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Wenn die Mundart zum Kunsterlebnis wird

Die Herbstlese von Literaare in der Konzepthalle überraschte am Samstag mit Wortakrobatik und Textspielereien. Der Anlass lockte zahlreiche Interessierte aus Nah und Fern an.

An der Lesung von Irene Graf (links) in der Konzepthalle 6 sorgte Edith Pieren für die passende «Untermalung».
An der Lesung von Irene Graf (links) in der Konzepthalle 6 sorgte Edith Pieren für die passende «Untermalung».
Thomas Feuz

«Dert füre u nächär rächts!» Der freundliche Securitas-Mann weist Besuchern den Weg – dütsch u dütlech. Seine klare Aussage verstehen auch Ortsunkundige. Die Herbstlese von Literaare findet bereits zum dritten Mal statt. Einmal mehr bekommt dabei die Mundart ein grosses Podium. Rund um die Bühne mit gemütlichen Sitzgelegenheiten präsentieren Buchverlage, Bibliotheken, das Generationenprojekt «und» sowie Autorinnen und Kunstschaffende ihr Angebot.

Auge und Ohr für die Mundart

Nicht allen passt sie, die Mundart. An Schweizer Hochschulen ist sie verpönt, ganz im Unterschied zu Deutschland etwa. Zwar schreiben wir in den sozialen Medien wie die Weltmeister – in Dialekt. Aber Bücher in Mundart zu lesen empfinden viele als aufwendig. Und Forschung über die Mundart gilt nicht als wissenschaftliche Disziplin. Darum gab Literaare mit der Herbstlese der Mundart erneut eine Stimme und ganz viel Raum. Die Konzepthalle 6 in Thun bot dem ambitionierten Projekt den passenden Rahmen.

Sie nahmen am Podium teil (v.r.): Stefanie Grob, Christian Schmid und Dragica Rajcic mit dem Moderator von Literaare. Bild: Thomas Feuz
Sie nahmen am Podium teil (v.r.): Stefanie Grob, Christian Schmid und Dragica Rajcic mit dem Moderator von Literaare. Bild: Thomas Feuz

Ein hochkarätiges Podium mit der «schnellsten Bernerin» Stefanie Grob, der Autorin Dragica Rajcic und dem Sprachwissenschaftler und früheren Radiomoderator Christian Schmid macht vielfältige Facetten der Mundart sichtbar. Dem Thema Sprachwandel widmet sich ein Workshopprojekt des Gymnasiums Thun, Standort Seefeld, umgesetzt von der Autorin Li Mollet. Unter der Leitung von Eva Geissbühler und Eva Schwaar entstehen vertonte Übersetzungen von Chats aus dem Slang der Neuzeit in «normale» Mundart. Die Beiträge zu den Themen «Die Schweiz», «Denken», «Analyse einer Szene im Zug» oder «Das Wichtigste im Leben: meine Maske» werden mit klangvoll-poetischen Klavierstücken, Kurznotizen aus einem musikalischen Tagebuch gleich, begleitet. Eine Aussage klingt nach: «Man kann, wenn man will. Man muss aber nicht.» Ob damit auch die Liebe zur Mundart gemeint ist?

Wenn Campari mit Olivenöl …

Einen Unterschied zu den übrigen Lesungen macht Irene Graf. Die Geschichten der TT-Kolumnistin werden von Edith Pieren gekonnt illustriert. Obschon die Pädagogin aus Adelboden ihren Part bloss als «Untermalung» verstand, setzt ihr Gemälde einen farbenfrohen Kontrapunkt zu den vielen «spoken words».

Die zentrale Bühne vermittelt mit bequemen Fauteuils, Stühlen und stimmungsvollen Lichtquellen Wohnzimmercharakter. Rundherum sind Stände platziert. Verlage und Bibliotheken präsentieren ihr Angebot, Autorinnen und Autoren skizzieren Bücher, ein Stand führt in die Kunst der Buchfalterei ein, ein Fotograf bringt seine «fotografische Malerei» näher. Eine Collage mit den Ingredienzen Digitalfoto, Fotoshop, Campari und Olivenöl verblüfft den Zuschauer.

Autor Sebastian Steffen las draussen am Feuer aus seinem Buch mit dem passenden Titel «Leg di aschtändig a». Bild: Thomas Feuz
Autor Sebastian Steffen las draussen am Feuer aus seinem Buch mit dem passenden Titel «Leg di aschtändig a». Bild: Thomas Feuz

Die farbenfrohe und vielseitige Herbstlese ist erneut zum stimmigen Anlass geworden. Auch für die Organisatoren: «Immer um die 40 bis 50 Anwesende, ein grosses Interesse für die Darbietung der Gymnasiasten, interessante Beiträge, ein passendes Ambiente», zieht Tabea Steiner am Ende Fazit.

Es ist spät geworden. Der Securitas-Mann ist verschwunden. Was bleibt, ist die Erinnerung an einen facettenreichen Anlass rund um den Dialekt als «Schatztruckli» der täglichen Kommunikation. Und die Vorfreude auf die 15. Ausgabe von Literaare, die nächstes Jahr ein kleines Jubiläum feiern kann.

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