Baden im ehemaligen Sperrgebiet

Albanien mausert sich zur Stranddestination mit internationaler Ausstrahlung.

Die albanische Küste lockt auch vermehrt Schweizer an: Am Strand von Durrës warten Badeartikel auf Käufer. Foto: Franziska Gilli/Laif

Die albanische Küste lockt auch vermehrt Schweizer an: Am Strand von Durrës warten Badeartikel auf Käufer. Foto: Franziska Gilli/Laif

David Sarasin@David_Sarasin

Atemberaubend ist das Wort, das einem in den Sinn kommt, nachdem der Bus den Llogara-Pass überquert hat und sich der Blick auf die weite Bucht öffnet. Grünbewachsene Berge fallen steil ins Ionische Meer, das in der Abendsonne schimmert. Der Bus hält an einer Aussichtsplattform. Eine Serpentine führt von hier aus hinunter bis nach Dhërmi.

Es ist zwar schon Abend, als der Bus in die kleine Küstenortschaft einbiegt. Ein paar Männer sind am Strand aber noch immer bei der Arbeit. Sie bauen schwere Boxentürme auf. Tags darauf wird hier ein Technofestival starten, sagt der Barkeeper des Luxushotels Splendor. Das Festival ist Zeichen dafür, was an der albanischen Riviera derzeit zu beobachten ist: Das Land im Südosten Europas mausert sich zur Destination mit internationaler Ausstrahlung.

Keine Strassen in Sicht

Der Weg dorthin ist aber beschwerlich. «Albanien hat mit Vorurteilen zu kämpfen», sagt der Historiker und Deutschlehrer Raim Beluli, der mit seiner Familie in der Hauptstadt Tirana lebt und nebenberuflich Reisende begleitet. Er ist nicht der Einzige, der mit Vorurteilen aufräumen will. Gleichzeitig nennt er die Probleme beim Namen. In den Neunzigerjahren wurde unkontrolliert gebaut. Die Armut ist ein Problem geblieben. Dann aber kommt er auf die verborgenen Schätze seines Heimatlandes zu sprechen. Zu ihnen gehören viele touristische Highlights. Von Dhërmi aus lassen sich etwa nach einem einstündigen Fussmarsch oder mit dem Boot einsame Strände entdecken. Strassen führen keine dorthin.

Unter der kommunistischen Führung von Diktator Enver Hoxha waren Teile der Küste militärisches Sperrgebiet. Ein- und Ausreisen waren beschränkt. In den Fünfzigerjahren durften nur die Bewohner von Bruderstaaten das Land bereisen. In einem alten Prospekt des Reisebüros der DDR ist nachzulesen: «Wir weisen ausdrücklich darauf hin, dass bei diesen Reisen keinerlei Komfort erwartet werden kann. Die landschaftliche Schönheit, der ideale Sandstrand und die Grossartigkeit der imposanten Bergwelt müssen hier für die Teilnehmer ausschlaggebend sein.»

Die Burg Ali Paschas faszinierte schon Lord Byron

Wie nahe Widersprüche beieinanderliegen können, zeigt das Schloss des ehemaligen osmanischen Herrschers Ali Pascha. Der Bau aus dem frühen Mittelalter liegt direkt neben dem ausrangierten U-Boot-Tunnel. Davor befindet sich eine Kaserne, an welcher der Zahn der Zeit nagt. Ein staubiger Weg entlang eines kleinen Strandes führt zur perfekt erhaltenen Burg, über die schon der englische Dichter Lord Byron in seinen Briefen über Albanien berichtet hatte. Der Duft von Salbei und Minze liegt in der Luft. Diese eindrucksvolle, mit Schautafeln anschaulich dokumentierte Kulturstätte ist in der Nebensaison alles andere als überlaufen. Es fragt sich, wie lange noch.

An der Strandpromenade der Ortschaft Himara weiter südlich herrscht dagegen schon am Morgen geschäftiges Treiben. Touristen richten sich unter Sonnenschirmen ein, vor den Cafés diskutieren Männergruppen. Der Strandabschnitt bildet das Zentrum der kleinen Ortschaft, die an den Hügeln ausfranst. Es ist ein Stadtbild, das einem vielerorts an der Riviera begegnet.

An der Küstenstrasse finden sich schmucke, ins Meer gebaute Restaurants, in denen zu erschwinglichen Preisen Fisch oder Meeresfrüchte angeboten werden. Die Restaurants sind gepflegt, das Personal freundlich und professionell. Nicht nur sie sind ein Beleg dafür, dass der Tourismus im Blauen Herzen Europas angekommen ist. Die Anzahl Touristen hat sich in den letzten zehn Jahren mehr als verdoppelt. In bestimmten Regionen ist der Tourismus zur Haupteinnahmequelle geworden. Mehr als 100'000 Personen sind in diesem Bereich tätig. Am deutlichsten zu erkennen ist der Massentourismus in der im Norden gelegenen Küstenortschaft Durrës. Hier reiht sich über mehrere Kilometer Hotel an Hotel. Nicht nur Gäste aus den Nachbarländern Kosovo, Mazedonien und Montenegro sonnen sich hier. Neue Erholungssuchende reisen aus Deutschland oder der Schweiz an. Der Reiseführer «Lonely Planet» erkor Albanien nicht zufälligerweise zur europäischen Top-Destination.

Ein lebendiges Bild der Hochkulturen

Ausschlaggebend dafür ist nicht nur die Riviera. Hervorgehoben werden auch die vielen, gut erhaltenen antiken Siedlungen entlang der Küste. Zu den Hauptattraktionen zählt Butrint. Die Kommune befindet sich 20 Kilometer südlich der Badeortschaft Saranda und damit in Sichtdistanz zur griechischen Insel Korfu. In der auf der Liste des Unesco-Weltkulturerbes aufgeführten Ruinenstadt überlagern sich Reste von griechischer, römischer, byzantinischer wie auch osmanischer Zeit. Die Tempel, Thermen oder Aquädukte vermitteln ein lebendiges Bild der Hochkulturen. Auch hier gibt es in der Nebensaison genügend Platz für Besucher.

Das benachbarte, steil in den Hang gebaute Saranda ist vom Küstenstädchen zur Kleinstadt mit fast 40'000 Einwohnern gewachsen. Dutzende Hotelblöcke prägen das Stadtbild, das sich vom Burghügel Lekursi aus besonders eindrücklich präsentiert. Auf den Grundmauern der Burgruine befindet sich nun ein Restaurant, das zu den besseren Adressen der Ortschaft zählt. Da die Albaner im Durchschnitt 350 Euro im Monat verdienen, ist es für sie unerschwinglich. Für westeuropäische Verhältnisse sind die Preise dagegen moderat. Wie so oft an der felsigen albanischen Riviera öffnet sich auch von hier aus der weite Blick übers Meer. In der von Dunst durchzogenen Abendsonne schlummern friedlich Korfu, die Ksamil-Insel und der Butrint-See.

Diese Reise wurde unterstützt von ITS Coop Travel.



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