Darum holt sie ihr Essen aus dem Container

Region Thun

Essen aus dem Müllcontainer: für die meisten eine unappetitliche Vorstellung. Containern ist aber mehr als nur Lebensmittelbeschaffung, es ist eine Form von Protest.

Anna holt ihr Essen aus dem Container.

Anna holt ihr Essen aus dem Container.

(Bild: Zoé Kammermann)

Eine kalte Novembernacht, die Strassen sind wie leer gefegt. Die junge Frau, die mich heute mitnimmt, möchte ihren Namen lieber nicht in der Zeitung lesen. Nennen wir sie Anna. Was für mich eine neue Erfahrung wird, ist für Anna etwas ganz Alltägliches. Seit mehreren Jahren holt sie regelmässig Essen aus dem Abfallcontainer. Es ist ihr persönlicher Protest gegen die Lebensmittelverschwendung unserer Gesellschaft.

Was wir brauchen, sind Handschuhe, um den Müll zu durchsuchen, eine Stirnlampe, um in den Tiefen der Abfallberge überhaupt etwas zu sehen, und eine Tasche, um das Gefundene zu verstauen. Bevor es losgehen kann, erklärt Anna mir die Spielregeln: «Wir gehen hin, schauen, was es hat, nehmen, was wir brauchen können, und gehen wieder. Wir verhalten uns unauffällig, stören niemanden und beeilen uns. Und ganz wichtig: Wir hinterlassen den Ort so, wie wir ihn vorgefunden haben.»

In Konflikt mit dem Gesetz?

Klingt fair, ich bin bereit. Trotzdem fühlt sich das Unterfangen irgendwie verboten an. Ich rufe mir in Erinnerung, dass wir den Müll durchsuchen gehen und nicht vorhaben, eine Bank zu überfallen. In der Schweiz ist das Mitnehmen von Abfällen grundsätzlich keine Straftat. Strafbar macht man sich erst, wenn man abgeschlossenes Gelände betritt (Hausfriedensbruch), den Verschluss eines Containers aufbricht (Sachbeschädigung) oder Dinge mitnimmt, die gar nicht zum Abfall gehören (Diebstahl). Solange wir also nirgendwo einbrechen, nichts kaputt machen und nichts mitnehmen, was nicht im Abfall liegt, verstossen wir gegen kein Gesetz.

Orchideen...

Schon beim zweiten Supermarkt werden wir fündig. Fünf grosse Mülltonnen stehen auf dem Parkplatz hinter dem Gebäude. Sie sind unverschlossen. Anna wirft einen Blick rein und stösst einen Schrei des Entzückens aus: «Eine Orchidee! Schau wie schön die noch ist!» Triumphierend streckt sie mir einen kleinen Blumentopf mit einer wunderschönen weissen Orchidee entgegen. Sie streift die Handschuhe über, knipst die Stirnlampe an und beginnt zu wühlen. Unter einem Berg von Plastikmüll stösst sie auf noch mehr Orchideen. Voller Euphorie gräbt sie weiter und holt einen Schatz nach dem anderen ans Licht.

... und Nahrungsmittel

Brot, Kuchen, Mandarinen, Bananen, Mangos, Äpfel, Peperoni, Lauch, Karotten, Kartoffeln, Salat, Käse… Ich traue meinen Augen nicht. Mit einer solchen Menge hatte ich nicht gerechnet. Was mich aber noch mehr erstaunt als die Menge, ist die Qualität der Produkte. Eine Kartoffel ist leicht angefault, ein paar Äpfel haben Dellen. Und bei fast allen ist das Mindesthaltbarkeitsdatum am Tag zuvor abgelaufen. Aber die meisten Produkte sehen tadellos und noch sehr geniessbar aus.

«Sieben Mandarinen, sechs davon sind noch gut, eine ist angefault. Anstatt diese eine rauszunehmen, wird das ganze Netz weggeworfen.»

«Schau, das ist typisch»: Anna hält ein Netz mit Mandarinen in die Luft. «Da sind sieben Stück drin, sechs davon sind noch gut, eine ist angefault. Anstatt diese eine Mandarine rauszunehmen, wird das ganze Netz weggeworfen.» Sie seufzt. Wahrscheinlich ist ihr wieder in den Sinn gekommen, dass das hier weder ein Spiel noch eine Schatzsuche ist, sondern ihr Kampf gegen die Verschwendung von Lebensmitteln.

100'000 Tonnen pro Jahr

Gemäss einer Studie des Bundesamtes für Umwelt, fallen im Schweizer Detailhandel und bei Grossverteilern rund 100'000 Tonnen Lebensmittelabfälle pro Jahr an. Davon wären rund 95 Prozent vermeidbar. Da diese Lebensmittel den ganzen Weg bis ans Ende der Wertschöpfungskette gemacht haben, wurden schon sehr viele Ressourcen in sie gesteckt: Transport, Verarbeitung, Lagerung, Verpackung, Zubereitung. Verschwendete Ressourcen bedeuten unnötig verursachte Emissionen.

Hinzu kommt, dass die Entsorgung der geniessbaren und deshalb vermeidbaren Lebensmittelabfälle den Detailhandel gesamthaft mit schätzungsweise 10 Millionen Franken pro Jahr belastet. «Das ist doch krank. Wir leben so im Überfluss, dass wir uns diese Verschwendung einfach leisten können», murmelt Anna und begutachtet einen Aprikosenkuchen.

Eltern ohne Verständnis

Annas Eltern wissen nichts von ihren nächtlichen Ausflügen. «Die sind in einer Zeit aufgewachsen, als man sich endlich keine Sorgen mehr darum machen musste, genügend Essen zu kriegen. Grosses Wirtschaftswachstum und so. Die verstehen nicht, dass ich diesen Überfluss kritisiere.»

«Früher konnte man es sich schlicht nicht leisten, kostbare Lebensmittel einfach in den Müll zu werfen.»

Ihren Grosseltern hingegen hat Anna vom Containern erzählt. «Die finden gut, dass ich das mache. Die sind aber auch in einer Zeit geboren, als man noch einen viel stärkeren Bezug zu den Lebensmitteln hatte, die man konsumierte. Essen war früher viel teurer, man hat das viel mehr wertgeschätzt. Da konnte man es sich schlicht nicht leisten, kostbare Lebensmittel einfach in den Müll zu werfen.»

Ist Foodwaste ein Generationenproblem? Haben wir den Bezug zu unserem Essen verloren? Diese und ähnliche Fragen schwirren mir im Kopf herum, als wir uns wieder auf den Heimweg machen. Unsere Taschen sind so voll, dass eine vierköpfige Familie locker drei Tage davon leben könnte. Und das war gerade Mal ein Container von einem Supermarkt.

Tropf auf den heissen Stein

Es ist erschreckend, wie viele noch verwertbare Lebensmittel im Detailhandel weggeworfen werden. Tatsache ist aber auch, dass der im Detailhandel anfallende Foodwaste gering ist im Vergleich zu der Lebensmittelverschwendung, welche daheim bei uns allen in den privaten Haushalten anfällt. «Containern ist ein Tropfen auf den heissen Stein – aber immerhin», sagt Anna.

Zum Schluss will ich von ihr wissen, was sie von unserer heutigen Ausbeute hält. «Ich bin zufrieden und unzufrieden in einem. Einerseits freue ich mich, dass wir so leckeres Essen vor der Vernichtung gerettet haben. Und auf der anderen Seite macht es mich traurig, dass wir überhaupt etwas finden mussten.»


Zoé Kammermann (19) aus Thun absolviert ein Praktikum bei Radio Rabe. Ihre Hobbys sind Lesen, Schreiben und die Natur.

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