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Tiefgründige Sprache ohne Vorbild

ThunDem Verein Literaare gelang am Wochenende mit dem Abend über Kleist ein weiterer literarischer Höhepunkt. Schriftsteller Lukas Bärfuss setzte das Publikum im Thuner Stadtratssaal

In der Antike und auch später habe ein Beruf nur eine Chance gehabt, wenn er dem Staat auch Nutzen eingebracht habe, was bei einem Dichter nicht der Fall sein könne. Heute stelle der Staat für Dichtkunst zwar Stipendien und Preise aus, doch auch nur ausserordentliche. Denn ordentliche kenne der Staat nicht, spinnt Bärfuss den Faden ironisch in die Neuzeit. Wo bleibt der Nutzen? Gerade Heinrich Kleist, auf der steten Suche nach einem Ort, wo er dichten kann, erbringt diesen staatlichen Nutzen nicht. Schreibt er noch an seine Schwester Ulrike, die ihn immer wieder finanziell unterstützte, er hege den Wunsch, «ein Feld mit eigenen Händen zu bebauen», so unterzeichnet er jedoch im letzten Augenblick den Grundstückvertrag im Gwatt nicht und sieht von einem Dasein als Bauer und Dichter ab. Kleist lässt sich dagegen nach elf Jahren der Unrast quer durch Europa auf dem Thuner Inseli nieder. Thun bezeichnet Lukas Bärfuss für den 25-jährigen Dichter als «Scheideweg» – vom Berufssoldaten oder Beamten, wofür er vorgesehen gewesen wäre, hin zum Dichter. Die unruhigen Zeiten der Bürgerkriege nach der Helvetischen Republik waren wohl für eine solche Niederlassung nicht gerade günstig. Bärfuss weist darauf hin, dass der Krieg sich in Kleists Literatur denn auch immer wieder niederschlug. Zwei Schriftsteller – ein Inseli Auch der in Thun aufgewachsene Schriftsteller Bärfuss ist persönlich mit dem Inseli verbunden. Das einzige Bild, das ihm von seinem unbekannten Vater verblieb, zeigt diesen auf der Brücke des Thuner Inseli. Mit dieser Reflektion von seiner eigenen traurig geprägten Biografie zu Kleists Aufenthalt auf dem Inseli schlug Bärfuss eine Brücke vom Dichter vor zweihundert Jahren zum Schriftsteller von heute. Schnörkellos und nicht ohne etwas tragischen Humor illustrierte er dabei den Wandel der Zeit. Kleists Welt Bärfuss beschreibt Kleists Figuren als solche, die nicht der Norm, der erwarteten Rolle, entsprechen. Aber letztlich sei es ja gerade das menschliche Verhalten, das die Weltgeschichte bestimme – durch unsere Gefühle, denen der Mensch ausgeliefert sei, die seine Gedanken beherrschten. Ein Beispiel vom Prinz von Homburg: «Er träumt vor sich nieder» (statt vor sich hin), zeigt er die Hintergründigkeit auf, die er mit «träumt sich zu Tode» übersetzt, was bei Kleist dann schliesslich in einem Doppelmord endete. Der Dichter nahm sich am Wannsee, zusammen mit Henriette Vogel, das Leben. Solche sprachlichen Eigenheiten sowie das ganze Leben und Werk Kleists sind oft schwierig erfassbar. Bärfuss verspricht aber zum Schluss seiner Ausführungen: «Für die Anstrengung wird man dann süss belohnt.»Lotte Brenner>

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