Zum Hauptinhalt springen

Eine Nacht lang raucht die Kultur

Die Thuner Kulturnacht ist wie ein riesiges Buffet: Vor lauter Leckerbissen hat man die Qual der Wahl. Von Samstag auf Sonntag wurden an 35 Orten in der Stadt rund 150 Darbietungen geboten. Eine Stippvisite.

Die singenden Komikerinnen Si Jamais bei ihrem Auftritt im Loft 27.
Die singenden Komikerinnen Si Jamais bei ihrem Auftritt im Loft 27.
Patric Spahni
Grossaufmarsch bei Jucharte auf der MS Schilthorn.
Grossaufmarsch bei Jucharte auf der MS Schilthorn.
Patric Spahni
Bunte Farbtupfer in der Dunkelheit: Kulturnacht in Thun.
Bunte Farbtupfer in der Dunkelheit: Kulturnacht in Thun.
Patric Spahni
1 / 7

Zwei Damen kommen leicht gehetzt die Schlosstreppe herunter: «Im Rittersaal gibt es Kinderprogramm. Wo ist denn das Angebot für uns?» Das umfangreiche grossformatige Kulturnachtprogramm zu lesen, erweist sich als Herausforderung, und der Ausdruck des PDFs von der Website stellt sich als unbrauchbar heraus. Nicht selten stehen Grüppchen mit aufgefaltetem Prospekt in der Innenstadt und diskutieren das nächste Ziel.

Junge Detektive debütieren

Im Rittersaal begrüsst der Autor der Hörspielreihe «K. O. –Detektive im Einsatz», Michael Viscovi, rund 30 kleine und grosse Gäste, um den brandneuen dritten Teil der Reihe, der in Thun spielt, zu präsentieren. K. O. steht für die Hauptfigur Kate Odell, gelesen von Julia Jeker, bekannt als Seraina im Film «Schellen-Ursli», die auch Co-Autorin ist.

«Im Rittersaal gibt es Kinderprogramm. Wo ist denn das Angebot für uns?»

Eine erwachsene Besucherin

Zusammen mit ihrem Hörspielpartner Nick Weber, der das Computergenie Sven Rieder verkörpert, bieten die jungen Schauspieler ihrem Publikum eine szenisch gekonnte Kostprobe, die Lust auf mehr macht: Kates Laune ist miserabel, denn sowohl frühes Aufstehen als auch die anstehende Matheprüfung machen ihr zu schaffen.

Ihr Freund Sven jedoch motiviert sie, er habe den Code für die elektronische Schliessanlage der Schule geknackt, die er nun mit dem Handy manipulieren könne. Schon schliesst er die Tür zum Klassenzimmer, die der Mathelehrer fluchend von aussen zu öffnen versucht. Einige aus dem Zuschauerraum lassen es sich nicht nehmen, die Jungschauspieler zu fotografieren. Dass die Prüfung dann ausfällt, scheint dem jungen Publikum ebenso zu gefallen.

Kadetten zum Auftakt

Ohne Ansprachen, dafür mit viel Musik, nimmt die Eröffnung der sechsten Thuner Kulturnacht auf dem Rathausplatz um punkt 18 Uhr ihren Anfang. Die Kadettenmusik und die Tambouren unter Leitung von Urs Grundbacher und Martin Zollet locken rund 400 Kulturnachtbesucher auf den Platz.

Denn nebst schmissigem Marsch erklingen weitaus modernere Klänge. Eine spanische Touristin im Publikum schwingt ihre Hüften. Wie das Stück denn heisse, wird sie gefragt, und sie ruft lachend über die fetzigen Klänge hinweg: «This is ‹Livin’ on a Prayer› von Bon Jovi!» Ebenso im Repertoire der Kadettenmusik sind «Skyfall» aus dem gleichnamigen James-Bond-Film oder «One Moment in Time» von Whitney Houston.

Street-Art an der Bar

Während das Schloss abwechselnd errötet, begrünt wird oder andersfarbig erstrahlt, hat sich am Rande des Geschehens die Offenbar von Propart mit Getränken und Snacks der urbanen Kunst verschrieben. Dazu werkeln zwei Street-Art-Künstler: «Ich bin El Burrito, eine Delikatesse», versichert der eine.

Kollege Past (englisch: Vergangenheit) meint, «ich will einen Dialog zwischen Vergangenheit und Gegenwart herstellen.» Gemeinsam malen und sprayen sie grossformatig ein Bild. Sie schütteln die Spraydosen und setzen neu an bei ihrem Graffito, der im Moment so aussieht, als ob jemand eine Gasmaske tragen würde.

Die Fans von Hanery Amman, der an der Kulturnacht im KKThun als Top Act auftreten wollte, machen sich grosse Sorgen. Denn der Künstler musste alle Konzerte aus gesundheitlichen Gründen absagen. Für ihn springt Sängerin Jaël mit Band ein – im KKThun. Also gehts im Affenzahn mit dem Shuttlebus in den unterteilten Lachensaal, der schon keine Stühle mehr für weitere Gäste bieten kann. Am Boden gibts noch Platz.

«Ich bringe einen blinden Passagier mit, der sicherlich mal Schlagzeuger wird.»

Sängerin Jaël Malli

«Es ist alles etwas spontan gewesen», plaudert Jaël Malli lächelnd. Sie sei kurzfristig per Facebook, Mail und Telefon belagert worden, ob sie einspringen könne. «Ich bringe einen blinden Passagier mit, der sicherlich mal Schlagzeuger wird», sagt sie geheimnisvoll und weist auf ihren Babybauch.

Mit ihren typischen Balladen betört die 38-Jährige ihr Publikum und kündigt ihren Song «Opposite» an – sie greife ja eher ernste Themen in ihren Liedern auf und mache keine Schenkelklopfermusik: «Es gibt aber einen Lichtblick, denn in diesem Lied besinge ich den Gegensatz von Mann und Frau.» Im Saal breitet sich leises Lachen aus.

Balladen und Käse

Nach den zarten Balladen gehts auf die MS Schilthorn mit von Raclettekäseduft geschwängerter Luft. Hier einen Platz zu ergattern, ist aussichtslos. Die Fans von Jodel und volkstümlicher Musik machen nicht den Eindruck, als wollten sie den gemütlichen Ort so schnell verlassen. Die instrumentenstarke Jucharte-Band um Sängerin Ursula Krummen erntet immer wieder Beifall für ihre Bündner Weisen und schlüpfrigen Lieder etwa über eine Brautwerbung: «Bin ich nicht schön genug, reich genug, gross genug?»

Das Kunstwerk von El Burrito und Past auf dem Rathausplatz steht mittlerweile kurz vor der Fertigstellung. Gross steht da in verwegenen Lettern «Past», mittig prangt ein Gorilla mit einem Stumpen zwischen den Lippen und Silberblick. «Was raucht denn der?», werden die Street-Art-Künstler gefragt – sie antworten wie aus einem Mund: «Kultur natürlich!»

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch