Zum Hauptinhalt springen

Sind Hausärzte mehr als die direkte Verbindung zum Gesundwerden?

Es gibt immer weniger Hausärzte, die bereit sind, eine Einzelpraxis zu betreiben. Die Einzelpraxen werden durch Gruppenpraxen und Ärztezentren ersetzt. Ist dies nun Fluch oder Segen für die Patienten?

Ja

Roger Probst, Redaktor Thuner Tagblatt

Im Leben geht es um Menschen. Und um Beziehungen. Und nicht zuletzt um Vertrauen. In einer immer schneller drehenden Welt sind Orientierungspunkte wichtig. Einer dieser Anker ist der Hausarzt. Er ist Synonym für Beständigkeit. Patient und Arzt werden gemeinsam alt. Das kann verbindend und entspannend sein. Man kennt sich, respektiert sich.

Ich schätze vertraute Gesichter, vor allem in Situation, in denen es mir nicht gut geht. Das dem so ist, wurde mir vor knapp drei Jahren wieder mal bewusst, als die Achillessehne riss. Operation, drei Tage Spitalaufenthalt. Rund zwei Dutzend Mitarbeitende habe ich in dieser Zeit kennen gelernt. Sie gaben sich die Klinke in die Hand, bevor ich mir den Namen merken konnte. Aber damit es keine Missverständnisse gibt: Ich wurde hervorragend betreut.

Es fehlte mir an nichts. Oder sagen wir mal: fast an nichts. Als ich ein paar Tage nach der Heimkehr die Narbe kontrollieren lassen musste, wusste ich, was mir gefehlt hat: mein Hausarzt. Er wechselte nicht nur den Verband und säuberte die Wunde. Es war mehr. Es war Vertrauen. Man kennt sich seit vier Jahrzehnten.

Er war mein Kinderarzt, dann begleitete er mich ins Erwachsenenalter, behandelte die eine oder andere Fussballerverletzung und kurierte hartnäckige Husten. Es blieb immer auch Zeit für einen Schwatz. Man konnte auch mal gemeinsam lachen, dann zum beispiel, als mein gesamtes Hinterteil nach einem Sturz vom Bike grün und blau war, dass mir schon der Anblick eines Stuhls Schmerzen bereitete.

Ich bin mehrfach umgezogen, habe auch schon die Arbeitsstelle gewechselt. Ich kaufe nicht immer im selben Laden ein, gehe in verschiedenen Restaurants essen, aber ich hatte in meinem Leben bisher nur einen Hausarzt. Und ich bin froh darüber.

Nein

Marco Zysset, Redaktor Thuner Tagblatt

An meinen Kinderarzt habe ich nur noch vage Erinnerungen: Von Kirchdorf gings jeweils 10 Kilometer nach Belp und zurück; wenns ganz haarig wurde, eilten wir auch mal in den Notfall des Spitals in Münsingen. Der Augenarzt, der mich ab meiner frühesten Kindheit begleitete, war in Thun; die Zahnärztin in Heimberg.

In Jugendjahren war kurz der Allgemeinmediziner in Kirchdorf mein Hausarzt, bevor sich die erste medizinische Anlaufstelle meiner Wahl zusammen mit meinem Lebensmittelpunkt in Richtung Thun verschob. Als dieser Arzt in Pension ging, folgte der Wechsel in eine Gemeinschaftspraxis, wo ich heute – man höre und staune – seit drei Jahren stets beim selben Arzt in Behandlung bin.

Oder andersrum formuliert: Schon in meiner Kindheit, als ausser Brancheninsidern niemand von Gruppenpraxen und Ärztezentren sprach, war ich stets bei mehr als einem Arzt in Behandlung. Das ist heute nicht anders – nur dass ich fast alle medizinischen Dienstleistungen unter einem Dach kriege und nicht von Belp bis Thun verstreut.

Überweisungen sind unter Umständen nicht nötig, weil alle Ärzte in einer Gemeinschaftspraxis Einsicht in die Patientendossiers nehmen können. Dass die Ärzte sich unter einem Dach gegenseitig austauschen können, ist nicht nur ein angenehmer Nebeneffekt. Es hilft, die Qualität der Behandlung zu verbessern – und womöglich auch, Kosten zu sparen.

Natürlich ist nicht die Form der Gesundheitsdienstleistung zentral, sondern die Qualität, egal, ob sie eine Person in einer Einzelpraxis erbringt, oder als Teil eines Teams. Wer nicht die ganze Last der Verantwortung für eine Praxis alleine tragen muss, dürfte aber den Kopf freier haben für die Anliegen der Patienten.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch