Orchideen-Liebhaber schufen und pflegen den Tropenwald

Frutigen/Thun

Der Thuner Adrian Lörtscher hat dem Tropenhaus Frutigen seine Orchideensammlung geschenkt. Er hat dessen kleinen Tropenwald geplant und bepflanzt.

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Die letzte Orchidee im eigenen Blumenfenster ist verblüht. Ob und wann sich eine neue Rispe bildet, bleibt abzuwarten. Eine gute Gelegenheit, zum Tropenhaus Frutigen zu fahren. Dort ist nicht nur die Störfischzucht – «Lieferant» von hochwertigem Kaviar – zu bestaunen. «Es blühen immer mindestens 30 bis 50 Orchideen», wird versprochen. Immer am Dienstag, heisst es, seien die Kenner und Betreuer vor Ort.

Und tatsächlich, nach wenigen Schritten in den kleinen Tropenwald sieht man den Thuner Adrian Lörtscher und den Heimberger Hansruedi Weber an der Arbeit. Sie entfernen Verblühtes, befestigen Gelockertes, besprühen die tropischen Pflanzen mit Regenwasser und beantworten geduldig Fragen von Besuchern – wie immer in den letzten vier Jahren. «Die da isch vo mine», weist Adrian Lörtscher auf ein besonders schönes Orchideenexemplar hin.

Dazu muss man wissen: Der heute knapp 83-Jährige hat seine rund 350 Orchideen vor vier Jahren dem Tropenhaus Frutigen geschenkt und den kleinen Tropenwald aufgebaut (wir berichteten). Dieser kleine Urwald figuriert in Fachkreisen seit diesem Jahr bereits unter den Besten und Schönsten im Lande.

Übers Militär zur Orchidee

In Thun ist Adrian Lörtscher als langjähriger Stadtrat (EVP), versierter Wahlstratege und grosser Orchideenliebhaber und -kenner bekannt. Doch wie kam er zur tropischen Pflanze? «Über das Militär», verrät der aktive Pensionär lachend. Vor über 45 Jahren habe er vom Arbeitsplatz aus einen Mann beobachtet, der immer frühmorgens zu einem kleinen Gewächshaus gegangen sei. Es war ein Orchideenhaus, hat Instruktor Lörtscher ermittelt. Die exotische Pflanze hatte den Thuner so fasziniert, dass er sich zehn Stück anschaffte.

Aus den zehn Orchideen sind Hunderte geworden. Lörtscher wurde zum weit über die Stadtgrenzen hinaus bekannten Kenner, war Mitbegründer des Orchideenvereins Bern, Mitinitiant der in Thun zweijährlich stattfindenden Orchideenschau und Ratgeber für andere Orchideenliebhaber. Der mehrfache Gross- und Urgrossvater ist zwar beneidenswert gesund und «buschper», aber der Aufwand für die Orchideenpflege wurde ihm dann doch «langsam zu viel». Aus der Familie zeigte niemand Interesse am 100-Kubikmeter-Treibhaus mit weit über 300 Pflanzen.

Zufälle als Helfer

Da kam der Zufall ins Spiel: Bei einem Besuch des noch jungen Tropenhauses fiel ihm ein Platz mit drei kahlen Akazienbäumen und wenigen Blattpflanzen auf. «Da könnte man doch mehr daraus machen», sinnierte er – und sah das Ergebnis deutlich vor seinem inneren Auge. Christian Hänni, Leiter Agrokultur, erkannte die Chance, sagte nicht Nein und unterstützte die Idee. So kamen Lörtschers Orchideen und später noch drei Spalierbäume ins Tropenhaus.

Der Rentner suchte und fand Pflanzenspender. Mittlerweile liefern deren acht ihre überzähligen Tropenpflanzen nach Frutigen. Es gab noch mehr Zufälle. So las Adrian Lörtscher im Dezember 2012 in dieser Zeitung vom anstehenden Fällen von Akazien (an der Seestrasse). Rasch wurde er mit der Thuner «Stadtgrün» einig und konnte fünf Baumkronen vor dem Verhäckseln retten. Die Kronen sind inzwischen mit über 300 Tropenpflanzen (Orchideen, Bromelien. Tillandsien, Rhipsalis, Boden- und Baumfarne) aus dem liquidierten Orchideenhaus der Berner Elfenau bestückt.

Wegen einer Freundin

Adrian Lörtscher hat die ehrenamtliche Pflege des Tropenwäldchens übernommen und eine kleine Broschüre mit Wissenswertem und Tipps verfasst (vgl. Kasten). Der 67-.jährige Hansruedi Weber unterstützt Adrian Lörtscher in der Pflege. «Ich hatte immer einen grünen Daumen», hält der Heimberger fest.

Zur Orchidee sei er über Geschenke an seine Freundin gekommen: «Dort waren die Pflanzen immer eingegangen», sagt er schmunzelnd. Das habe ihn motiviert, den richtigen Umgang mit der Pflanze selber zu lernen.

Ein absoluter Glücksfall

«Es war und ist ein absoluter Glückfall», zieht Landschaftsgärtner Christian Hänni Bilanz. Ohne die Mithilfe der Orchideenliebhaber gäbe es den Tropenwald in dieser Form nicht. Dazu hätten dem Tropenhaus die Ressourcen und das Fachwissen gefehlt. «Der Tropenwald ist eine attraktive Bereicherung und rundet das Angebot ab», findet er. Der Tropenwald komme bei den Besucherinnen und Besuchern sehr gut an, und die Orchideen würden viel fotografiert.

«Es ist doch schön, wenn man sein Hobby im Alter nicht einfach aufgeben muss, sondern es in reduziertem Rahmen weiter pflegen und Interessierten dadurch Freude machen kann», versichert Adrian Lörtscher mit blitzenden Augen. «Es freut mich», doppelt Hansruedi Weber nach, «meine Pflanzen in einem grossen Rahmen präsentieren zu können – und ich bin froh, wenn Grosspflanzen hier einen ‹Alterssitz› finden.»

Berner Zeitung

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