Als wolle die Natur zeigen, dass ein neues Leben möglich ist

In Bosnien-Herzegowina beeindrucken die unberührten Landschaften. Die Erinnerung an den Krieg ist aber allgegenwärtig.

  • loading indicator
Aleksandra Hiltmann@thisisAleksa

Der Duft frischer Cevapcici, würziger Hackfleischwürstchen, weht durch die Gassen der Altstadt. Im Café im unteren Stock des Hotels Ovo Malo Duše haben es sich einheimische Männer gemütlich gemacht. Auf dem Tisch stehen dampfende Tassen und kleine klare Gläser. Nicht «Hygge», der neue Wohlfühltrend aus Dänemark, sondern «Merak» heisst das bosnische Lebensgefühl, zu welchem auch deftiges Essen bereits zum Frühstück gehört. Der Name des kleinen Hotels verleiht diesem Geniessen Nachdruck. Übersetzt bedeutet er: Dieses bisschen Seele.

Die Seele der bosnischen Hauptstadt ist vielschichtig. «Sachertorte und bosnischer Kaffee, so schmeckt Sarajevo», findet der junge Stadtführer Edin. Die Habsburger brachten die Torte und klassizistische, mondäne Fassaden, die Osmanen den starken, schwarzen Kaffee und den orientalisch geprägten Basar im Herzen der Altstadt, der Bašcaršija. Über der ältesten Gasse, der Kupfergasse, berühren sich die Dächer beinahe, so schmal ist sie.

Hinter Fenstern sieht man Handwerker traditionelle ­Kaffeesets aus Kupfer formen. Eine Ecke weiter stapeln sich prächtige Teppiche. Die Händler stiegen früher in Gasthäusern ab, heute bewirtschaften Bars und Restaurants mit schattigen Innenhöfen – etwa das Barhana oder Dveri – die Gäste. Diese tragen Kopftuch oder Shorts. Mal wird Ramadan, mal das internationale Sarajevo Film Festival gefeiert. In den Himmel ragen Minarette, die Kuppeln einer Synagoge und Kirchtürme.

Die Einschusslöcher an der Wand der katholischen ­Kathedrale dagegen sind ein Mahnmal für die blutige Vergangenheit. 1425 Tage dauerte der Beschuss von Sarajevo während des Bosnienkrieges. Er kostete über 10'000 Menschen das Leben. In den Fassaden der grossen Plattenbauten klaffen Krater. Sie stammen von Granateneinschlägen. Rot eingefärbte Löcher auf den Trottoirs – die «Rosen von Sarajevo» – erinnern an jene, die hier getötet wurden. Auf der Reise übers Land fährt man an Skeletten zerstörter Häuser vorbei.

So schön die neuaufgebaute Brücke über die ­Neretva in Mostar ist, die Stadt ist bis heute ethnisch weitgehend getrennt. Wegweiser führen zu ­Orten, die im Zusammenhang mit Kriegsverbrechen stehen. Interessierte besuchen auf den Konflikt spezialisierte Museen, Kriegsschauplätze in und um Sarajevo und Gedenkstätten im ganzen Land. Andere schreckt diese Vergangenheit eher ab. Doch man kann auch ganz anders durch Bosnien reisen. Das Land bietet betörend schöne Landschaften und unfassbar viel Grün. Fast scheint es, als wolle die Natur zeigen, dass ein neues Leben möglich ist.

Mutige stürzen die olympische Bobbahn hinunter

Ein Zeichen dafür setzte man mit der wiedereröffneten Gondelbahn auf den Trebevic, den Hausberg von Sarajevo. Das Naherholungsgebiet wurde entweiht, als es während des Krieges zur Kampfzone wurde. Seither stand die Bahn still. Als vor rund eineinhalb Jahren die erste moderne Gondel den Berg hochfuhr, war der Jubel gross. Die Spazier- und Bikewege, Spielplätze, Picknickareale und der Streichelzoo sind beliebt. Im Sommer stürzen sich Mutige die olympische Bobbahn von 1984 hinunter. Nur das Restaurant an der Bergstation der Gondel wartet noch auf die Eröffnung. «Uskoro», sagen die Arbeiter und lachen. «Bald» sei es soweit. In Bosnien kann das alles heissen.

Gut voran kommt man hingegen in der Bjelašnica, dem Gebirgszug vor den Stadttoren, dessen höchster Gipfel über 2000 Meter über Meer erreicht. Dort fliessen die Investitionen in neue Hotels, Ski­lifte und -pisten. Für jene, die lieber wandern, bieten die Bjelašnica und ihr Umland herrliche Routen, zum Beispiel in das höchstgelegene Dorf Bosniens, Lukomir. Dort kommt die Wirtefamilie der Pension Letnja Bašta mit der Bedienung der Gäste kaum nach. Gerade zieht die Köchin ein Blech selbst zubereiteten, frischen Bureks – eine gefüllte Teigspeise – aus dem Ofen. Eine Gruppe britischer Touristen reibt sich die Hände.

Einer der wertvollsten Schätze der Natur ist der Sutjeska-Nationalpark an der Grenze zu Montenegro. Majestätisch türmt sich das Felsmassiv um den höchsten Berg des Landes, den Maglic (2386 Meter über Meer). Rundherum schlägt das grüne Herz des Nationalparks, der Perucica-Wald, einer der letzten Urwälder Europas. Rangerin Nevena Novovic und Kollege Djordje Vukovic führen Besucher über die schmalen Trampelpfade und moosbewachsenen umgefallenen Baumstämme.

Durch den Nationalpark verläuft auch die Via Dinarica. Das 2000 Kilometer umfassende Fernwanderwegnetz verbindet die Länder des Westbalkans entlang des Dinarischen Gebirges. Es soll ein neuer Fixpunkt für ­Outdoor-Touristen werden. Unten in der Ebene steht das Hotel Mladost (Hotel Jugend). Es hat die besten Zeiten hinter sich. Unter Tito stiegen hier Tausende ab, wenn sie am gewaltigen Monument der Schlacht von Sutjeska gedachten. Das Monument steht noch. Die Zeit der Partisanen ist vorbei.

Der Tisch biegt sich unter Platten grillierter Speisen

Doch die Angestellten trotzten dem Zerfall und hielten das Hotel Mladost am Leben, mit viel Idealismus und Improvisationstalent. Was an der Fassade fehlt, wird andernorts kompensiert. Der Empfang ist herzlich. Gleich eine ganze Flasche Rakija steht im einfach eingerichteten Zimmer bereit. Unten im hoteleigenen Restaurant biegt sich der Tisch unter Platten grillierter Speisen und Käse. Die Gastfreundschaft ist, ohne dass man in Stereotypen verfallen möchte, rührend. Nicht nur im Hotel Mladost, auch an anderen Orten in Bosnien.

Einen Höhepunkt erreicht sie südlich der Stadt Mostar, auf dem Weingut der Familie Begic in der Herzegowina, jener Region Bosniens, die an Kroatien grenzt. Hier weht ein mediterraner Wind durch die Reben, an den Bäumen wachsen Feigen und Aprikosen. Frau Begic tischt einen riesigen Eintopf aus Fleisch, Gemüse und Kartoffeln auf, ihr Sohn Branimir schenkt auf dem Gut produzierte Weine aus. Spätestens nach einer Führung durch das begicsche Paradies und angesichts des Apfelkuchens, der in einem schattigen Hain wartet, kann die Welt untergehen. Bei uns würde man es wohl Völlerei nennen, in Bosnien einfach «Merak».

So rund wie bei den Begics läuft es nicht überall im Land. Der Tourismus sei neu in Bosnien, sagt Velid Alibašic, der sein eigenes Reiseunternehmen THQ Adventure führt. «Aber wir sind bereit zu lernen», versichert er, der Besuchern Touren zusammenstellt. Doch bereits jetzt gilt: Wer Bosnien besucht, geht als anderer Mensch nach Hause. Bosnien schenkt Reisenden mehr als Ferien. Es schenkt ihnen ein Stück seiner Seele.



Dieser Text stammt aus der aktuellen Ausgabe. Jetzt alle Artikel im E-Paper der SonntagsZeitung lesen: App für iOSApp für AndroidWeb-App

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt