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Von kleinen Kindern und grossen Hypotheken

Die australische Autorin Joanna Murray-Smith liess mit «Zorn» im Schadausaal des KKThun rund 300 Theaterbegeisterte hinter die Fassade einer Familie blicken, die hässliche Geheimnisse unter Verschluss hält.

Die Eltern fassen es nicht: Sohn Joe hat eine Moschee besprayt.
Die Eltern fassen es nicht: Sohn Joe hat eine Moschee besprayt.
zvg/Bo Bahola

«Zorn ist Leidenschaft, und Leidenschaft findet Lösungen», philosophiert Schriftsteller Patrick selbstverliebt. Sein 15-jähriger Sohn Joe (Tim Bettermann) sprüht nachts Hassparolen an eine Moschee. Mutter Alice (Jacqueline Macaulay) und Vater Patrick (Rufus Beck) fallen aus allen Wolken, als der Klassenlehrer (Gerd Lukas Storzer) auftaucht und sie über die Tat informiert. Mehr noch: Alice schlägt ihren Sohn. Wie kann es sein, dass ein Junge aus behütetem Hause eine derartige Tat begeht?

Ein schickes Heim, erfolgreiche Eltern – Alice brilliert als Neurowissenschaftlerin, Patrick wird als Romanautor gefeiert – der Junge hat doch alles! Und immer wieder taucht die frischgebackene Journalistin Rebekka (Lena Dörrie) auf, die für eine Studentenzeitung ein Porträt des Erfolgspaares schreiben will: «Mein Vater war Polizist und ist vor meiner Geburt gestorben», vertraut sie Alice und Patrick an und erntet Mitleid. «Vielleicht stellt das Licht, das Ihre Frau umgibt, Sie in den Schatten?», analysiert Rebekka mutig.

Schäumende Hass-Tirade

Patrick vergöttert Alice und verzeiht ihr gar, dass sie beim Besuch eines Ehepaars den Chablis als Ziegenpisse bezeichnete. «Ich wusste ja nicht, dass die den mitgebracht hatten!», lacht sie. Alle Fragen der Eltern blockt Joe ab: «Ist dir klar, was du uns angetan hast?», und Joe antwortet verstockt: «Mir war danach!» Kumpane Travor muss der Anstifter gewesen sein, mutmassen die Eltern sündenbockig. Doch das akzeptieren Bob (Ulrich Bähnk) und Annie (Isabell Fischer), die Eltern von Travor, keineswegs.

Dann bricht es aus Joe heraus: «Ich glaube nicht, dass alle Religionen gleichwertig sind!», gefolgt von einer schäumenden Hasstirade auf Muslime. Peu à peu bröckelt die Familienidylle, als die Journalistin die Sauberfrau Alice mit ihrer Vergangenheit als linke Aktivistin konfrontiert. Die damalige Studentin sorgte dafür, dass ein Koffer mit Sprengsatz in einem Konsulat explodierte. Dabei starb ein Polizist: der Vater von Rebekka.

In der deutschen Erstaufführung von «Zorn» (Originaltitel «Fury») beschreibt die Autorin filigran, wie eine vermeintlich heile Welt wegen einer ungesühnten Schuld zerbricht. Die Inszenierung von Harald Clemen packte das Publikum von der ersten Minute an und symbolisierte mit hell gehaltenem Bühnenbild die weissen Westen der Protagonisten, die immer fleckiger werden. Rufus Beck und Jacqueline Macaulay als Eltern spielten mit einer Intensität, die das Publikum wie durch ein Schlüsselloch in ein Wohnzimmer schauen liess.

Der wütende Sohn Tim Bettermann, Gerd Lukas Storzer als frustrierter Lehrer, Isabell Fischer und Ulrich Bähnk als streitbares Pärchen und Lena Dörrie in der Rolle der engagierten, wie verletzten Journalistin erzählten die aufwühlende Geschichte mit aktueller Brisanz. Eine Zuschauerin bemerkte beim lang anhaltenden Applaus: «Ich habe gar nicht gemerkt, dass es keine Pause gab.»

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