgebeutet, geschlagen und missbraucht. Sie waren wehrlos, ihren Peinigern physisch wie geistig unterlegen. Ihnen fehlte nicht nur der Rückhalt liebender Eltern, sondern überhaupt ein Schutz, zum Beispiel durch eine Kontrollbehörde.

Darunter litt nicht nur das Selbstwertgefühl, sondern auch die Entwicklung: Bildung und Chancen auf einen beruflichen Aufstieg blieben auf der Strecke. Hinweise im Lebenslauf auf das erlittene Leid, schreckten Arbeitgeber ab. So blieben viele der Betroffenen ihr Leben lang Verdingkinder: Geplagt von Scham oder gar Schuldgefühlen, verheimlichten etliche ihr Schicksal.

Fast einstimmig hat der Ständerat am Donnerstag Ja gesagt zu einem Solidaritätsbeitrag für die Betroffenen. Er folgt dem Nationalrat. Dieser Gegenvorschlag zur Wiedergutmachungsinitiative kann auf Gesetzesstufe rasch umgesetzt werden. Mit einem Referendum ist nicht zu rechnen. Und die Initianten haben richtigerweise bereits angekündigt, ihr Volksbegehren zurückzuziehen: Ihr Ziel ist damit erreicht. Eine Volksabstimmung hätte die Umsetzung unnötig verzögert – viele Betroffene sind betagt und könnten sonst möglicherweise nicht mehr profitieren.

In Anbetracht der traurigen Schicksale kann eigentlich niemand etwas dagegen haben, dieses dunkle Kapitel der Schweizer Geschichte mit einem Solidaritätsbeitrag abzuschliessen. Dennoch gibt es auch kritische Hinweise. Nicht allen Verdingkindern ging es schlecht: Manche erlebten eine glücklichere Kindheit, als es bei den leiblichen Eltern der Fall gewesen wäre. Und umgekehrt wurden in schwierigen Zeiten Kinder auch von Vater und Mutter misshandelt. Schläge waren bis vor wenigen Jahrzehnten noch o.k.

Aufgrund gesetzlich verankerter fürsorgerischer Zwangsmassnahmen konnten auffällige Menschen bis 1981 weggesperrt werden, ohne eine Straftat verübt zu haben. Werte ändern sich von Generation zu Generation. Ist es richtig, dass wir heute Busse tun für etwas, was früher akzeptiert war und rechtlich längst verjährt ist?

Ja. Der Solidaritätsbeitrag ist erstens eine überfällige Wiedergutmachung und zweitens ein Denkanstoss, sich mit Fehlern der Vergangenheit auseinanderzusetzen. Allein schon die Debatte um die Initiative und ihren Gegenvorschlag hat Positives bewirkt. Betroffene haben dadurch ihre Sprache wiedergefunden und beginnen, ihre Vergangenheit zu thematisieren, die nicht mehr länger tabu ist. Die Auseinandersetzung mit früheren Fehlern schärft hoffentlich auch das Bewusstsein für soziale Stigmatisierung oder Ausgrenzung, die auch heute noch gang und gäbe ist.

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