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Gewissens-Bisse

Alice Hofer, Inhaberin der Praxis für angewandte Vergänglichkeit in Thun, über Allergien, Abneigungen und Unverträglichkeiten beim Essen.

Neulich hatte ich ein Paar zum Essen eingeladen. Bei der Wahl des Menüs schlug ich – der Einfachheit ­halber – Spaghetti vor und befragte meine Gäste vorgängig über allfällige Allergien, Abneigungen, Unverträglichkeiten und dergleichen. Man habe da keine Probleme, hiess es, lediglich vertrage sie weder Zwiebeln noch Laktose und er weder Gluten noch Amphibien respektive Schalentiere. Ansonsten sei man pflegeleicht und würde dazu ­gerne den Biowein mitbringen.

Damit oblag mir strategisch, ­logistisch und operativ die Projektleitung. Die erste Hürde war locker zu schaffen, indem ich ­einfach zwei Sorten Spaghetti kochte. Bei der Zubereitung der Saucen wurde es dann kniffelig: Sie wollte Crevetten, er Bolognese (viel Fleisch), was mir gar nicht behagte. Zwar darf ich mich gemäss jüngsten Trends «Pescetarianerin» nennen, also «Fischfresserin», und doch stand ich vor folgender arithmetischer Knacknuss: 1× mit Scampi, ohne Käse, ohne Zwiebeln (für sie), 1× ohne Fleisch (für mich), 1× mit Hack, ohne Gluten, ohne Frosch, ohne Fisch (für ihn).

Natürlich streifte mich kurz der Gedanke an eine Alternative wie etwa Berner Platte mit Sojawürstchen, Kartoffeln ohne Augen bzw. Bohnen ohne Zwiebeln bzw. Sauerkraut ohne Rahm bzw. Speck ohne Sau (hab ich mal in Amerika gekostet, schmeckte scheusslich) oder Parmesan ohne Käse, wobei man etwas Sägemehl hübsch servieren und dabei überzeugend verkünden könnte, das sei «le dernier cri» auf dem veganen Markt. Schliesslich öffnete ich drei Dosen Pelati, angeblich aus «hundert Prozent natürlichen Zutaten». Auf der Fleischetikette stand tatsächlich «aus nachhaltiger Produktion», was ich sowieso nicht nachvollziehen kann bezüglich verderblicher Konsumgüter.

Der Event verlief ziemlich anstrengend, weil vor, während und nach dem Futtern ständig darüber lamentiert wurde, was man grundsätzlich essen dürfe/solle/müsse und was nicht, worüber ich mich derart langweilte, dass ich vorsätzlich ein Glas Wein verschüttete, nur um endlich einen Themenwechsel zu provozieren.

Dieser führte prompt zur These, dass die üblichen Wein­zusätze wie Natriumhydrogen-Sulfit (E 222), Methanol (CH4O), Kasein (aus Kuhmilch), Lysozym (E 1105 aus Hühnereiweiss), Chitin (aus Tierpanzern), Dimethyldicarbonat (E 242) und H2SO3-Säure unser Immunsystem «nachhaltig» belasten, ganz zu schweigen von Natriumcarboxymethylcellulose (E 466), und dass Alkohol überhaupt «nachhaltig» schädigend sei. Bei der Gelegenheit schockierte ich die Runde mit der Kunde, dass auch in Biowein Schwefel enthalten ist, wenngleich etwas weniger als die Deklarationspflicht (10 mg/l) vorgibt. Man war nachhaltig konsterniert.

Zwar hatte ich noch ein vegetarisch-veganes, laktoseloses und fettfreies Dessert vorbereitet, nämlich drei frisch gewaschene Äpfel mit je einem gewetzten Messerchen dazu, doch scheute ich nun das Risiko einer weiteren appetithemmenden, zermürbenden, nervtötenden Debatte über Kalium, Kalzium, Pektin und Pestizide. So entschied ich mich denn aus gesundheitlichen Gründen, Migräne vorzutäuschen, und stimulierte die Besucher dahingehend, ihren Abgang bitte zu beschleunigen.

Als sie weg waren, machte ich mich schadenfroh über die Schwarzwäldertorte her, die ich im Kühlregal versteckt hatte (hinter den angefaulten Auberginen). Es wurde dann noch ein wirklich netter Abend, sinnenfreudig und genussvoll, weil ich mir nicht ins Gewissen biss, denn mit mir ist gut Kirschen essen. Zur Krönung erlöste ich auch den Himbeergeist aus der Flasche, erklärte ihn zum Arzneimittel, fragte keinen Arzt oder Apotheker und las auch nicht die Packungsbeilage.

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