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Gershwins Gala mit federleichtem Swing

«Ein Amerikaner in Paris» in einer Inszenierung des Euro-Studios Landgraf berauschte rund 700 Gäste aller Altersgruppen im Schadausaal des KKThun.

Eine Szene aus «Ein Amerikaner in Paris» an der Seine, wo sich das spätere Liebespaar Lise Dassin (Mariana Hidemi) und Jerry Mullligan (Tobias Joch) trifft.
Eine Szene aus «Ein Amerikaner in Paris» an der Seine, wo sich das spätere Liebespaar Lise Dassin (Mariana Hidemi) und Jerry Mullligan (Tobias Joch) trifft.
PD/Sarah Jonek

Es gibt Musicals, die spendieren einem Musse, um über die Steuererklärung, das Geburtstagsgeschenk für die Schwiegermutter oder biologisch abbaubares Katzenstreu nachzudenken. Doch zwischen die Szenen des vom Euro-Studio Landgraf Titisee-Neustadt auf die Bühne gezauberten Musicals «Ein Amerikaner in Paris» passt kein Blatt Papier. Die umarmende und swingende Musik von George Gershwin und die Liedtexte von dessen Bruder Ira haben sich unverwechselbar in viele Herzen eingegraben.

Die Musiker des Krzysztof-Klima-Festival-Orchesters finden im Schadausaal des KKThun links vor der Bühne Platz für ihre federleichte Musizierkunst, wie sie der 1898 als Jacob Gershovitz in Brooklyn geborene Komponist für seine epochalen Werke verlangt. Das Bühnenbild und die Videokunst von Robert Pflanz schaffen Illusionen, in denen ein Tanz unterm Eiffelturm oder ein Stelldichein an der Seine ebenso gefangen nimmt wie ein Besuch im Ballettsaal. Visuell betören zudem die Kostüme von Aleš Valášek mit ihren schwingenden Röcken und einer überzeugenden Farbpalette von Lila- und Grüntönen samt Glitzerkleidchen und Festroben.

Musik und Tanz vereint

Was aber den fast voll besetzen Schadausaal am meisten packt, ist die rasante, jazzige, steppende und melancholische Show mit erstklassigen Tänzerinnen und Tänzern aus aller Welt, die nur noch getoppt wird durch die lebensfrohen deutschsprachig adaptierten Gershwin-Evergreens: «I Got Rhythm», «The Man I Love», «’S Wonderful», «They Can’t Take That Away from Me» wurden geschickt verwoben mit berühmten orchestralen Werken wie «An American in Paris», «Concerto in F», «Second Rhapsody» oder der «Cuban Ouverture».

Die Inszenierung unter der Leitung von Christopher Tölle, Nigel Watson und Heiko Lippmann vereint Musik und Tanz, Gesang und Geschichte mit hinreissender Leidenschaft, die aufs Publikum überspringt. Etliche Thuner Schulklassen bevölkern den Saal, und wer anfangs munkelte, dass während der Vorstellung sicherlich Smartphones gezückt oder getuschelt würde, wird eines Besseren belehrt. Entrücktes Lächeln auf den Gesichtern von jungen Frauen und Männern drücken aus, was sich auf der Bühne entlädt: Fliegende Bilder- und Szenenwechsel in atemberaubendem Rhythmus stehlen jedem Internet-Gedaddel die Show, wie die Aufführung auf Einladung der Kunstgesellschaft Thun (KGT) beweist.

Dunkle Zeit leicht aufbereitet

Mit leichtem Händchen wird hier Geschichtsunterricht erteilt von Paris unterm Hakenkreuz, in dem sich Menschen verlieren und wiederfinden. Der hinkende Adam Hochberg (Robert D. Marx), der als Jude den Naziterror überlebt hat, fungiert als Erzähler, der die bewegende Geschichte von Lise (Mariana Hidemi) und Jerry (Tobias Joch) ausbreitet. Die vier Jahre unter deutscher Besetzung überlebte die Jüdin Lise nur, weil sie im Hause Baurel Unterschlupf fand. Was aus ihren Eltern geworden ist, die inhaftiert wurden, weiss sie nicht. Henri (Nico Schweers), der Sohn des Hauses Baurel, schickt sich an, Lise einen Heiratsantrag zu machen.

Eindrucksvoll, wie es diese Inszenierung schafft, die dunkelste Zeit Europas anklingen zu lassen, ohne sie im Musicaleinerlei zu bagatellisieren. «Wir hatten so viel auszuhalten, weil wir Menschen sind», sinniert Adam am Schluss. Dennoch legt sich kein grauer Schleier auf die Gemüter des begeisterten Publikums. In der Pause sind gar junge Frauen zu beobachten, die versuchen, eben gesehene Tanzschritte nachzuvollziehen, und ihre Beine in die Luft werfen. Und nach der kurzweiligen über zwei Stunden dauernden Vorstellung flüstert eine betagte Dame zu ihrem Mann: «Das isch mer aber voll i d Tanzbei gfahre ...»

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