Wein, Liebe und Mist

Steffisburg

An der Premiere des Freilichttheaters «Der fröhlech Wybärg» in Steffisburg wurde viel gelacht. Die Stäffisburger Spil-Lüt geben sich dabei ziemlich deftig und schrill.

Da ist die Welt im «fröhleche Wybärg» im Ortbühl noch in Ordnung. Im Stück wird aber auch leidenschaftlich gestritten.

Da ist die Welt im «fröhleche Wybärg» im Ortbühl noch in Ordnung. Im Stück wird aber auch leidenschaftlich gestritten.

(Bild: PD)

«Ig bi froh, chani dä Wybärg verchoufe. Was söu ig als alte Krüppel de schüsch mit däm no mache.» Es sind direkte, bisweilen gar derbe Ausdrücke, die im Freilichtspiel «Der fröhlech Wybärg» in Szene gesetzt werden. Um es gleich vorwegzunehmen: Im Stück nach dem deutschen Autor Carl Zuckmayer, das die Stäffisburger Spil-Lüt derzeit beim Rebhaus Wygarte im Ortbühl spielen, geht es hoch zu und her. Wein, Liebe und ein Misthaufen stehen dabei nicht abseits.

Das Premierenpublikum hatte am Mittwochabend jedenfalls viel zu lachen, als der alternde und reiche Witwer Gunderloch (Rolf Ryser) die eine Hälfte seines prächtigen Weinguts versteigern will, um sich zur Ruhe zu setzen. Zur Versteigerung hat sich eine ganze Schar weinseliger Leute eingefunden. Schliesslich soll ordentlich gefeiert werden. Dies macht auch das Bühnenbild von Andreas Stettler deutlich: Eine stattliche Linde, daneben ein überdeckter Gemüsekeller als Hügel mit einer ebenso stattlichen Anzahl Weinfässer aus Holz bieten die Umgebung für eine ziemlich ausgelassene Gesellschaft. Zumal es, wie sollte es anders sein, auch um Liebe geht.

Gerangel um Liebe

Mit der anderen Hälfte seines Weinguts möchte Jean Baptiste Gunderloch als Mitgift seine uneheliche Tochter Klärchen (Luana Schnegg) mit dem hochnäsigen Studenten Knuzius (Gilles Antenen) verheiraten. Da Gunderlochs Ehe kinderlos blieb, soll der ku?nftige Schwiegersohn allerdings erst seine Fähigkeit beweisen. Klärchen liebt aber den Rheinmatrosen Jochen Moscht (Jonas Juillard) und ist von Knuzius wenig angetan. Am Winzerfest fliegen daher zwischen den Rivalen die Fäuste.

Den Streit unterbindet Gunderloch energisch und wird dadurch für seine Haushälterin Annemarie zum begehrenswerten Helden. Gunderloch erkennt, dass es fürs Altenteil noch zu früh ist, und beschliesst, seinen Besitz nicht zu verkaufen. Während Klärchen ihre eigenen Pläne schmiedet.

Gesellschaftskritisch

Das fast 100 Jahre alte Volksstück um Liebe und Lust in einem fiktiven rheinhessischen Weindorf kommt im Ortbühl turbulent, zum Teil deftig und schrill daher. Aber ebenso gesellschaftskritisch. Die Stimmung der 1920er-Jahre zwischen Nachkriegstrauma und Nationalstolz schwingt da und dort mit. Vor allem die Brisanz zwischen dem rassistischen Weinhändler Rindsfuss (Bruno Lerch) und den jüdischen Kaufinteressenten Stenz (Marcel Paries) und Hahnesand (Andreas Reusser) macht das deutlich.

Das fast 100 Jahre alte Volksstück kommt turbulent, zum Teil deftig und schrill daher. Aber ebenso gesellschaftskritisch.

Das über 20-köpfige Ensemble der Stäffisburger Spil-Lüt darf überzeichnen. Da sind der blutrünstige Chronewirt Yschmeyer (Pedro Pieren), seine männeranhimmelnde Tochter Babette (Desirée Naef), der korrupte und etwas unbeholfene Beamte Kurrle (Peter Reusser) sowie der Kriegsveteran und Schreihals Chinajöggu (Hans Ulrich Grossniklaus). Und da ist eben auch noch der Student Knuzius, der seinen Suff schliesslich im Misthaufen ausschläft.

Provozierte Skandale

Mit dem am 22. Dezember 1925 in Berlin uraufgeführten Stück gewann Autor Carl Zuckmayer den begehrten Kleist-Preis. Trotz seiner Beliebtheit sorgte das Stück auch für Skandale und Anfeindungen. Konservative wie Linksradikale, Katholiken wie Juden fühlten sich karikiert. Kirchen in Bayern verboten ihren Gemeindemitgliedern den Besuch der Aufführungen, rheinhessische Bauern fuhren mit ihren Traktoren nach Berlin, um aus Protest vor dem Theater Mistkübel auszukippen.

Das Ensemble unter der Regie von Barbara Ami Rauch bescherte an der Premiere den Zuschauerinnen und Zuschauern jedenfalls einen vergnüglichen Abend. So gesehen: Gut gemacht.

Weitere Aufführungen:Das berndeutsche Lustspiel «Der fröhlech Wybärg» nach Autor Carl Zuckmayer wird von den Stäffisburger Spil-Lüt noch bis zum 17. August beim Rebbau Ortbühl in Steffisburg aufgeführt. Die Zuschauertribüne ist gedeckt. Vorstellungsbeginn ist jeweils um 20 Uhr. Vorverkauf unter www.theater-steffisburg.ch, unter Tel. 0900 320 320 (pro Anruf und Minute 1 Fr.). Schalterverkauf: Valiant-Bank Steffisburg und Thun. Abendkasse ab 18 Uhr.

Thuner Tagblatt

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