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«Verlieren ist das Normalere im Leben»

SpiezMit über 300 Auftritten

Was bedeutet Ihnen Erfolg? Pedro Lenz: Für mich persönlich ist Erfolg, wenn ich von dem, was ich mache, leben kann und es mir Neues ermöglicht. Der literarische Erfolg, den ich im Moment geniesse, gibt mir die Möglichkeit, nur noch die Dinge zu tun, die ich will. Vor ein paar Jahren kannte man Sie nur in der Umgebung von Bern. Inzwischen treten Sie mit in der ganzen Deutschschweiz auf. Wie erklären Sie sich das? Primär hat es mit Fleiss zu tun – ich bin viel unterwegs, besuche überall Kleintheater und trete viel auf. Zudem war ich lange bei Radio DRS. Und letztes Jahr wurde ich für den Schweizer Buchpreis nominiert. Das verlieh mir grosse Medienpräsenz. Woher kommt die Inspiration zu Ihren Geschichten? Ich brüte nicht im stillen Kämmerlein vor mich hin und überlege mir, jetzt will ich etwas Ausgefallenes hervorbringen. Ich gehe aber auch nicht umher mit der Absicht, Geschichten aufnehmen zu wollen. Manchmal erlebe ich etwas Aufregendes und denke, dass dies eine tolle Geschichte gibt, und dann kommt es anders. Umgekehrt kommen mir banale Dinge, die ich schon lange vergessen habe, wieder in den Sinn und ergeben eine Geschichte. Die Ereignisse im Roman «Der Goalie bin ig» sind vor 25 Jahren passiert. Ihre Geschichten wirken von der Sprache und dem Inhalt her «alltäglich», wie aus dem Ärmel geschüttelt. Es steckt viel Arbeit dahinter, bis es natürlich klingt. Ich schleife sehr lange an den Formulierungen herum. Wenn jemand sagt: «Genauso wie deine Figur spricht mein Grossonkel», ist das Ziel erreicht. Ich vergleiche meine Arbeit mit dem Maler Franz Gertsch. Auf den ersten Blick sehen seine Werke aus wie Fotografien, naturalistisch. Es steckt aber filigrane Malerei dahinter. Warum schreiben Sie auf Schweizerdeutsch? Meine ersten Bücher waren ja auf Hochdeutsch. Ich hatte Vorurteile gegenüber der Mundartliteratur. Ich fand, sie werde museal hingestellt: Seht, hier ist das schöne Berndeutsch. Erst durch die Begegnung mit Beat Sterchi und Guy Krneta änderte sich dies. Sie ermunterten mich, es auf Berndeutsch zu versuchen. Zudem interessiere ich mich dafür, was und wie die Leute reden. In Mundart kann ich die Feinheiten besser wiedergeben. Sie haben das Gymnasium abgebrochen, es folgte eine Maurerlehre, sieben Jahre auf dem Bau. Dann haben Sie die Matur nachgeholt, in der Soziokulturellen Animation mit Jugendlichen gearbeitet, einige Semester Spanisch studiert, undnun schreiben Sie. Haben Sie gefunden, wonach Sie gesucht haben? Unbedingt, ja. Geschrieben habe ich eigentlich schon immer. Aber ich bin aus einer Familie, in der Künstler sein keine Option war. Nicht, dass meine Eltern mir das verboten hätten. Aber im Dorf, wo ich aufgewachsen bin, da war klar, man macht etwas Seriöses. Nun nenne ich mich Schriftsteller. Und seit ich mich dazu entschieden habe, nur noch zu schreiben, kann ich sogar davon leben. Viele Ihrer Geschichten sind traurig. Sie sind im oft nebligen Langenthal aufgewachsen. Sind Sie deswegen Melancholiker? Es hat sicher etwas damit zu tun. Aber als Kind gefielen mir die Filme von Charlie Chaplin und Buster Keaton. Diese Mischung aus Tragik und Komik hat mich fasziniert. Einer, der immer scheitert und alle Leute im Kino lachen. Für mich ist Langenthal austauschbar, ein Modell für eine beliebige Kleinstadt. Darum nenne ich es im Buch auch Schummertal und nicht Langenthal. Verübelt es Ihnen niemand, wenn er sich in einer Ihrer Geschichten wiederfindet? Im Gegenteil. Ein Junkie, den ich gut gekannt habe und der leider kürzlich gestorben ist, rief mich an und sagte, er habe «Der Goalie bin ig» gelesen. Er sei beleidigt, weil er nicht vorkomme. Denn einige Figuren habe er wiedererkannt. Ich nehme aber ja bewusst kein wiedererkennbares Ganzes, sondern Teile davon. Ich will ja niemanden blossstellen. In vielen Ihrer Geschichten gibt es eine Verliererfigur. Woher kommt die Sympathie für Verlierer? Vielleicht hat dies auch mit diesen alten Filmen zu tun. Und ich hatte schon immer das Gefühl, dass Verlierer interessantere Geschichten zu erzählen haben als Gewinner. Und Verlieren ist ja auch das Normalere im Leben. Am New York Marathon gewinnt nur einer, während Tausende andere verlieren. Zählen Sie sich selber zu den Verlierern oder den Gewinnern? Als ich dreissig war, hatte ich das Gefühl, nichts erreicht zu haben. Andere hatten ein Studium, eine Karriere, Kinder. Ich hatte nichts von alldem. Aber indem man sein eigenes Unglück anders interpretiert, bekommt es eine neue Qualität. Das ist eine kreative Leistung. Sie charakterisieren Ihre Figuren sehr liebevoll, auch die Verlierer Ich habe mal vor Jahren mit einem spanischen Dichter gesprochen, José Hierro. Der hatte viel Schlimmes erlebt. Er sagte: Du darfst nie verbittert und zynisch werden. Dann kannst du keine Kunst mehr machen. Worum geht es in Ihrem neuen Buch «Tanze wie ne Schmätterling », das Sie im Kirchgemeindhaus vorstellen? 1971 kam Muhammed Ali, damals schon weltberühmter Boxer, für einen Kampf nach Zürich. Sein Gegner war der Deutsche Jürgen Blin. Ali war ein Kämpfer für die Rechte der Schwarzen. Weil dieser Kampf 1971 stattfand, als die Schweiz das Frauenstimmrecht einführte, ist es gleichzeitig auch der Kampf der Frauen in der Schweiz. Ein Teil ist historisch, einige Figuren sind fiktiv. In gewisser Weise ist es auch eine Liebesgeschichte. Sind Sie ein politischer Autor? In dem Sinne, dass es mir nicht egal ist, was in der Welt geschieht. Aber ich verfolge nicht eine politische Absicht. Ich muss beim Schreiben die Freiheit haben, immer auch zu hoffen, dass meine Figuren ein Eigenleben bekommen. Uns Autoren wird heutzutage oft vorgeworfen, wir würden keine Stellung beziehen. Ich positioniere mich schon, wenn ich gefragt werde. Aber ich bin kein Politiker und belle nicht gleich als Erster. Sie können ja eigentlich nur die kleinräumige Schweiz mit Mundart beliefern. Wie bleiben Sie auf Erfolgskurs? Weiterschreiben. Ich glaube nicht, dass mich die Mundart hindert. Im Moment sind zudem verschiedene Übersetzungsprojekte im Gespräch für «Der Goalie bin ig». Ich würde mich freuen, wenn dieses Buch auf Französisch oder Englisch erscheinen würde. Ich will nicht den US-Markt erobern, aber mir selber beweisen, dass das Buch auch in einer anderen Sprache funktioniert. Ich habe von mir selber nicht das Gefühl, ich sei «Mundartautor». Ich mache einfach, was mich interessiert. Im Moment in Mundart. Mein nächster Roman ist vielleicht auf Hochdeutsch. Sibyl HeissenbüttelPedro Lenz ist am Freitag, 18. März, 20.15 Uhr mit «Hohe Stirnen» Gast beim Kultur Spiegel Spiez im Kirchgemeindehaus. «Tanze wie ne Schmätterling» ist eine Lesung mit Musik von und mit Pedro Lenz und Patrik Neuhaus. Reservation bei Streit Optik, Spiez, Tel. 033 654 21 25. www.hohestirnen.ch >

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