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«Im Zentrum steht der Mensch»

Dieter Hofer war 17 Jahre lang Chefarzt der Psychiatrie am Spital Thun. Am Freitag hat er dort seinen letzten Arbeitstag.

Psychiatrie-Chefarzt Dieter Hofer in seinem Büro.
Psychiatrie-Chefarzt Dieter Hofer in seinem Büro.
Patric Spahni

Seine ersten Erfahrungen mit psychisch kranken Menschen machte Dieter Hofer in der Klinik Waldau in Bern. Dort absolvierte er als Medizinstudent im Jahr 1976 während vier Wochen ein Praktikum. Schlafsäle mit zwei Dutzend Betten, Menschen ohne Tagesstruktur oder Beschäftigung, hohe Mauern, die die Klinik von der Aussenwelt abschirmten. «Doch genau zu dieser Zeit besann sich der Kanton Bern auf einen anderen Umgang mit psychisch Kranken», sagt Dieter Hofer in seinem Büro im Spital Thun, Haus D, zweiter Stock.

Der Blick aus dem Fenster geht auf das Gebäude der Notfallaufnahme. Oft wird er hier nicht mehr hinunterblicken: Am Freitag ist Dieter Hofers letzter Arbeitstag bei den Psychiatrischen Diensten Thun. Das Pensionsalter erreicht Hofer im kommenden Mai, doch auch danach wird der Psychiater und Psychotherapeut in einer eigenen Praxis in Bern weiterarbeiten.

«Stigma ist kleiner»

«In den frühen Achtzigern herrschte in der Psychiatrie Aufbruchsstimmung», erinnert sich Hofer. «Es gab erste Aussenwohngruppen, in Spitälern wurden sogenannte Stützpunkte für ambulante psychiatrische Behandlungen installiert.» Dezentrale Angebote wurden geschaffen, um Patienten eine Behandlung in ihrer Region zu ermöglichen.

Hofer wollte eigentlich Hausarzt werden und erlangte zuerst den Facharzttitel Allgemeine Innere Medizin. «Doch die Psychosomatik, der Zusammenhang zwischen Körper und Psyche, hat mich schon damals interessiert.» Und eben jene Aufbruchsstimmung habe ihn schliesslich dazu bewegt, sich doch noch für die Psychiatrie zu entscheiden. 1995 erhielt er den Facharzttitel in Psychiatrie und Psychotherapie und begann seine Arbeit in der Privatklinik Wyss in Münchenbuchsee.

Nach Thun kam er 2003. Als Nachfolger von Werner Saameli, der die Psychiatrischen Dienste Thun (PDT) ab Anfang der Achtziger aufbaute, übernahm Hofer den Posten des Chefarztes. An den PDT habe ihn die Nähe der Psychiatrie zum somatischen Spital überzeugt, sagt er.

Seit damals hat sich die Zahl der Mitarbeitenden mehr als verdreifacht, umfasst heute 80 Vollzeitstellen und Behandlungs- und Abklärungsangebote an 7 Standorten. «In der Psychiatrie hat sich enorm viel verändert», sagt Hofer. Er gehe nicht davon aus, dass es heute mehr psychisch Kranke gebe als vor 17 Jahren. Das belegen Untersuchungen des schweizerischen Gesundheitsobservatoriums. Aber: «Das gesellschaftliche Stigma ist kleiner geworden. Mehr Betroffene trauen sich, Hilfe zu suchen.» Dafür gibt es auch mehr Angebote. «1982 gab es einen einzigen ambulant tätigen Psychiater für die ganze Region. Heute sind es über 40, 25 davon leisten mit uns zusammen den psychiatrischen Notfalldienst», sagt Hofer.

Auf Augenhöhe

Jede Zeit hat ihre Pest, so lautet ein Sprichwort. «Unsere ist der Zeitdruck. Er führt oft zu Belastung. Die Menschen haben sehr hohe Erwartungen an sich selbst», sagt Dieter Hofer. «Viele Leute schätzen sich selbst in diesen Stresssituationen konstant als unzulänglich ein – und geraten dadurch unter Druck.» Burn-outs seien heute keine Seltenheit.

«Die Menschen haben sehr hohe Erwartungen an sich selbst.»

Dieter Hofer, Chefarzt Psychiatrie

Bei seiner Arbeit ist es Hofer wichtig, den Patienten auf Augenhöhe zu begegnen. «Die Menschen, die bei uns in Behandlung sind, kennen sich selbst am besten, sie sind Experten für ihr Leben und ihre Erfahrungen», sagt der Chefarzt. «Sie stehen im Zentrum und sollen mitbestimmen können.» Die Therapieformen in der Psychiatrie hätten sich seit seinen Anfängen diesbezüglich stark entwickelt. Im Ambulatorium und in der Tagesklinik in Steffisburg etwa arbeite ein sogenannter Peer, ein Mitarbeiter, der selbst Erfahrungen mit psychischen Erkrankungen gemacht hat. «Er kann nachempfinden, was die Patienten dort beschäftigt, und was er sagt, hat ein anderes Gewicht.»

Enge Zusammenarbeit

Hofer und sein Team arbeiten abteilungsübergreifend. Sie sind etwa konsiliarpsychiatrisch tätig und beraten beispielsweise Menschen, die sich nach einem Herzinfarkt in der ambulanten Rehabilitation befinden. «Mit ihnen besprechen wir, wie sie Stress künftig frühzeitig erkennen und anders damit umgehen können – denn dieser kann zu Herzerkrankungen führen.» Auch in der Onkologie werden Patienten oft psychologisch mitbetreut, da Krebserkrankungen psychisch sehr belastend sein können.

Es komme den Psychiatrischen Diensten zugute, dass sie direkt an das Spital Thun angegliedert seien, sagt Hofer. Das ermöglicht den PDT die enge Zusammenarbeit mit verschiedenen Stationen des Spitals und dem Notfallzentrum. Das wäre schwierig geworden, wenn die PDT dem Psychiatriezentrum Münsingen angegliedert worden wäre. Doch es blieb beim Konjunktiv – die Pläne für eine mögliche Übernahme, die die Spital STS AG und das PZM im Januar dieses Jahres ankündigten, waren im Mai schon wieder Geschichte.

«Für uns ist es gut, dass wir in der Region sind», sagt Hofer, der sich zu diesem Thema, das kritisch diskutiert wurde, bedeckt hält. «Doch wir pflegen eine rege Zusammenarbeit mit dem PZM.» Die regionale Präsenz der PDT soll in Zukunft noch stärker werden – etwa durch ein ausgebautes Angebot an Behandlungen bei Patienten zu Hause.

Auch allgemein sieht Dieter Hofer im Psychiatrie-Bereich Entwicklungspotenzial: «Was besondere Förderung verdient, ist der Stellenwert der Arbeit für psychisch Kranke.» Es sei unterdessen bekannt, dass eine geregelte Arbeit, die nicht überfordert, stabilisierend und sinnstiftend auf Patienten wirke. «Umso wichtiger sind Auszeichnungen wie der Thuner Sozial-Stern, der Unternehmen ins Rampenlicht rückt, die Menschen, die wegen einer psychischen Krankheit in ihrer Leistung beeinträchtigt sind, beschäftigen.»

Es liege ihm indes auch am Herzen, die Psychiatrie vor allem unter Assistenzärzten als interessantes Fachgebiet bekanntzumachen: «Es herrscht ein grosser Fachkräftemangel, auch bei den Pflegefachpersonen.»

Ans Rote Meer

Auch wenn er die Tür des Spitals am Freitag abschliesst: Das Kapitel Psychiatrie ist für Dieter Hofer nicht abgeschlossen. Bevor er 2020 seine Tätigkeit in einer Berner Praxisgemeinschaft wieder aufnimmt und dort – «Zeitdauer unbekannt» – weiterhin praktiziert, taucht er im Dezember ab. Wortwörtlich: Das Sporttauchen ist Hofers Hobby. «Unter Wasser kann ich abschalten. Ich fahre ans Rote Meer.»

«Unter Wasser kann ich abschalten.»

Dieter Hofer, Chefarzt Psychiatrie

Anschliessend freue er sich darauf, mehr Zeit für seine Patienten zu haben. «Der administrative Aufwand und die stetige Vergrösserung des Betriebs in Thun nahmen viele Stunden in Anspruch.» Zeit, die Hofer für den Kontakt mit Kranken fehlte – jener Faktor, der ihn ursprünglich in seinen Beruf zog.

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