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Anwohner wollen Obdachlose nicht im Quartier

Der Verein Wohnhilfe Thun zieht einen Umzug der Notschlafstelle in ein Steffisburger Wohnquartier in Betracht. Unter den Anwohnern stösst diese Idee nicht auf Gegenliebe.

In dieses Haus an der Thunstrasse 54 könnte die Notschlafstelle der Wohnhilfe Thun einziehen.
In dieses Haus an der Thunstrasse 54 könnte die Notschlafstelle der Wohnhilfe Thun einziehen.
Janine Zürcher

Aktuell ist die Notschlafstelle in Thun an der Allmendstrasse 8 angesiedelt. Dort befindet sich auch die Geschäftsstelle des Vereins Wohnhilfe Thun, der im Gebäude eingemietet ist und der die Notschlafstelle betreibt. Der Verein hat im Frühsommer ein Baugesuch publiziert. Demnach sollen Wohnungen in einer Liegenschaft an der Thunstrasse 54 in Steffisburg zur Notschlafstelle umgenutzt sowie teilbetreutes Wohnen und Büroräumlichkeiten an diesem Standort ermöglicht werden.

Insgesamt sind bei der Gemeinde Steffisburg 31 Einsprachen, zum Teil mit Rechtsverwahrungen, gegen das Projekt eingegangen, wie Rico Gurtner vom Steffisburger Bauinspektorat sagt. Die Einwände der Einsprecher würden sich grundsätzlich gegen die Umnutzung des Wohnhauses richten. Ein Argument sei etwa, dass ein Schulweg direkt vor der Liegenschaft entlangführt. «Ein Teil der Einsprecher verlangt nun Verhandlungen», sagt Gurtner. Wie die Gemeinde weiter vorgehe, sei im Moment noch unklar.

«Die Stimmung ist gereizt»

René Schär, der in unmittelbarer Nähe des geplanten Standortes an der Thunstrasse 54 wohnt, ist einer der Einsprecher. «Die Stimmung im Quartier ist gereizt. Das war sie bereits am Infoanlass der Wohnhilfe Thun, der im Juni stattfand», sagt er. Er selbst störe sich vor allem daran, dass die Notschlafstelle und das Angebot «Teilbetreutes Wohnen» mitten im Wohnquartier platziert werden sollten – und dass dies vom Verein als «völlig unproblematisch» dargestellt werde.

«Ich frage mich, ob dieses Haus der richtige Ort dafür ist.» Kinder auf dem Weg zur Schule und in den Kindergarten würden morgens etwa im selben Zeitraum und auf demselben Weg vor dem Haus durchgehen wie die Nutzer der Notschlafstelle, die ihre Unterkunft verlassen müssten. «Solchen Details wurde bei der Planung nicht Rechnung getragen.» Er befürchte zudem den vermehrten Konsum von Alkohol oder illegalen Drogen im Wohnviertel.

«Das Einnehmen bestimmter Drogen wird in einem Konsumationsraum im Haus geduldet. Alkohol und Cannabis sollen im Haus aber verboten sein – es könnte deshalb möglich sein, dass auf dem Trottoir vor dem Haus regelmässig gekifft oder getrunken wird.» Weiter seien die Anwohner darüber informiert worden, dass im Haus auch die Verwaltung der Wohnhilfe Thun mit den Büros der Wohnungsvermittlung unterkommen solle. «Dadurch wird der Wohnraum zweckentfremdet», sagt Schär.

«Der Betreiber muss in die Pflicht genommen werden, sonst tragen die Anwohner im Quartier am Ende die Konsequenzen.»

René SchärAnwohner und Einsprecher

Er wünsche sich striktere Rahmenbedingungen für den Verein, etwa einen grösseren Radius, in dem der Konsum von Suchtmitteln und Alkohol nicht gestattet sei, sagt René Schär: «Der Betreiber muss in die Pflicht genommen werden, sonst tragen die Anwohner im Quartier am Ende die Konsequenzen.»

Grundsätzlich sei er von der Arbeit des Vereins überzeugt, er habe als Handwerker auch beruflich schon in betreuten Wohngruppen zu tun gehabt. Doch im Wohnquartier, sagt Schär, sei eine solche Institution fehl am Platz. «Verständnis für unsere Anliegen habe ich bisher weder vom Verein noch von der Gemeinde gespürt.»

Raum erfüllt Anforderungen

Ob sowohl die Notschlaf- als auch die Geschäftsstelle tatsächlich nach Steffisburg verschoben werden, ist derzeit offen. «Ein Entscheid für einen Umzug ist noch nicht gefällt», hält Rolf Egli, Geschäftsleiter der Wohnhilfe Thun, auf Anfrage fest. Vertreter des Vereins haben das Gebäude an der Thunstrasse im März erstmals besichtigt und danach mit der kantonalen Gesundheits- und Fürsorgedirektion (GEF) geprüft, inwiefern eine Nutzung möglich wäre.

«Die von der GEF gestellten räumlichen Anforderungen für den Betrieb erfüllt die Liegenschaft», sagt Egli. Es folgten Gespräche mit der Gemeinde Steffisburg, bei denen sich zeigte, dass die geplante Umnutzung der Wohnungen in dieser Wohnzone W4 zonenkonform wäre. Auch mit der Stadt Thun, mit welcher der Verein einen Leistungsvertrag hat, wurde der Umzug vorgängig besprochen.

Egli erwähnt ebenfalls den Infoanlass für die Anwohner, nachdem sich «einzelne Personen» bei ihm für Gespräche gemeldet hätten. Zum Inhalt der eingegangenen Einsprachen kann der Geschäftsleiter vorerst noch nicht Stellung nehmen, da der Verein die Einsprachen erst diese Woche zugeschickt erhalte. Der Vorstand werde das weitere Vorgehen prüfen und danach entsprechend informieren.

Zwölf Betten in 3 Zimmern

Zum Angebot der Wohnhilfe Thun zählen nebst der Notschlafstelle und dem teilbetreuten Wohnen auch das begleitete Wohnen und die Wohnungsvermittlung. Die Notschlafstelle richtet sich an obdachlose Erwachsene. Nebst der Möglichkeit, in drei Mehrbettzimmern mit total zwölf Betten zu übernachten, stehen den Personen eine Küche, eine Dusche und eine Waschmaschine zur Verfügung.

Zudem können sie am nächsten Tag ein Frühstück zu sich nehmen. Eine Übernachtung kostet – je nach Kostengutsprache durch Sozialdienste, Kirchgemeinden oder das Passantenheim – zwischen 10 und 30 Franken. Auf Wunsch helfen die Mitarbeitenden den Obdachlosen bei der Suche nach Anschlusslösungen. Die durchschnittliche Belegung der Notschlafstelle an der Allmendstrasse pendelt seit Jahren zwischen 53 und 62 Prozent. Wurden zum Beispiel 2010 insgesamt 2721 Übernachtungen gezählt, waren es im vergangenen Jahr 2485.

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