Zum Hauptinhalt springen

Vor 150 Jahren: Mutter setzte ihr Kind aus

Mütter, die ihre Säuglinge einfach so im Gasthof aussetzen, und ledige Bauern, die in Anzeigen vermögende Witwen zur Heirat bitten: Diese und andere Dinge geschahen vor 150 Jahren in Thun.

Auf dieser Müllhalde in Wimmis wurde das Baby am 19. Februar 2012 gefunden.
Auf dieser Müllhalde in Wimmis wurde das Baby am 19. Februar 2012 gefunden.
Keystone

Vor 150 Jahren geschah in einem Thuner Gasthof etwas Ähnliches wie jüngst in Wimmis, als bei einer Abfalldeponie ein toter Säugling aufgefunden wurde. Im aktuellen Wimmiser Fall ist nach wie vor unklar, ob die Mutter des Kindes oder jemand anders das möglicherweise bereits tote Baby dort hingelegt hat. Der grosse Unterschied zum Fall Wimmis: Vor 150 Jahren lebte das Kind. Doch der Reihe nach. Es war Mitte Februar 1862, als im damaligen Hotel Bären in Thun eine gut gekleidete Frau auftauchte. Auf dem Arm hatte sie ihr kaum zwei Wochen junges Kind. Die «Weibsperson», wie sie in der Thuner Chronik genannt wird, sprach darauf um Nachtquartier vor. Die Hoteliers gewährten ihr Unterkunft. Doch am Morgen war die Dame spurlos verschwunden. Da war nur noch ihr Kind. Sie hatte es über Nacht einfach so zurückgelassen.

Ebenso seltsam mutet ein weiterer Eintrag in der Thuner Chronik an, der vor 150 Jahren für Aufsehen sorgte. Nachfolgend die Anzeige im Wortlaut, damit sie ihren Charakter nicht verliert: «Ein 40-jähriger Bauer, der eigen Haus und Hof besitzt, auch ordentlich Vermögen hat, wünscht sich, am liebsten mit einer Witwe, die auch nicht vermögenslos ist, zu verheiraten. Nur solche, die bisher ein tadelloses Leben geführt haben, werden berücksichtigt. Anmeldungen sind in versiegelten Briefen an die Adresse A.R. Nr. 9 im Bureau des Thuner-Blattes abzugeben.»

Was in Thun vor 150 Jahren sonst für Schlagzeilen sorgte:

5.2.1862 Lebensmittelpreise in Thun. Fleisch per Pfd.: Rind Fr. –.45, Kalb –.60, Schaf –.50. Anken in Ballen à 1 Pfd. Fr. –.75 bis –.88. Kartoffeln per Zentner 3.30 bis 3.50. 7 bis 8 Eier für 60 Cts.

5.2.1862 Die Einnahmen der seit zwei Jahren bestehenden Flussbadeanstalt gestalteten sich letzten Sommer so günstig, dass den Aktionären 5 Prozent Zins ausgezahlt werden kann. 100 Franken werden in Reserve zurückgelegt.

5.2.1862 Die Stelle eines Schulhausabwartes im Schulhaus des Progymnasiums auf dem Berg mit Amtsantritt auf den 11.Mai wird hiermit ausgeschrieben. Besoldung Fr. 100 in bar und eine Wohnung.

8.2.1862 Dampfschiffahrt auf dem Thunersee. Tägliche Fahrten vom 15.Februar an bis auf weiteres, gegeben durch die ankommenden Bahnzüge. Abgang von Thun morgens 10 Uhr 30 und nachmittags 3 Uhr 45.

8.2.1862 Die Finanzkommission der Einwohnergemeinde lässt künftigen Freitag im Gastwirtshause zum Bären pachtweise versteigern: die Pflanzplätze im unteren Grabengarten. Zum Verpachten pro 1862 sind 1) die 12 Düngergruben beim ehemaligen Lauitor; 2) die 30 Düngerplätze beim Grabengarten.

8.2.1862 Offene Liedertafel des Gesangsvereins Thun, Sonntag, 9.Februar, TH abends 7 Uhr im grossen Falkensaal.

12.2.1862 Anerkennend erwähnen wir, dass in Erfüllung des Wunsches des kürzlich verstorbenen Hrn. Rudolf Zürcher sel. die Erben desselben bereitwillig den Betrag von Fr. 500 der hiesigen Krankenstube zukommen liessen.

12.2.1862 Ein Leser erinnert daran, dass, obschon der Gemeinderat bereits im August 1861 einen Kredit von Fr. 6000 zur Verfügung stellte, die Anschaffung einer grossen oder von zwei kleineren Feuerspritzen noch nicht erfolgt sei. Zwei der hiesigen Spritzen sollen bei einem allfälligen Brand nur schlechte Dienste leisten.

15.2.1862 Sam. F. Ingold, für das geschenkte Zutrauen dankend, macht hiermit die Anzeige, dass er sein bis anhin geführtes Colonialwarengeschäft an Herrn Ed. Karlen, Sohn, von und zu Thun, abgetreten hat.

19.2.1862 Im Auftrag des Unternehmers unserer Gasanstalt, Hrn. Riedinger von Augsburg, ist Hr. Bräm aus dem Kt. Zürich als Installateur hier eingetroffen. Derselbe wird die Gaseinrichtungen bei Privaten besorgen. Ein Tarif ist bei der Gemeindekanzlei aufgelegt. Die Gasbeleuchtungskommission.

19.2.1862 Auf vielseitiges Verlangen hat das Comite beschlossen, das dritte Casino vom 27. dies als Maskenball figurieren zu lassen. Ein Garderobier wird zwei bis drei Tage vor dem Maskenball mit zirka 100 der neusten, verschiedensten Costumes im «Freienhof» anlangen. Besonders möchte das Comite die Damenwelt aufmerksam machen, dass über die Hälfte der neuen Costumes Damen-Costumes sind.

19.2.1862 Es wird hiermit bekannt gemacht, dass die Schleusen in Thun vom 17. dies bis Ende Monat geschlossen bleiben. Namens der Baudirektion: Kutter.

22.2.1862 Casino-Maskenball, Donnerstag, 27. dies im «Freienhof». Casino-Aktivmitglieder erhalten Extra-Maskenballkarten. Passivmitglieder, die sich maskieren wollen, haben Extra-Eintrittskarten à Fr. 2 zu lösen. Nichtmitglieder können Karten à Fr. 5 beziehen.

22.2.1862 Die hiesige Waffenfabrik von Erlach und Comp. sendet einen Ordonanzstutzer und ein Jägergewehr an die Londoner Ausstellung. Die Arbeit beweist, dass die Fabrik mit jeder anderen konkurrieren kann.

22.2.1862 Infolge Beschluss der Polizeikommission wird hiermit alles Laden und nachherige Stehenlassen von Jauche und Dünger vor Häusern dritter Personen bei einer Busse von Fr. 1 bis 3 verboten.

26.2.1862 Die Einwohnergemeinde von Thun lässt künftigen Donnerstag, den 27. dies, gegen bare Bezahlung zirka 600 Wedelen versteigern, wozu Liebhaber eingeladen werden.

26.2.1862 Maskenball im «Freienhof». Es wird nachträglich in Erinnerung gebracht, dass derselbe um 7 Uhr beginnt. Im «Freienhof» werden geheizte Zimmer zum Umziehen zur Verfügung gestellt.

Stadtarchiv Thun/Thuner Tagblatt/pd

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch