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Wo Hippos vor der Veranda baden

Botswana, das dünn besiedelte Land im südlichen Afrika, setzt auf Naturschutz und exklusiven Tourismus. Die Jagd ist verboten – und doch findet sie auch im weltgrössten Binnendelta statt: mit der Kamera.

Einem Elefanten auf den Zahn fühlen: Im Okavango-Delta ist das möglich.

Botswana ist teuer, das vorweg. Doch es gibt wohl kaum ein schöneres Land, um auf Safari zu gehen. Und kaum ein sichereres in Afrika, einem Kontinent, der bei uns mit Ebola und islamistischem Terror Schlagzeilen macht. Botswana bekam dies ebenfalls zu spüren, die Buchungen gingen zurück, obwohl die aktuellen Krisengebiete Tausende von Kilometern entfernt liegen. Botswana allein ist so gross wie Frankreich und mit zwei Millionen Menschen sehr dünn besiedelt. Die Mehrheit lebt im Südosten, in der Region der Hauptstadt Gaborone.

Auch Evelyn Feiersinger ist in Gaborone aufgewachsen. Nie hätte sie gedacht, dass sie einmal eine Lodge im Okavango-Delta managen würde, auf einer Insel mitten in diesem riesigen Schwemmgebiet. In Südafrika war sie für eine Fluggesellschaft tätig, dort lernte sie ihren Mann kennen, einen ­Österreicher. Später arbeiteten beide in Gaborone, gingen dann wieder zurück nach Südafrika. Vor neun Jahren bewarb sich ihr Mann als Camp-Manager im Delta, er hatte Heimweh nach Botswana. Und er liebte, anders als seine Frau, die Natur. Als Evelyn zum ersten Mal in Maun landete, dem touristischen Tor zum Delta, wollte sie gleich umkehren. Eine Ansammlung von Hütten, staubige Strassen – mit ihren Stöckelschuhen war sie hier völlig fehl am Platz. Evelyn muss Lachen, als sie uns davon erzählt. Es ist ein langes und helles, ein glückliches Lachen.

Die Natur mit voller Wucht

Sie vereinbarten eine Probezeit. Schon in der ersten Woche erlebte Evelyn die Natur mit voller Wucht: Vor ihren Augen riss ein Rudel Wildhunde eine kleine Antilope. Das war zu grausam für sie. Doch ihr Mann liess nicht locker. Schliesslich gelang es ihm, sie vom Leben in der Natur zu überzeugen. Heute führt Evelyn das Chief’s Camp, eine Top-Lodge. Wenn der Okavango das Delta flutet, kann die Chefin den Hippos von der Veranda aus beim Baden zusehen.

Der Okavango-Fluss kommt aus dem regenreichen Hochland von Angola und findet keinen Weg zum Meer. Sein Wasser ergiesst sich in den Sand der Kalahari-Halbwüste. Es teilt sich dabei wegen des geringen Gefälles in unzählige Arme und bildet so das grösste Binnendelta der Welt. Während im oberen Teil eine Fläche von 6000 Quadratkilometern permanent unter Wasser steht, ist der untere nur saisonal überflutet. Was Ferien im Delta besonders attraktiv macht: Ausfahrten zur Tierbeobachtung sind mit dem Jeep wie auch mit dem Mokoro möglich – so heisst der traditionelle Einbaum, in dem die Touristen auf Wasserhöhe sitzen und der einheimische Bootsführer, der Poler, hinten steht.

Wilderer leben gefährlich

Mit einem langen Stecken stösst er das Boot vorwärts, und wenn sich ein Gast mit dem Fotoapparat hinauslehnt, stellt er die Balance her. Die Poler sind Profis, meist haben die Väter ihnen die Kunst des Mokorofahrens beigebracht. Wie auch das Wissen über das Delta, seine sich ständig verändernden Wasserläufe und das Verhalten der Tiere. Es gibt diese Schauergeschichten von Touristen, die von einem Flusspferd zerrissen wurden, nachdem ihr Boot umgekippt war. Hippos sind zwar Vegetarier, aber die gefährlichsten Tiere für Menschen auf Safari. Etwas mulmig ist es uns deshalb schon, als das Mokoro sich beim Einsteigen zur Seite neigt. Doch bald weicht dieses Gefühl, und Ruhe stellt sich ein. Still gleitet der Einbaum übers Wasser, vorbei an Papyrus und weissen Lilien, die sich in der einsetzenden Dämmerung öffnen. Umsichtig lenkt Peter, der Poler, das Boot an Untiefen vorbei und schliesslich in einen See. Von weitem ist ein dunkler Fleck auf dem Wasser zu erkennen, mit dem Fernglas als Flusspferd zu identifizieren. «Eine Mutter mit Baby», sagt Peter, der die Tiere von blossem Auge sieht. Das Kleine sei sehr scheu, es tauche dauernd unter Wasser. Wir bleiben in sicherem Abstand, geniessen die Abendstimmung auf dem See, über uns der weite Himmel, der sich rosarot färbt.

Fast hätten wir die Fahrt im Mokoro nicht machen können. Denn es hatte sehr wenig Wasser. Normalerweise ist von Dezember bis März Regenzeit, doch dieses Jahr blieb der Regen weitgehend aus. Die Fluten des Okavango erreichen das Delta jeweils zwischen April und August und verdunsten dann rasch.

Je nach Jahr, Jahreszeit und Ort bekommen die Touristen unterschiedliche Tiere zu sehen. Wer auf die Big Five aus ist, hat im Gebiet von Chief’s Island gute Chancen, Elefant, Löwe, Büffel, Leopard und Nashorn anzutreffen. Dazu Dutzende weiterer Säugetierarten und über 300 verschiedene Vögel. Hier, in der Mitte des Deltas, lagen früher die Jagdgründe des mächtigsten Häuptlings. Seit den 70er-Jahren darf nur noch mit der Kamera gejagt werden, Chief’s Island gehört zum Wildschutzgebiet Moremi, das grosse Teile des Deltas umfasst. Botswana hat schon früh auf Naturschutz gesetzt. Seit eineinhalb Jahren ist die Jagd sogar im ganzen Land verboten. Den Wilderern drohen harte Strafen. Werden sie in flagranti erwischt und versuchen zu flüchten, dürfen die Schutz­patrouillen auf sie schiessen.

Mit dem Wissen der Väter

Kontrollen finden tatsächlich statt, wie wir selber feststellen können. Wir sind mit Guide Martin unterwegs. Morgens um halb sieben sind wir vom Chief’s Camp losgefahren. Martin gilt als einer der Besten des Fachs. Sein Vater hatte früher die Jagdtouristen zu den Big Five geführt und dafür gesorgt, dass sie die gewünschten Trophäen mit nach Hause nahmen. Martin und auch sein Bruder Alan setzen die Führertradition auf andere Art fort, aber ebenso erfolgreich. Tags zuvor haben wir schon einige Elefanten gesehen. Kaum waren wir mit der Cessna auf der Buschpiste gelandet und in den Jeep gestiegen, der uns zur Lodge bringen sollte, trafen wir auf die ersten Dickhäuter, die mit ihren Rüsseln die grünen Äste aus Mopane-Bäumen knickten. Nach ein paar Metern stoppten wir erneut, weil eine Warzenschweinmutter und ihre zwei Kleinen unseren Weg kreuzten. Und so gings weiter, mit Pavianen, Eisvögeln, Kudus, Nashornvögeln, noch mehr Elefanten. Der Transfer vom Flugplatz zur Lodge war bereits eine kleine Safari.

Und nun, am folgenden Morgen, entdecken wir zwei männliche Löwen. Sie liegen, satt gefressen, unter einem Busch am Wegrand. Martin schaltet den Motor aus. Wir warten. Die Löwen machen grad keine Anstalten aufzustehen. Dafür nähert sich ein Militärfahrzeug, auf dessen Ladefläche drei Männer in Uniform und mit Gewehr stehen. «Hast du Nashörner gesehen?», fragen sie Martin. Die Tiere sind sehr scheu und selten. Früher ausgerottet, wurden sie erst vor rund zehn Jahren im Delta neu angesiedelt. Inzwischen gibt es wieder 68 weisse und 17 schwarze. Ein Elternpaar mit Kind sollten wir später noch sehen.

Nach fünf Tagen ziehen wir eine positive Bilanz. Von den Big Five fehlt zwar der Büffel, dafür haben wir Wildhunde angetroffen. Und wir freuen uns ebenso über die kleineren Tiere und die vielen farbigen Vögel. Nicht weniger als 70 Arten identifizieren wir zusammen mit dem Führer. Beim Aufwachen am Morgen, im Zelthaus am Waldrand, erfüllt ihr Singen und Rufen die Luft. Übers Dach hüpft ein Äffchen, am Rand der Ebene vor der Lodge grast eine Herde Impalas. Die Sonne kündet sich am dunkelroten Horizont an. Wir gehen hinaus auf die weite Wiese und sehen uns den Sonnenaufgang an. «Schaut, die Hyäne», ruft Camp-Managerin Evelyn, und wir drehen uns um. Da läuft das Tier, nur wenige Meter entfernt, an uns vorbei.

Ob es dieselbe Hyäne ist, die am Vorabend die Lodge besucht hat? Ungeniert stieg sie die Treppe zum Restaurant hoch, lief zielstrebig in die Küche, schnappte sich eine Büchse Schokoladepulver und trat, die Beute zwischen den Zähnen, den Rückweg an, vorbei an verdutzten Touristen, die auf der Terrasse am Rauchen waren. Der Barkeeper nahm die Verfolgung auf, doch die Hyäne war schneller.

Die Reise wurde unterstützt vom ­Lodge-Betreiber Sanctuary Retreats und von der Fluggesellschaft Edelweiss.

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