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«Spiesser» sind sie nur in den Augen anderer

Gibt es noch Menschen, die immer ans gleiche Schweizer Ferienziel reisen? Auf Tuchfühlung mit der gar nicht so raren Spezies der Stammgäste.

Hat seinen Reiz für viele Stammgäste bis heute bewahrt: Das handkolorierte Glasdiapositiv zeigt Pontresina um 1910. Foto: Imagno
Hat seinen Reiz für viele Stammgäste bis heute bewahrt: Das handkolorierte Glasdiapositiv zeigt Pontresina um 1910. Foto: Imagno

Reist sie seit 1957 oder seit 1958 regelmässig an ihren Schweizer Herzensort? So ganz genau kann es die rüstige deutsche Frau nicht sagen. Was sie ganz sicher weiss: «Jedes Jahr, stets drei Wochen. Gern mit Verlängerung.» Und ganz wichtig: «Immer Pontresina.»

Die liebenswerte Dame mit Jahrgang 1921, die ihren Namen lieber nicht in der Zeitung sieht, gehört zur Gattung der Stammgäste, die der Schweiz über Jahre und Jahrzehnte die Treue hielten und halten. Es seien, sagt die Frau, die auf dem Pontresiner Curlingfeld jahrelang die Herren der Schöpfung düpierte, «die Luft dort oben, die Landschaft und das Licht».

Die Grande Dame des gepflegten Schweiz-Urlaubs, die schon als kleines Mädchen mit der Mutter ins Engadin reiste, schwärmt nicht allein von Pontresina. Sie ist umgeben von einem Schwarm der Schwärmer. Sie alle treffen sich an der «Saireda da Puntraschigna», dem Pontresiner Abend, den der Oberengadiner Ferienort alle drei Jahre für seine eingefleischtesten Stammgäste ausrichtet.

500 sind angereist in die Basler Eventlocation Altes Kraftwerk, handverlesen von Pontresiner Hotels, Ferienwohnungsbesitzern, Bergbahnen und Gewerbe.

Berufsbündner Zuccolini bespasst die Stammgäste

Dass hier in Basel, nahe dem St.-Jakob-Park, wenig zu spüren sei vom Oberengadiner Zauberklima, sei der Charme der Sache, betont Jan Steiner: «Pontresina reist ins Land hinaus, um seinen Stammgästen Danke zu sagen.» Steiner, zehn Jahre lang Geschäftsführer von Pontresina Tourismus und heute Brandmanager Engadin St. Moritz, schüttelt Hände links und rechts. Alles «heavy repeaters», Menschen also, die ihrem Ferienort die höhere Treue halten als ihrem Banker, ihrem Garagisten oder dem Ehepartner. Dafür werden sie jetzt belohnt mit Engadiner Plain in Pigna (Ofenrösti) und Ankerkraut-Poulet, mit vielen feinen Tropfen und groben Sprüchen des Comedian und Berufsbündners Claudio Zuccolini.

Die derart Bespassten eilen zum Buffet und tun dort, was man von jedem guten Stammgast erwarten darf: Drink, eat, repeat. Zwischendurch bleibt Zeit für einen Schwatz, mit Hoteldirektoren, die ihr Wissen aufblitzen lassen. «Habe ich 400 oder 420 Nächte in Ihrem Haus verbracht?», will ein Stammgast von seinem Dauergastgeber wissen. «404 waren es. Bisher», kommt die Antwort vom Hotelier, der zwischen Raclette und Kalbsschnitzel Anekdoten serviert. Etwa jene vom Paar, das in seinem Haus heiraten wollte, dafür die Ringe im Zimmersafe parkierte – aber diesen im kritischen Moment nicht mehr öffnen konnte. Sein Personal habe die Situation dann, erzählt der Hotelier, mit dem extrastarken Schraubenzieher deblockiert. Für Stammgäste tut man eben alles: «Wäre es nötig gewesen, hätten wir den Safe auch gesprengt.»

Ein anderer Gast hat kumuliert schon über zwei Jahre in seinem Pontresiner Lieblingshotel verschlafen. Es sei nicht so, dass er in einer Oberengadiner Zwangsjacke stecke, sagt der rüstige Herr: «Ich wurde Pontresina auch mal untreu, fuhr nach Mallorca und Mombasa.» Aber zum mehrmaligen Hinreisen konnte ihn dort nichts bewegen. Reuig kehrte er zurück. Und mit Vorfreude: «Die Schaukäserei Morteratsch ist mir lieber als Strände und Touristenbusse.»

Die meisten Stammgästein Pontresina sind Senioren

Der Oberengadiner Sehnsuchtsort lässt sich die Loyalitätssause in Basel eine sechsstellige Summe kosten. Ehre, wem Ehre gebührt, sagt Jan Steiner: «Diese Leute kommen immer wieder nach Pontresina. Das ist nicht selbstverständlich in der heutigen Zeit.»

Ein Blick in die Runde am Stammgastevent ergibt: Die Mehrzahl der hier Verwöhnten ist in Ehren ergraut und schwört als Enkel-Influencer die dritte Generation auf Pontresina ein. Aber nicht alle Stammgäste sind im AHV-Alter. Auch Peter und Olivera Scheuber aus Basel, 46 und 38, sind «verknallt ins Oberengadin». Weil die Gegend in seltener Kombination das Beste für ihren Lieblingssport biete. «Windsurfen im Sommer, Snowboarden im Winter – das gibt es sonst nirgendwo in dieser Qualität», schwärmt Kommunikationsmanager Peter Scheuber. Zehn Monate im Jahr seien sie «praktisch jedes Weekend» im Oberengadin, sagt die Chemikerin Olivera Scheuber.

Wenn eine Traumdestination eine derart wichtige Rolle spielt im Leben, dann ruft das nach Anpassungen. Auch im Leben daheim: «Weil wir so oft von Basel ins Oberengadin fahren», sagt Peter Scheuber, «mussten wir unser Auto wechseln.» Den zu grossen Subaru Forester habe man eingetauscht gegen einen kleineren, genügsameren Mini Clubman, weil: «Wir werden immer wieder ins Engadin fahren. Auch wenn wir sicher schon über hundert Mal dort waren.» Mittlerweile wohnen sie dort in der eigenen Ferienwohnung.

Gern im Engadin: Olivera und Peter Scheuber. Foto: Mattias Nutt
Gern im Engadin: Olivera und Peter Scheuber. Foto: Mattias Nutt

Neben Hotelgästen erfahren auch Zweitwohnungsbesitzer Stammgastehren. Etwa an der Lenk im Berner Oberland, wo 750 Hotelzimmer 2200 Ferienwohnungen gegenüberstehen. Während die Hotels sich selber um ihre Stammgäste kümmern, begrüssen Gemeinde- und Tourismusvertreter regelmässig in der Altjahrswoche bei einem «Verre d’amitié», einem Freundschaftsglas, alle Zweitwohnungsbesitzer an der Lenk. Ab zehn Jahren Präsenzzeit kommt man hier in die Kränze, als Loyalitätspräsente werden Originalscherenschnitte, Blumentrögli oder Food-Boxen an jährlich «50 bis 60 Jubilare» abgegeben, sagt Albert Kruker, Direktor von Lenk-Simmental Tourismus. Repeater seien in der heute so kurzlebigen Zeit extrem wichtig: «Die Hälfte aller Gäste reist auf Empfehlung von Verwandten und Bekannten an. Da kommt den Stammgästen natürlich die Rolle als Botschafter zu.»

An der Lenk beobachten die Tourismusverantwortlichen eine ähnliche Entwicklung wie in anderen Schweizer Ferienorten: «Wir haben eine Lücke bei den 25- bis 35-Jährigen. Aber sobald diese jungen Leute Eltern werden, kommen sie wieder regelmässig zurück. Generationenkreislauf» nennt Kruker diesen Zyklus.

Zermatt belohnt 20-Jahr-Jubiläen

Daniel Luggen kennt das Phänomen. Jeden Donnerstag um 17.30 Uhr ehrt der Zermatter Kurdirektor Stammgäste im 5-Stern-Haus Zermatterhof. Mindestens zwanzig Jahre muss man schon nach Zermatt reisen, um gefeiert zu werden. «Ich sehe unter diesen Stammgästen viele 40- bis 50-Jährige», sagt Luggen, der am Loyalitätsapéro Medaillen verteilt und auch mal Testfragen zum Zermatt-Wissen der Geehrten stellt. Seit 1984 pflege man den wöchentlichen Stammgasttermin, berichtet Luggen, und sei so auch eine stattliche Anzahl gekommen: «Der Stammgäste­zähler steht auf 16 900.»

Bleibt die Frage, ob es denn spiessig ist, immer wieder an den gleichen Ort zu reisen. Eine gute Antwort darauf hat der Mann aus Basel, der sein Herz an Pontresina verloren hat. «Vielleicht», sinniert Peter Scheuber, «ist das wirklich spiessig. Aber nur für die anderen.»

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