Brahms in der Schloss-Kneipe

Als zweites Glanzstück der diesjährigen Schlosskonzerte Thun spielte die Gruppe Musique Simili balkaneske Weisenund Tzigane-Melodien unter dem Titel «Zu Gast bei Brahms».

Musique Simili bei ihrem Auftritt in Thun (v.l.): Juliette Du Pasquier, Ioanes Vogele, Aline Du Pasquier und Marc Hänsenberger. Foto: Markus Hubacher

Musique Simili bei ihrem Auftritt in Thun (v.l.): Juliette Du Pasquier, Ioanes Vogele, Aline Du Pasquier und Marc Hänsenberger. Foto: Markus Hubacher

Die Frage «Bringsch mir es Zwöierli?» liess im Saal des Tertianums Bellevue-Park schon zu Anfang des ausverkauften Konzerts erahnen, dass die vier Musikerinnen und Musiker von Musique Simili nicht nur virtuos aufspielen. Vielmehr ging die Formation mit Aline Du Pasquier (Gesang), Juliette Du Pasquier (Violine), Marc Hänsenberger (Akkordeon, Klavier) und Ioanes Vogele (Gesang, Gitarre) auch szenisch auf Brahms’ Kompositionen ein.

Als Rahmenhandlung diente das Café zum Rothen Igel, in dem beim Zwöierli gastronomische Emsigkeit gemimt wurde. Denn in diesem Wiener Lokal sass Johannes Brahms oft. Der gebürtige Hamburger galt als famoser Kontrabassist, Hornist und Pianist. Schon früh zog er mit seinem Vater durch die Hafenkneipen und erlebte Volksmusik hautnah.

Die Leidenschaft für unverfälschte Melodien ist nicht nur in seinen «Ungarischen Tänzen» spürbar, sondern zieht sich als roter Faden durch sein Werk. Der Meister verbrachte die Sommer 1886 bis 1888 in Thun und speiste gerne im Restaurant des Hotels Bellevue, heute das Tertianum Bellevue-Park – mit seinem stimmungsvollen Jugendstil-Ambiente der perfekte Veranstaltungsort fürs Programm «Brahms Tzigane».

Liebe und Leiden

Mit den Violinenmelodien des Csardas von Monti begann das Konzert, aufgespielt in stupender Leichtigkeit. Bandleader Marc Hänsenberger erzählte von Brahms’ Verbindungen zu Thun, und bald dominierte in dessen Liedern die Liebe als tragendes Thema. Offenbar haftete dem Komponisten als eingefleischtem Junggesellen einst etwas Bärbeissiges an.

Dafür tobte er sich in seiner Musik über die Liebe und das damit einhergehende Leiden aus. Da wechselte sich die Schwermut des fahrenden Volkes mit überschäumender Lebenslust – Musique Simili traf diesen Ton präzise und packte das Publikum. Zum Steineerweichen sang Ioanes Vogele hinreissende Romaweisen, und die ganze Formation betörte mit dem Sinti-Walzer «Tut hi tschi, man hi tschi» (Du hast nichts, ich hab nichts).

Dann wieder schlich sich der betörende Sopran von Aline Du Pasquier beim «Feinsliebchen» ins Gehör. Als Spezialisten der Volksmusikgeschichte und der Liederwerke Brahms’ präsentierte die Kapelle ihre eigenwillige Mischung aus klassischen Brahms-Werken, angereichert mit Arrangements und Eigenkompositionen von Marc Hänsenberger und Zitaten aus dem grossen Gipsy-Jazz-Repertoire.

Immer wieder wechselte die Besetzung, spielte etwa die Teufelsgeigerin Juliette Du Pasquier nicht nur Violine, sondern auch Kontrabass oder Gitarre. Dazu kamen gemeinsame Gesangspassagen und Duette mit kraftvoller Musikalität.

Die Virtuosität und das Zusammenspiel der vier Musikerinnen und Musiker sind über jeden Zweifel erhaben. Ob allerdings die theatralischen Elemente nötig waren, daran scheiden sich die Geister. Die eine hat es gestört, den anderen amüsiert. Die Schlosskonzerte brachten mit dem Genre-übergreifenden Programm die Lieder des Komponisten zurück in die Kneipe, wo sie einst schlüpften.

Vor dem Konzert oder in der Pause beäugte das Publikum im Foyer die Besitztümer von Johannes Brahms, die in Zusammenarbeit mit dem Schloss Thun in Schaukästen präsentiert wurden.

Thuner Tagblatt

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