Thun

Weinhändler liess Fälscher auffliegen

ThunAdrian Weibel deckte den Skandal um den gefälschten Wein Sito Moresco von Gaja auf. Die rufschädigende Wirkung der Fälscher sei gravierender als der finanzielle Schaden, sagt der Weinhändler.

Original und Fälschung: Die Unterschiede sind auch für Adrian Weibel minim.

Original und Fälschung: Die Unterschiede sind auch für Adrian Weibel minim. Bild: Manuel Berger

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«Es war ein Schlag ins Gesicht.» So fühlte sich Adrian Weibel, Inhaber und Geschäftsführer von Weibel Weine, als feststand, dass er Fälschungen des Sito Moresco, eines Rotweins der italienischen Qualitätsmarke Gaja, entdeckt hatte.

Alles fing damit an, dass der Detailhändler Otto’s mit dem scheinbaren Schnäppchenpreis von 31.90 Franken im April den Wein der Jahrgänge 2014 und 2015 bewarb. «Ich bin hellhörig geworden und dachte mir, das kann nicht sein», sagt Weibel.

Als offizieller Schweizer Importeur des Sito Moresco bietet Weibel Weine eine Flasche des Jahrgangs 2015 für 39.90 Franken an. Es ist die Philosophie des hiesigen Weinhändlers, nur bei wenigen, ausschliesslich italienischen Winzern einzukaufen.

Die Zusammenarbeit mit Angelo Gaja, dem wohl berühmtesten Winzer Italiens, der im piemontesischen Langhe-Gebiet Jahr für Jahr Spitzenweine produziert, besteht seit 1976. Hinzu kommt, dass es vom Sito Moresco in einem guten Jahr nicht mehr als 120'000 Flaschen gibt. Mit 20'000 Flaschen importiert Weibel Weine einen beträchtlichen Anteil.

Anlass genug für Adrian Weibel, der Sache auf den Grund zu gehen. In der Uetendorfer Filiale von Ottos notiert er sich von diversen Flaschen des Sito Moresco die sogenannte Lotnummer und schickt diese der Familie Gaja. Er tut dies mehrere Male und erhält immer wieder die gleiche Antwort: Die Lotnummern existierten gar nicht. Als es Weibel zu bunt wird, kauft er einen Karton und sendet ihn ins Piemont. Bald darauf ist klar: In den optisch täuschend echten Flaschen befindet sich kein Sito Moresco.

Das war Anfang Juni. Erst vergangenes Wochenende versandte Otto’s eine Medienmitteilung, in der es heisst, man sei Fälschern auf den Leim gekrochen, namentlich der Firma Netwine & Food mit Sitz in Lugano.

Die Tessiner Firma, die bereits 2016 in einen Fälschungsskandal verwickelt war, importierte den gefälschten Sito Mo­resco. Laut «Blick» hat Otto’s 17'000 Flaschen gekauft. Zwei Firmenverantwortliche von Netwine & Food sind inzwischen in Untersuchungshaft.

Wein kann retourniert werden

Für Adrian Weibel spielt Otto’s beim aktuellen Skandal eine sehr zweifelhafte Rolle. Allein die angebotene Menge von circa 17'000 Flaschen hätte den Detailhändler stutzig machen sollen. Einen offiziellen Rückruf habe es auch nie gegeben, sagt Weibel.

Inzwischen werden die Fälschungen zwar nicht mehr verkauft, doch in der Medienmitteilung erklärt Otto's der geprellten Kundschaft, der gefälschte Wein könne retourniert werden, stelle aber keine Gefahr für die Gesundheit dar und sei ausserdem «von der Qualität her überraschend gut».

«Wir arbeiten seit 40 Jahren daran, die Marke Gaja in der Schweiz zu positionieren. Nun sind Flaschen im Umlauf, die in keiner Weise vergleichbar sind mit dem Original.»Adrian Weibel

Eine Degustation im Büro von Adrian Weibel entlarvt zumindest die letzte Aussage selbst für den Laien als blanke Schönfär­berei. «Die Fälschung schmeckt banal, unharmonisch. Diese als ‹überraschend gut› zu beschreiben, ist eine bodenlose Frechheit», sagt Weibel. «Wir arbeiten seit 40 Jahren daran, die Marke Gaja in der Schweiz zu positionieren. Nun sind Flaschen im Umlauf, die in keiner Weise vergleichbar sind mit dem Original.»

Schaden am Ruf von Gaja

Vom neusten Jahrgang des Sito Moresco, vom 2016er, der in diesem Frühjahr lanciert wurde, hat Weibel Weine bisher rund ein Drittel weniger verkauft als in ­anderen Jahren. Die genaue Ursache dafür ist freilich schwer zu eruieren.

Doch der allfällige ­finanzielle Schaden, der auf das Konto der Fälscher geht, ist für Weibel ohnehin zweitrangig. Dass Konsumenten enttäuscht worden seien und der Ruf der Marke Gaja nun darunter leide, dies sei der eigentliche Schaden.

Sind solche Fälschungen in der Weinbranche ein neues Phänomen? «Nein», sagt Weibel, «doch früher betraf es mehrheitlich Burgunder oder Bordeaux der Spitzenklasse. Neu ist, dass ein Qualitätswein für unter 40 Franken gefälscht wird.» Eine Garantie auf Originalware gebe es letztlich nur für den, der beim offiziellen Importeur einkaufe.

Übrigens: Optisch zu erkennen sind die Fälschungen des Jahrgangs 2015 ziemlich einfach, denn bei ihnen stimmt die An­gabe zum Alkoholgehalt nicht. 14 Prozent müssten es sein, angegeben sind 13,5. Beim 2014er hingegen ist es für den Laien fast unmöglich, Fälschung und Original optisch voneinander zu unterschieden. (Thuner Tagblatt)

Erstellt: 09.08.2018, 06:15 Uhr

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