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Beim Original ist nur die Werbung digital

Der Nürnberger Christkindlesmarkt schreibt eigene Geschichten. Sein Erfolgsrezept: Tradition und Unverwechselbarkeit. Jährlich strömen zwei Millionen Besucher zum Event im Advent.

Nur rot-weiss gestreifte Dächer, kein Lautsprechergedudel: Der älteste Weihnachtsmarkt Deutschlands bewahrt seinen Stil. Foto: Getty Images
Nur rot-weiss gestreifte Dächer, kein Lautsprechergedudel: Der älteste Weihnachtsmarkt Deutschlands bewahrt seinen Stil. Foto: Getty Images

Uwe Freehse drängt zum Aufbruch: «Rebecca, wir müssen weiter. Man erwartet uns im Krankenhaus.» Normalerweise fährt Freehse Tram und U-Bahn. Doch jetzt herrscht Ausnahmezustand, und der Chauffeur der Nürnberger Verkehrsbetriebe kutschiert das Christkind im Kleinbus von einem Termin zum nächsten. Der 56-Jährige wechselt sich im Schichtbetrieb mit zwei Kollegen ab.

Rebecca Ammon ist 18 Jahre alt und im zweiten Dienstjahr als Nürnberger Christkind auf der Piste, gekürt von Medienkonsumenten und einer Jury. Die 25. Amtsinhaberin seit der Inthronisierung des Christkinds trägt ein goldbeiges Kleid und goldene Flügel. Das blonde Haar fällt in Locken auf die Schultern. Unter dem Engel-Outfit verstecken sich Faserpelz und Skiunterwäsche. Uwe Freehse und die anderen Fahrer begleiten Rebecca im Advent zu 150 Terminen – vom Besuch im Kinderheim bis zur TV-Schlagersendung mit Florian Silbereisen. Sie falle spätabends todmüde in ihr Bett in Nürnberg-Eibach, sagt die Gymnasiastin mit Berufswunsch Kriminalpolizistin. «Aber ich freue mich auf jeden neuen Tag und jeden Termin.»

Während Privatchauffeur Uwe Freehse ungeduldig auf seine Armbanduhr blickt, beantwortet Rebecca Ammon mit Engelsgeduld die letzten Fragen der kleinen Fans, die sich vor der Bühne des Weihnachtsmarkts drängen: «Christkind, bist du verliebt?» Die Nürnberger Galionsfigur lächelt hintergründig, verabschiedet sich und folgt Freehse, der mutig den Weg durch das Gedränge bahnt.

Kopien in den Vereinigten Staaten

Der Nürnberger Christkindlesmarkt ist Deutschlands ältester und berühmtester Weihnachtsmarkt. So populär, dass er weltweit vielfach kopiert wird. Vielleicht fliegt Rebecca nächstes Jahr als Christkind a.D. nach Chicago und eröffnet das amerikanische Pendant.

Zwei Millionen Besucher strömen jedes Jahr zum Christkindlesmarkt in die Frankenmetropole und bringen der lokalen ­Hotellerie 300000 zusätzliche Übernachtungen. Die Anziehungskraft gründet nicht nur auf der Tradition – die ersten Aufzeichnungen eines Weihnachtsmarkts stammen von 1628. Das Erfolgsgeheimnis ist wohl eher die Unverwechselbarkeit des Produkts, die Positionierung als Original, das sich nur behutsam dem Mainstream öffnet. Augenfällig das einheitliche Erscheinungsbild der Marktstände.

Einige versehen ihren Dienst seit 120 Jahren. Alle tragen rot-weiss gestreifte Dächer aus wetterfestem Stoff. Erst im vergangenen Jahr durften die Stände mit Lichtgirlanden behängt werden. Und aus den Lautsprechern dudelt kein «Jingle Bells» in Endlosschlaufe, dafür treten auf der Bühne Chöre und Posaunen­ensembles auf.

Fremdländisches verbannt man an die Peripherie des Budenzaubers, auf den Markt der Partnerstädte vor dem Rathaus.

«Wir bewahren eine alte Tradition», sagt Christine Baeck, die Marktchefin der Stadt Nürnberg. «Man wirbt zwar digital für den Markt, das Ereignis bleibt aber analog.» Trotz harter Beschränkungen des Sortiments stehen die Marktfahrer Schlange und müssen sich jedes Jahr neu bewerben. Fremdländisches verbannt man an die Peripherie des Budenzaubers, auf den Markt der Partnerstädte vor dem Rathaus. Dort gibts Single-Malt-Glühwein aus Glasgow oder Veroneser Wildschwein-Salami. Im Epizentrum auf dem Hauptmarkt riecht es einheitlich nach Spiral-Pommes, Baumkuchen und Nürnberger Bratwürsten. Ein Must, die neun Zentimeter langen Grilladen zu kosten, die aus Schafsdarm und Schweinefleisch gefertigt und mit Majoran gewürzt sind. Nur 13 Prozent der Stände gehen als Fressbuden durch, 5 Prozent der Marktfahrer schenken Glühwein aus. Bier und Wein: verboten.

Allein Insidern erschliesst sich die Faszination jener Nürnberger Spezialität, die im Überfluss feilgeboten wird: Der Zwetschgermoh ist ein kurliges Männchen, auf einem Holzbrett fixiert, der Leib aus getrockneten Feigen, die Extremitäten aus Zwetschgen. Eine Walnuss bildet den Kopf. Die Figuren kosten zwischen 8 und 13 Euro. Als auswärtiger Besucher entscheidet man sich eher für Lebkuchen. Das Gebäck mit Honig und Mandeln wird oft in Herzform produziert und mit heiteren Sprüchen dekoriert. Lebkuchen sind so traditionsreich wie der Christkindlesmarkt. Denn in Nürnberg kreuzten sich schon im Mittel­alter die Handelsrouten, die hiesigen Pfeffersäcke kamen leicht zu exotischen Ingredienzen.

Väterchen Frost verkauft Keramik in Winterfarben

Die Marktaufsicht verbietet saisonfremde Angebote, der Christkindlesmarkt bewahrt Stil. So verkauft Marktfahrer Väterchen Frost Keramik und Porzellan in Winterfarben oder Christbäume aus Glaselementen. Ein Schäfer handelt mit Wollsocken und ­Fellen, ein Modellschreiner mit versenkbaren Ritterburgen. Den Spielwarenanbietern auf dem Kindermarkt ist nur ein Kunststoffprodukt gestattet: Playmobile aus Nürnberg.

Auf dem Hans-Sachs-Platz steht auch das einzige Zugeständnis an den Volksfestcharakter: ein acht Meter hohes historisches Riesenrad.

Man kann sich dem Trubel der stark von Amerikanern und Asiaten frequentierten Veranstaltung entziehen – zum Beispiel auf der Terrasse der Adina-Appartements einen Glühwein schlürfen und über Nürnberg blicken.

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In der Ferne grüssen die Türme von Frauenkirche und Sebalduskirche. Mitten in der Stadt thront die Kaiserburg. Das Schicksal betrog die Nürnberger regelmässig. Obwohl die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches den ersten Reichstag nach der Krönung jeweils in der Nürnberger Pfalz abhalten sollten, sagten sie zuverlässig ab.

Immerhin hüteten die Nürnberger den Krönungsschatz, bis die Reichsinsignien 1796 vor den anrückenden französischen Revolutionstruppen in die Wiener Hofburg in Sicherheit gebracht wurden. Hitler, der das dunkelste Kapitel der Nürnberger Geschichte verantwortete, holte den Schatz zurück, die Amerikaner verlegten ihn wieder nach Wien. So standen die Franken mit leeren Händen da und vielleicht liegt darin ein Grund, dass Nürnberg die Tugenden seines Christkindlesmarkts eisern hütet. Wie sagt doch Christkind Rebecca: «Ich bin auf die Erde gekommen, um die Menschen glücklich zu machen.»

Die Reise wurde unterstützt von der Deutschen Zentrale für Tourismus.

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