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«Wir dürfen uns nicht anbiedern»

Der Berner Synodalrat Gottfried

Gottfried Locher, könnten Sie sich ein Leben ohne die reformierte Kirche vorstellen? Gottfried Locher: Nein, ich brauche die Kirche, die Musik, die Liturgie, die Stille, das Gebet, die Predigt In der Kirche bekommt man eine Ahnung von einer andern Welt – davon, was auch sein könnte. Man kann ohne Kirche glauben. Aber mit wird man glücklicher. Es ist einfacher, wenn man sich mit andern austauschen kann, wenn man gestützt wird und die eigenen Zweifel mit andern teilt. Trotzdem gehen immer weniger Leute in die Kirche. Dann müssen wir eben schönere, bewegendere Gottesdienste feiern. Aber weniger Leute ist weniger schlimm, als weniger glaubwürdig zu sein. Braucht es spezielle Gottesdienste etwa für Töfffahrer oder Tierfreunde? Ich habe nichts dagegen, aber es gibt Wichtigeres. Wir müssen vor allem das Normale gut machen: Gottesdienste, Tauffeiern, Konfirmationen, Trauungen, Abdankungen, das Gemeindeleben für Jung und Alt. Es ist ja auch vor allem der Alltag, der uns im Leben glücklich oder unglücklich machen kann. Als höchster Reformierter der Schweiz möchten Sie also für eine bessere Qualität sorgen? Wir haben keine Hierarchie, die einen «höchsten Reformierten» bräuchte. Ich möchte das auch nicht werden. Aber ich möchte meine Kirche stärken. Ich möchte einsetzen, was ich gelernt habe, und finde, das passt nicht schlecht zum Amt des Präsiden-ten des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbunds (SEK). Welche Fähigkeiten meinen Sie? Meine Arbeit hat mir ein Netz-werk geschaffen in der Politik, der Kultur und der Wirtschaft. Und ich verstehe ein wenig von Theologie und Management. Wieso braucht der SEK-Präsident Managerqualitäten? Weil unsere Kirche ein komplexes Gebilde ist. Die Reformierten haben keine nach oben orientierte Struktur mit Chefs. Es ist ein loses Zusammenspiel verschiedener Landeskirchen, die der SEK mit guten Dienstleistungen überzeugen muss. Woher rührt die Angst der Reformierten vor Hierarchien? Ich weiss es nicht. Ich finde selber auch, dass es in der Kirche nicht viele Hierarchien braucht. Aber die Verantwortungen müssen klar geregelt sein. Wir müssen verbindlicher werden und an Profil gewinnen. Sonst versteht niemand mehr, was wir glauben und sagen. Haben Sie deshalb einmal den Wunsch nach einem Bischof oder einer Bischöfin für die Reformierten geäussert? Es geht mir nicht darum, jemandem Macht zu geben. Was zählt, ist, dass die reformierte Kirche ein Gesicht bekommt, das man in der Öffentlichkeit kennt und hoffentlich sympathisch findet. Jemand, von dem man weiss: Der steht für die reformierte Kirche und ihren Glauben ein. Könnte der SEK-Präsident diese Person sein? Er jedenfalls auch. Ich wünsche mir einen Präsidenten, der zu seinem Glauben steht und nicht bloss als geschliffener Politiker auftritt. Im «Bund» wurde Ihnen vorgeworfen, Sie seien Karrierist. Das hat mich getroffen, das bin ich nicht. Ein reformierter Karrierist käme wohl kaum mit der Idee eines Bischofsamtes. Das ist nicht grad karriereförderlich. Kann diese Äusserung Ihrer Wahl im Weg stehen? Alles, was nicht stromlinienförmig ist, kann zum Stolperstein werden. Profil gibt Widerstand. Aber ich kann und will es nicht allen immer recht machen wie die reformierte Landeskirche. Sie gilt vor allem als offen. Offen sein ist okay, aber es gibt Grenzen. Wir müssen wieder klarmachen, wofür wir stehen und wofür wir nicht stehen. Weil Gläubige sonst in Freikirchen abwandern, wo klar ist, was gilt. Ja, oder ihren Glauben grad ganz ablegen. Die Kirche soll Farbe bekennen. Immerhin hat sie ein Evangelium zu verkündigen. Manchmal denke ich nach einer Predigt: Das war jetzt etwas gar leichte Kost. Ein paar philosophische Gemeinplätze und eine Prise Gutmenschentum genügen nicht, um mich am Sonntag aus den Federn zu locken. Wie müsste ein reformierter Pfarrer denn predigen? So, dass man ihm glaubt, was er sagt. Wer gut predigt, spricht vom Leben, wie es ist. Das hören halt nicht alle gern, das Leben ist ja nicht nur schön. Aber die Kanzel ist kein Kommandoposten des Zeitgeistes, und Jesu Botschaft ist keine Streicheleinheit für die Mächtigen dieser Welt. Ich wünschte mir mehr ehrliche, angriffige, provozierende Predigten. Wir Pfarrerinnen und Pfarrer haben einen Glaubensschatz zum Verschenken. Welchen «Glaubensschatz»? Wir sollen keine selbst gebastelten Heilsversprechen abgeben. Die reformierte Kirche spricht immer noch von Jesus Christus. Den Klartext kann sie nicht einfach den Freikirchen überlassen. Wenn wir uns in alle Richtungen anbiedern, vergessen wir, was wir eigentlich sagen wollten – und müssten. Wollen Sie Pfarrer, die Gutmenschentum predigen und das Evangelium vernachlässigen, aus dem Kirchendienst ausschliessen? Nein. Lieber würde ich ihnen Mut machen: Geht auf die Kanzel und legt die Bibel ungeschminkt aus – das überzeugt. Würden Sie das als SEK-Präsident durchsetzen wollen? Nein. Der SEK-Präsident hat dazu nichts zu sagen. Er hat eine andere Aufgabe: Er repräsentiert die über 2 Millionen Reformierten in der Schweiz und spricht im Namen aller Kantonalkirchen. Eines würde ich deshalb bedauern, wenn ich gewählt würde: Ich könnte nicht mehr unbekümmert neue Ideen lancieren. Ich müsste jedes Wort auf die Goldwaage legen. Interview: Susanne GrafGottfried Locher ist 44-jährig, verheiratet und hat drei Kinder (11-, 12- und 14-jährig). Er lebt in Bern und arbeitet als Leiter des Instituts für ökumenische Studien an der Uni Freiburg. Locher hat ein Doktorat in Theologie und einen M.B.A. (Managementausbildung) der London Business School. Seit 2007 ist er im Synodalrat der Reformierten Kirchen Bern-Jura-Solothurn. >

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