Zum Hauptinhalt springen

Parlaments-Krimi um neuen Grossanlass

Das Geschäft «Thuner Wasserzauber» wurde nach langer Diskussion im Stadtrat ultraknapp zurückgewiesen.

So oder ähnlich sollte der Wasserzauber in Thun aussehen. Ob er je umgesetzt wird, ist allerdings fraglich.
So oder ähnlich sollte der Wasserzauber in Thun aussehen. Ob er je umgesetzt wird, ist allerdings fraglich.
zvg

Da soll noch jemand sagen, Politik sei langweilig: Was am Freitag im Thuner Stadtrat abging, war spannender als so mancher Sonntagabendkrimi. Bestes Beispiel: das Traktandum «Thuner Wasserzauber 2020–2023». Stadtpräsident Raphael Lanz (SVP) sprach von einem «neuen Anlass, der überregionale Ausstrahlung haben soll».

Geplant ist eine Licht-, Ton- und Wassershow im Aarebecken – mit Lasereffekten und Bildprojektionen auf einer temporären Flossinstallation. Organisiert von der Thuner Agentur Cosmos Event GmbH, soll die rund viertelstündige Show vom 8. August bis 27. September 2020 von Mittwoch bis Sonntag nach Einbruch der Dunkelheit je zweimal gezeigt werden und 100'000 Gäste anlocken. Die Kosten würden pro Austragung 413'500 Franken betragen.

Der Gemeinderat beantragte dem Parlament, dass die Stadt für vorerst vier Jahre 150'000 Franken pro Jahr übernehmen soll – wobei 50'000 Franken auf Dienstleistungen vor allem durch das Tiefbauamt entfallen. Die restliche Finanzierung sei weitgehend sichergestellt. Stapi Lanz betonte: «Wir haben uns mit den Chancen und Risiken befasst und sind der Meinung, die Chancen überwiegen.» Dem Gemeinderat sei auch schon fehlender Mut vorgeworfen worden. Hier zeige er diesen, ohne übermütig zu werden.

Kritik, offene Fragen, Lob

Das sahen nicht alle im Rat so. Von linker Seite hagelte es heftige Kritik: daran, dass das Projekt bei der Behandlung des Budgets 2020 mit keiner Silbe erwähnt worden sei. Am zusätzlichen Verkehr auf der eh schon überlasteten Hofstettenstrasse. Am schlechten Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Stadt. Daran, dass Leist und Stadtrat nicht einbezogen worden seien. Von einem «emissionsreichen Grossanlass im Aarebecken» sprach Thomas Hiltpold (Grüne). An einem prächtigen Ort werde eine «Rambazamba-Zone» geschaffen. Für Adrian Christen (SP) ist klar: Der negative Einfluss auf Natur und Umwelt sei gross – und «ein Verkehrschaos ist doch vorprogrammiert».

Komplett anders klang es auf der gegenüberliegenden Seite des Stadtrats. Zwar wurden auch hier Fragen zur fehlenden Information der Bevölkerung und zur Verkehrssituation in den Raum gestellt. Aber: «Die Rushhour ist ja nicht am Abend zwischen 21 und 22 Uhr», sagte Peter Aegerter (SVP). Dank dem Anlass könne mit nationaler Aufmerksamkeit gerechnet werden, für den Tourismus sei er ein Glücksfall. «Die Idee ist spannend, innovativ und passt sehr gut zu Thun», zeigte sich auch Markus van Wijk (FDP) überzeugt.

Die entscheidende Mitte?

So schien alles darauf hinauszulaufen, dass die Mitte das Zünglein an der Waage spielen würde. Jonas Baumann (Fraktion EVP/EDU/CVP) stiessen die erwähnten Kritikpunkte ebenfalls sauer auf. «Aber die positiven Elemente überwiegen.» Unterschiedlich war die Gefühlslage innerhalb der GLP/BDP-Fraktion: Für Letztere sprach Reto Vannini von einer «hervorragenden Grundidee», aber auch von einem sensiblen Ort – und er schloss: «Wir wollen den Grossanlass dort nicht.» Für die GLP zeigte sich Nicole Krenger bereit, die negativen Punkte in Kauf zu nehmen, der Anlass als solcher sei «eine super Sache». Es brauche aber ein Mobilitäts- und Nachhaltigkeitskonzept. Sie stellte eine Enthaltung in Aussicht.

Wer nun eins und eins zusammenzählte, kam auf eine knappe Ablehnung des Geschäfts. Also griff Philipp Deriaz (SVP) in die Trickkiste: Er stellte den Antrag, das Geschäft zurückzuweisen, um die offenen Fragen zu klären – und das definitive Aus für den Wasserzauber zumindest vorerst zu verhindern. Nach der Überarbeitung solle der Stadtrat nochmals über das Geschäft befinden.

Nach eineinviertelstündiger Diskussion und einem Sitzungsunterbruch stand schliesslich die Abstimmung an – und die Spannung erreichte Kriminiveau unmittelbar vor der Aufklärung des kniffligen Falls. Nur dass im Thuner Parlament die vermeintliche Auflösung noch nicht das Ende bedeutete: Das Resultat lautete nämlich 20:20. Und so war es Reto Schertenleib (SVP), der in seiner letzten Sitzung als Stadtratspräsident den Stichentscheid fällte – er sagte Ja zum Rückweisungsantrag.

Damit ist der «Wasserzauber» vorläufig nicht entzaubert, sondern geht in eine Zusatzschlaufe. Langweilig dürfte auch die Fortsetzung nicht werden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch