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Geheimes Programm für nationale Heiterkeit

Im voll besetzten Schadausaal der Gala der 60. Schweizer Künstlerbörse entwickelte sich der angesagte Redenmarathon zu einem amüsanten Höhepunkt. Dafür gestaltete sich der Showteil als zähe Masse.

Redenmarathon einmal anders: Die Präsidentin der Theaterschaffenden Schweiz, Sandra Künzi, wurde kurzerhand per Video von der Bühne in ihr Daheim geführt,wo sie ihre Rede fortsetzte und sogar zu einem Tänzchen ansetzte. Möglich machte dies das umwerfend komische Moderatorenduo Lapsus mit Peter Winkler aliasTheo (links) und Christian Höhener als Bruno, der gleichzeitig als Weibel während der Reden agierte.
Redenmarathon einmal anders: Die Präsidentin der Theaterschaffenden Schweiz, Sandra Künzi, wurde kurzerhand per Video von der Bühne in ihr Daheim geführt,wo sie ihre Rede fortsetzte und sogar zu einem Tänzchen ansetzte. Möglich machte dies das umwerfend komische Moderatorenduo Lapsus mit Peter Winkler aliasTheo (links) und Christian Höhener als Bruno, der gleichzeitig als Weibel während der Reden agierte.
Patric Spahni
Charmanter Auftritt: Bundeskanzler Walter Thurnherr aus Sigriswil bewies bei seiner Ansprache viel Humor.?
Charmanter Auftritt: Bundeskanzler Walter Thurnherr aus Sigriswil bewies bei seiner Ansprache viel Humor.?
Patric Spahni
So sieht Freude aus: Nicole Knuth (Mitte) und Olga Tucek (rechts) erhielten von Barbara Anderhub den Kleinkunstpreis überreicht.?
So sieht Freude aus: Nicole Knuth (Mitte) und Olga Tucek (rechts) erhielten von Barbara Anderhub den Kleinkunstpreis überreicht.?
Patric Spahni
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Wie fühlt sich ein Tubaspieler, der die ersten Umpf-umpf-Töne zur 60. Schweizer Künstlerbörse anstimmt? Ehre? Aufsteigendes Lampenfieber? Giancarlo Macrì von der italienischen Blechblasformation Banda Osiris hielt sich nicht mit solchen Fragen auf. Vielmehr verabreichte sein Quartett grauhaariger Wirbelwinde den rund 750 Galagästen im Saal eine musikalische Dusche und blies alle Alltagsgedanken fort.

Spezialisiert aufs Ausrutschen und Verhaspeln, übernahm das Duo Lapsus mit Peter Winkler (Theo) und Christian Höhener (Bruno) die Moderation. Die illustren Gäste aus Politik und Kunst wappneten sich angesichts der langen Rednerliste für die angekündigten «Feuerwerke der Rhetorik». Was dann aber geboten wurde, sollten sich alle Veranstalter von Preisverleihungs-Lobhudeleien hinter die Ohren schreiben. Immer wieder spontaner Applaus und ausgelassene Stimmung waren der Dank für den zauberhaften Event.

Von der Bühne direkt in die Filmbox

Den Anfang machte die gut gelaunte Präsidentin der Theaterschaffenden Schweiz (t.), Sandra Künzi. Schon nach wenigen Worten unterbrach Lapsus-Theo quasselnd ihren Redefluss und schlug vor, den Vortrag in ihr Daheim zu verlegen. Auf der Leinwand erblickte das Publikum nun das Wohnzimmer der Präsidentin, die von der Bühne in die Leinwand hineinschritt und -glitt – nahtlos weiter parlierend. Lapsus-Bruno, eben noch im orangen Arbeitskittel vor sich hin dösend, musste an Künzis Seite als Weibel Blumen halten. Schwups, erschien auch er in der anderen Realität der Projektionswand. Zum Schreien komisch absolvierte das Pärchen im Wohnzimmer ein Tänzchen.

Inzwischen war die Leiterin der Kulturabteilung der Stadt Thun auf die Bühne gebeten worden. Auch Marianne Flubacher wurde nach salbungsvollen Worten in die Leinwandwelt verfrachtet, die sie vor dem Kunstmuseum Thun zeigte. Hans-Ulrich Glarner spielte seine Rolle als Vorsteher des Amts für Kultur des Kantons Bern vorzüglich, sträubte sich aber vor der Leinwand und verlangte nach Livepublikum. Er hatte keine Chance und fand sich filmisch im Foyer des Berner Stadttheaters wieder. Sein gewollt komisches Politiker-Blabla wurde von Theo per Fernbedienung vorgespult. Das Zusammenspiel von Realbühne und Einspielern wurde noch getoppt vom rasanten Switchen zwischen den Aussenschauplätzen – eine grandiose Regiearbeit.

«Wir Politiker sind auch Kleinkünstler»

«Nicht jeder, der schweigt, ist ein Philosoph, es gibt auch geschlossene Schränke, die leer sind.»

Walter Thurnherr, Bundeskanzler

Als Bundeskanzler Walter Thurnherr die Bühne betrat, schmunzelte das begeisterte Publikum schon: In welcher Filmbox der achte Bundesrat wohl landen würde? Dieser beharrte in gemimtem Ernst auf einer 90-minütigen Rede, die er nur um zehn Minuten verkürzen werde, weil man ihm Ferien auf den Seychellen versprochen habe. «Wir Politiker sind auch Kleinkünstler, wir verhauen uns, damit Sie etwas zum Lachen haben», hob Thurnherr an.

Es handle sich um ein geheimes Programm des Bundesamts für Gesundheit zur Steigerung der nationalen Heiterkeit. Subtile Anspielungen, eine Prise Schalk und ein Quäntchen Ernst zeichneten den charmanten Auftritt von Walter Thurnherr aus: «Nicht jeder, der schweigt, ist ein Philosoph, es gibt auch geschlossene Schränke, die leer sind.» Die kurzweilige Rede schloss Bundeskanzler Thurnherr mit «Danke für die Ferien!».

Preis als bedingungsloses Grundeinkommen

Banda Osiris stimmte die Melodie aus dem Strassenfegerkrimi «Stahlnetz» der 1960er-Jahre an, während Lapsus die Nominierten für den Schweizer Kleinkunstpreis mit Filmeinspielern präsentierte: Nicole & Martin, Marjolaine Minot sowie Knuth und Tucek als Gewinnerinnen. Die Laudatio hielt Barbara Anderhub als Jurymitglied, ebenfalls auf die Leinwand verbannt, im Schnelldurchlauf in Mickymaus-Sprache. Der Preis (35000 Franken) sei ihr bedingungsloses Grundeinkommen, bedankten sich die Künstlerinnen beim Bundesamt für Kultur und gaben das Lied «Im goldenen Käfig sitzen stumme Vögel» zum Besten.

Mit tosendem Applaus endete die erste Halbzeit der Gala: Lapsus zeigte seinen wagemutigen Hochseilakt, der allerdings am Boden stattfand. Genial mimten die beiden Komiker liegend Balancekunststücke, die aus der Vogelperspektive der Leinwand verblüffende Effekte erzielten.

Der Showteil nach der Pause wurde von Anne Klinge (Fusstheater), Eugénie Rebetez (Tanz), Jurczok 1001 (Beatbox), Michael Fehr (Gesang), Sandrine Viglino und Sibylle Aeberli (Musikerinnen) bestritten. Die wilde Mischung erzeugte beim Publikum eher gemischte Gefühle. Allzu kleinteilig, zusammengewürfelt und ausufernd, wusste die Show im Vergleich zum fulminanten ersten Teil die ausgelassene Stimmung in Schadausaal nicht zu halten. Dennoch folgten die Kleinkunstfans zum Schluss zögerlich der Aufforderung, in die Yeah-Gesänge der Formation einzustimmen.

Die Künstlerbörse läuft noch bis und mit Sonntag.

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