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Taxi-Chauffeur: «Das wird meine letzte Fahrt»

Der schlimmste Tag seines Lebens: Hätte der Thuner B. V. (38) gewusst, wie die Taxifahrt enden würde – er hätte den Bus genommen. Denn der Taxifahrer wollte mit dem Fahrgast im Auto Selbstmord begehen.

Noch immer zu sehen: Die Spuren der Amokfahrt und die provisorische Schadensbehebung, wo das Auto in die Tribüne des FC Lerchenfeld krachte.
Noch immer zu sehen: Die Spuren der Amokfahrt und die provisorische Schadensbehebung, wo das Auto in die Tribüne des FC Lerchenfeld krachte.
Marc Imboden

«Etwa fünf Mal im Jahr leiste ich mir ein Taxi», sagte der Thuner B.V.* gestern im Gespräch mit dieser Zeitung. Im September wars wieder mal soweit: B.V. stieg ein und wurde auf der Fahrt vom Chauffeur* regelrecht zugetextet: «Er schimpfte über alles und jeden und war so negativ, dass er mir richtig Angst machte.» B.V. dachte schon damals: Etwas stimmt mit diesem Mann nicht.

Der nächste Tag, an dem er sich wieder für eine Taxifahrt entschied, war der letzte Dienstag. «Ich kam von der Arbeit später als üblich nach Thun und wollte möglichst rasch nach Hause, um meine Kinder vor dem zu Bett Gehen noch zu sehen.» Er stieg um 18.50 Uhr am Bahnhof ein – und stellte fest: Es war derselbe Fahrer. B.V. sprach ihn darauf an, dass er vor zwei Monaten bereits sein Fahrgast war. Der Chauffeur sagte: «Das ist meine letzte Fahrt.» – «Haben Sie nachher Feierabend?», fragte B.V. Eine Antwort erhielt er nicht.

«Nun bekam ich es mit der Angst zu tun»

Wie beim letzen Mal machte der Fahrer seinem Ärger über dieses und jenes Luft. B.V. versuchte, ihn zu beruhigen. Die Fahrt ging über die Allmendstrasse Richtung Lerchenfeld. «Etwa auf Höhe der Ruag beschleunigte der Fahrer plötzlich auf etwa 70 km/h», schilderte B.V. den weiteren Verlauf. «Er redete nicht mehr und beantwortete auch keine Fragen.» Beim ersten Kreisel, bei der Abzweigung General-Wille-Strasse, ging der Fahrer nicht etwa vom Gas, sondern fuhr in vollem Tempo drauflos. «Mit dem rechten Vorderrad touchierte er den Rand. Nun bekam ich es langsam mit der Angst zu tun.»

Beim zweiten Kreisel, bei der Kehrichtverbrennungsanlage, dasselbe: Wegen des hohen Tempos geriet das Auto wieder auf den Randstein, dieses Mal war die Erschütterung allerdings noch heftiger als zuvor. «Ich blickte den Chauffeur an, versuchte zu verstehen, was hier eigentlich vorging», erinnert sich B.V. an die Fahrt, die immer schrecklicher werden sollte. «Nach dem Kreisel beschleunigt der Chauffeur auf etwa 80 km/h – ich hatte Angst, dass er in die anderen Autos vor uns knallt.»

«Fahrer wollte mich mit in den Tod reissen»

Der Fahrer sass mit ausgestreckten Armen und starrem Blick hinter dem Steuer und fuhr weiter drauf los. «Etwa auf der Höhe des Restaurants Waldeck und des Parkplatzes auf der anderen Seite der Strasse blickte er mich an, grinste seltsam – und zog in vollem Tempo auf die Gegenfahrbahn!» B.V. sah die Lichter der entgegenkommenden Autos und die Bäume, die zwischen dem Parkplatz und der Strasse stehen. «Ich war sicher, dass ich das nicht überleben würde.»

Dann kamen die ersten Schutzengel zum Einsatz: Das Auto raste mit unverändert hohem Tempo genau zwischen den Bäumen hindurch – links und rechts blieben nur wenige Zentimeter Raum. B.V. versuchte, mit der Hand das Bremspedal zu erreichen – keine Chance. «Mir war zu diesem Zeitpunkt klar, dass der Fahrer sich das Leben nehmen und mich mit in den Tod reissen wollte.»

Der Höllenritt ging weiter: Quer über den Parkplatz, über einen Randstein hinweg, genau in Richtung des FC Lerchenfeld-Fussballplatzes. «Ich dachte: Wenn wir durch den Maschendrahtzaun fahren, haben wir eine Überlebenschance. Aber Halt: Auf dem Fussballplatz sind Kinder am Trainieren – wir werden sie überfahren.»

Als klar wurde, dass der Fahrer nicht auf den Zaun, sondern die Rückwand der Tribüne zuhielt, war B.V. sicher, in wenigen Sekunden zu sterben. «Wie fühlt es sich wohl an, bei einem solchen Aufprall ums Leben zu kommen?», fragte er sich, dachte an seine Familie und kugelte sich zusammen.

«Ich kroch über ihn hinweg»

Dann der Aufprall und der zweite Einsatz der Schutzengel. «Ich wusste nicht: Lebe ich noch, oder bin ich schon tot? Und werde ich nun meinen Körper sehen?» B.V. konnte die Türe auf seiner Seite nicht öffnen. Links von ihm war der Chauffeur in seinem Sitz zusammengesunken. «Er sah tot aus, aber er machte mir immer noch Angst. Ich kroch über ihn hinweg und konnte aussteigen.» Ambulanz und Polizei kamen, die beiden Männer wurden ins Spital gefahren. Während sich der Chauffeur auf seiner Amokfahrt erheblich verletzte und sich offenbar an nichts mehr erinnern kann, zog sich B.V. bloss ein paar Schrammen und Zerrungen zu. Es grenzt an ein Wunder, dass die beiden Männer mit dem Leben davon kamen: Das Auto prallte in die Tür zu einem Materialraum. «Einen Meter weiter links oder rechts, und sie wären entweder in die Mauer oder einen Pfosten gekracht und hätten wohl nicht überlebt», sagte gestern Charles Giger, Geschäftsführer des FC Lerchenfeld. Den Schaden, der durch den Aufprall an der Tribüne und an Geräten entstanden ist, bezifferte er auf rund 50'000 Franken.

Polizei spricht von medizinischem Problem

«Dass ich diesen Unfall überlebt habe, erscheint mir heute noch immer total surreal. Manchmal frage ich mich, ob das wirklich passiert ist», sagte B.V. gestern. «Zwei Tage lang habe ich bloss geweint, heute kann ich die Fahrt zum ersten Mal einigermassen gefasst schildern», fügte er mit bebender Stimme an.

Was für Gefühle hat er gegenüber dem Mann, der das Glück der jungen Familie fast zerstört hätte? «Das isch e arme Cheib», sagte B.V. «Ich werde keine Anzeige machen und versuchen, ihm zu verzeihen.» Eine offene Frage bleibt: «Warum hat er das bloss getan? Ich bin sicher, dass er sich nie bei mir melden wird und ich nie eine Antwort erhalten werde.»

Gemäss Auskunft der Kantonspolizei handelte es sich um ein medizinisches Problem des Chauffeurs, das zu dem Unfall führte, ohne allerdings Details zu nennen. B.V. steht jedoch zu seiner Interpretation und betonte, dass es keine Anzeichen für ein medizinisches Problem gegeben habe.

* Namen der Redaktion bekannt.

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