Zum Hauptinhalt springen

Im Rollstuhl nach Unfall – Skilagerleiter freigesprochen

Wegen eines tragischen Skiunfalls sitzt ein heute 17-Jähriger im Rollstuhl. Deshalb war der Leiter eines Skilagers der fahrlässigen schweren Körperverletzung beschuldigt. Das Gericht sprach den Angeklagten frei.

Es war am Mittwoch am Regionalgericht Oberland in Thun ein beklemmender Moment: Die aus Somalia stammenden Eltern führten ihren Jungen im Rollstuhl in den Gerichtssaal. Der damals 15-Jährige hatte im März 2015 am Hasliberg einen schweren Skiunfall erlitten.

Ein heute 34-jähriger Schweizer betreute als Leiter in einem Skilager aus der Ostschweiz den Anfänger, welcher im Jahr zuvor mit dem Skifahren begonnen hatte. Am ersten Tag des Skilagers fuhr der Leiter mit seinem Schüler am ­Anfängerlift, wobei dieser die Abfahrten auf dem Übungsgelände problemlos meisterte. Danach fuhren sie zweimal eine blaue Piste hinunter.

Wie bei der vorhergehenden Abfahrt bekundete der Schüler Mühe mit den stei­leren Abschnitten, insbesondere traute er sich nicht so recht, einen Bogen zu fahren. Um ihm mehr Sicherheit zu geben, fuhr der Leiter im Stemmbogen vor dem Jungen her, während sich dieser von hinten an ihm festhielt. In dieser Stemmbogenposition waren die beiden gleichentags schon bei der ersten Abfahrt auf derselben Piste und auch im Vorjahr unterwegs gewesen.

Verletzte Sorgfaltspflicht?

Dann aber nahte das Unheil: Beim Einbiegen in einen Weg verspürte der Leiter ein Rumpeln beziehungsweise eine kleine Erschütterung. In der Folge konnte er seine Ski nicht mehr kontrollieren.

Es gelang ihm nicht mehr, auf dem Weg zu bleiben, und die beiden Skifahrer fuhren über den Wegrand hinaus in eine vier Meter entfernte Tanne. Die Folgen für den Schüler waren verheerend. Er erlitt ein schweres Schädel-Hirn-Trauma mit einem ­komatösen Zustandsbild sowie mehrere Frakturen.

Der tragische Vorfall bescherte dem Leiter einen Strafbefehl der Staatsanwaltschaft des Kantons Bern, Region Oberland. Diese warf ihm eine Verletzung der Sorgfaltspflicht vor, weil die angewandte Stemmbogenposition keine anerkannte Fahrtechnik für Anfänger sei.

Er wurde wegen fahrlässiger schwerer Körperverletzung für schuldig erklärt. Die Strafe lautete auf eine bedingte Geldstrafe von 8 Tagessätzen zu je 190 Franken, bei einer Probezeit von zwei Jahren. Ausserdem hätte er eine Verbindungsbusse und Gebühren von insgesamt 800 Franken bezahlen müssen. Weil er dagegen Einsprache erhob, kam es am Mittwoch zur Gerichtsverhandlung.

Umstrittene Position

Nach der Befragung des Beschuldigten vernahm Gerichtspräsident Jürg Santschi den Polizisten, welcher die Unfallaufnahme erstellt hatte, als Zeugen. Dieser gehört der Fachstelle Gebirgsspezialisten an und ist ein erfahrener Schneesportinstruktor. «Ich hätte vermutlich die gleiche Methode angewendet wie der Leiter», gab er zu Protokoll. Über die Zulässigkeit der Stemmbogenposition müssten Experten befinden, meinte er.

Der amtliche Anwalt der als ­Zivilkläger aufgetretenen Eltern des Unfallopfers sah wie die Staatsanwaltschaft ein Verschulden des Leiters. «Es geht hier nicht um einen Racheakt», sagte er zu Beginn seines Plädoyers.

Der Beschuldigte habe sich gegenüber dem Verunfallten vorbildlich verhalten und sich mehrmals um dessen Ergehen gekümmert. Trotzdem erachtete er die Verletzung der Sorgfaltspflicht als erfüllt. Der Beschuldigte hätte voraussehen müssen, dass es mit seiner Methode zu Schwierigkeiten hätte kommen können. Er forderte einen Schuldspruch.

Richter zeigte Betroffenheit

Der private Verteidiger des Leiters sah die Sache anders. «Es gibt keine verbindlichen Weisungen, wonach die Stemmbogenposition unzulässig ist», argumentierte er. Er wies dabei auch auf die besonders bei Kindern beliebte Tatzelwurmformation hin und forderte einen Freispruch.

«Vorerst möchte ich meiner Betroffenheit über den tragischen Vorfall Ausdruck geben», sagte Einzelrichter Jürg Santschi bei der Urteilseröffnung. Er folgte den Argumenten des Verteidigers und sprach den Angeklagten frei.

Dem Leiter werden die Verteidigungskosten von rund 15'500 Franken vergütet, die Verfahrenskosten von 2000 Franken werden dem Kanton überbunden. Wegen des Freispruchs konnte auf die Zivilforderungen nicht eingetreten werden.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch