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Weiterleben ohne die Tochter

Verlieren Eltern ein Kind, ziehen sie sich oft zurück. Familie Bucher aus dem solothurnischen Lommiswil dagegen wich Konfrontationen nicht aus und wurde von viel Hilfsbereitschaft und Anteilnahme überrascht und getragen.

An der Unfallstelle zeugen noch immer Rosen und Kerzen vom tragischen Verlust.
An der Unfallstelle zeugen noch immer Rosen und Kerzen vom tragischen Verlust.
Beat Mathys

Als Buchers zur Unfallstelle kamen, standen schon Blumen und Kerzen an der Stelle, wo ihre Tochter «Meli» starb. Bunte Blüten und Grünpflanzen erinnern in Solothurn an der Kreuzung Biel- und Wildbachstrasse seit dem 30. April an den tragischen Verkehrsunfall. Melanie Buchers plötzlicher Tod veränderte das Leben ihrer Eltern und ihrer Brüder, die sich an einen Alltag ohne Meli gewöhnen müssen.

Sterblichkeit, die Endlichkeit von Leben, dies hat man vielleicht bei Grosseltern, Eltern und anderen Menschen im Blick, nicht aber bei einem 18-jährigen Mädchen. Der Schmerz über den Tod eines Kindes hat eine Besonderheit an sich. Er wird nicht besser. Maya Bucher: «Je länger der Tod zurückliegt, desto weiter drängt man ihn natürlich zurück. Aber wenn man sich auf ihn einlässt, auch nach längerer Zeit, merkt man: Seine Qualität bleibt immer gleich. Es ist ein klarer Schmerz, der eine gewisse Selbstverständlichkeit bekommt.» Markus Bucher lenkte sich in den ersten Wochen mit arbeiten ab. Doch beim Nachhausekommen sei die Trauer wieder präsent gewesen. Die Söhne Mischa und Luca begleitete ein Kinderpsychologe. Doch in erster Linie brauchen sie die Eltern – und helfen diesen damit, ein Stück Normalität zurückzugewinnen. Die Sorge um die Buben verhinderte auch beim Ehepaar Bucher eine «Ich-weiss-nicht-wohin-mit-mir»-Mentalität.

Unverkrampftes Begegnen

An einem der sonnigen Pfingstfeiertage packten sie ihre Velos und fuhren in die Natur. Markus Bucher: «Ein Familienausflug ohne Meli war im ersten Augenblick verstörend. Doch das gemeinsame Erleben hat geholfen, uns wieder als Familie zu finden.»

Von einem Tag auf den anderen fehlt die grosse Schwester, das älteste Kind. Der leere Platz am Tisch schmerzt noch immer. Doch weder Maya noch Markus Bucher vermischen die Trauer mit Rachegefühlen gegen den Unfallverursacher. «Wir hassen den Chauffeur nicht. Auch sein Leben wurde zerstört. Eine Sekunde reicht und alles wird anders», erklärt Markus Bucher. Hass sei destruktiv und bringe die Verlorene nicht zurück. Geholfen mit dem Schmerz umzugehen haben Gespräche innerhalb und ausserhalb der Familie. «Reden hilft. Man darf sich nicht abkapseln, muss raus gehen», weiss Maya Bucher. Eine zupackende Hand, ein aufmunterndes Lächeln – gelebte Solidarität von Freunden, Nachbarn und Dorfbewohnern hat die Familie durch die Zeit des Leidens getragen.

Solidarität erfahren

«Als wir uns um die Beerdigung und die Formalitäten kümmerten, nahm uns ein Nachbar viel Administratives ab. Nachbarinnen brachten Töpfe mit Essen oder stellten einen Blumengruss vor die Tür. Als mein Mann den ersten Morgen wieder zur Arbeit ging, kamen vier Frauen zum Frühstück, so dass ich nicht alleine blieb.» Der frühe Tod der lebensfrohen und sportbegeisterten Melanie berührt die Menschen von Lommiswil. Die spontane Hilfsbereitschaft habe die Trauerfamilie überwältigt, sagt Maya Bucher. Es war und ist ein unverkrampftes aufeinander zugehen und sich austauschen. Anfangs fiel dies einigen Bekannten schwer. «Es gab wenige, die verstummten. Ich glaube, die mussten erst ihrer Scheu vor dem Thema Tod und Sterben überwinden, bevor sie sich uns gegenüber öffnen konnten. Manche Situationen haben mich verletzt. Doch eigentlich gibt es viel Gutes zu berichten: Die ganze Nachbarschaft und das ganze Dorf hat mitgetrauert und Anteil genommen», so die Mutter.

Ausflug nach Romont

Diakon Stephan Kaisser erzählte an der stimmigen Abschiedfeier die Geschichte vom Stehaufmännchen. Damit charakterisierte er nicht allein Melanie, die ins PBR-Matic-Swiss-Mountain-Bike-Team aufgenommen wurde, sondern eine generelle Stärke der Familie Bucher. Vierhundertfünfzig Ballone mit guten Wünschen und einem Lieblingsfoto wurden an der Beerdigung auf die Reise geschickt. Eine andere Art des Abschiedes folgte einige Wochen später mit einem Velo- und Wanderausflug auf den Romont-Berg. Der Ausflug führte der Lieblingsstrecke der Bikerin entlang zu ihrem Lieblingsplatz. Dort, wo eine grosse Esche Schatten spendet. An diesem Ort wurde die Tour für eine Andacht unterbrochen. Jeder deponierte einen Stein, und Stephan Kaisser segnete die geschaffene Gedenkstätte. «Selbst die Kühe stellten sich im Halbkreis auf», lächelt Markus Bucher.

Auch wenn Meli nicht mitgefahren ist, so war sie doch dabei. «Wir fühlten uns einander nahe. Umso intensiver habe ich eine Zeitlang darauf herumgekaut, wann ich das letzte Mal mit ihr sprach, lachte, sie ansah.» Melanies Tod hat Markus und Maya Bucher die Augen für das Leben geöffnet.

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