Der Wildling und die Obsession

Der in Thun geborene Schriftsteller Lukas Bärfuss las im Theater Alte Oele aus seinem Roman «Hagard». Rund sechzig Literaturinteressierte folgten der Wortkraft des preisgekrönten Autors.

<b>Lesung mit Leidenschaft:</b> Lukas Bärfuss im Theater Alte Oele in Thun.

Lesung mit Leidenschaft: Lukas Bärfuss im Theater Alte Oele in Thun.

(Bild: Patric Spahni)

Mit den Augen des Zeugen eine Geschichte zu erzählen, schafft einen willkommenen Abstand, um schonungslos Schlaglichter auf unsere heutige Zeit zu werfen. Das jüngste Werk von Lukas Bärfuss «Hagard» (Wildling, schwer zähmbares Tier) nimmt in dieser Erzählperspektive den Endvierziger Philip in den Fokus, der sich an die Fersen einer Frau in pflaumenblauen Ballerinas heftet.

Ob Protagonist der Wildling ist oder die Obsession der Verfolgung an sich, mag der Lesende entscheiden. Philip sieht sie nur von hinten, sie selbst nimmt ihn nicht wahr. Von manischer Kraft getrieben, rennt er der namenlosen Frau hinterher – und in den Tod.Knapp eine Stunde las Lukas Bärfuss mit Leidenschaft und fast akzentfreiem Hochdeutsch aus seinem Werk. Die Erzählung lebt von deutlichen Formulierungen, die dem Publikum nicht selten den Atem raubten: «Er sah die Menschen, mit denen er die Stadt teilte, sah die Geschäftsherren mit den rasierten Wangen, die ­Sekretärinnen im frühen Feierabend, beladen mit Ramsch aus China, mit dem sie ihre Buden am Stadtrand ausstaffieren würden . . . Er roch die Halbwüchsigen, die nach Taurin (in Energydrinks enthalten, Anm. d. Red.) und Sperma stanken . . .»

Das obsessive Begehren schiesst für den Leser oft beängstigend den Verfolger aus seiner Realität. Verschnaufpausen gewährte Bärfuss in triefend satirischen Passagen wie über Zugkontrolleure in gelben Westen: «Ein übler, käsiger Vielfrass steckt in der Weste, die Backen fett wie Schweineärsche . . . Wie soll er an diesem Walross vorbeikommen? . . . Er sieht den Mann in dessen öder Hässlichkeit, die Plastikweste, die seinen widerlichen Wanst umgibt . . .»

Genüssliche Geruchsliteratur

Der Autor geizte auch nicht mit Geruchsliteratur, als er genüsslich den Kontrolleurduft vortrug: «. . . dieser säuerliche, durchgefurzte, genässte Filzgeruch, faulig, von den Sohlen aufsteigend, Schweiss und Tod, als hätte der Mann Kadaver zu schichten . . .» Nur ein Fausthieb ins käsige Gesicht rettet Philip vor dem Ordnungshüter, der den Schwarzfahrenden entkommen lassen muss.

«Ich schreibe nicht nur mit dem Kopf, sondern mit allen Sinnen», verriet Bärfuss nach der Lesung im Gespräch mit Moderator Svend Peternell, Redaktor dieser Zeitung. Und: «In der Erzählung folgen wir einer Person bis ins Verderben.» Das schüre etwas Schadenfreude, nach einer Beerdigung fühle man sich ja auch selten lebendig. Ob Philip denn nie das Gesicht der Verfolgten sehe, fragte ein Herr aus dem Publikum. Die Erklärung des Autors: Nein, denn er sei ja die ganze Zeit hinter ihr. Nur einmal stehe er vor ihr auf der Rolltreppe. «Doch ich würde mich auch nicht umdrehen», beteuerte Bärfuss. «Denken Sie an Lots Frau oder Orpheus: Umgedreht – und fertig!» Ein weiterer Zuhörer interessierte sich für die schriftstellerische Tätigkeit des Autors, der erklärte, er versinke in seinen Beschreibungen, wichtig sei später das Streichen, Streichen, Streichen. «Es ist wie bei Michelangelo und seinem Marmorblock. Man muss nur alles wegnehmen, was nicht so aussieht wie David.»Lukas Bärfuss’neue Essays: S. 28

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