Mama-Taxis: Mehr Gefahr denn Hilfe

Thun

Immer mehr Eltern chauffieren ihre Sprösslinge zum Unterricht. Die gut gemeinte Tat birgt jedoch grosse Gefahren. Zudem bewegen sich die Kinder so zu wenig, und ihnen fehlen die Erfahrungen.

Gefahr Mamataxi: Eltern, die ihre Kinder zur Schule chauffieren, sind für andere Schüler ein Sicherheitsrisiko.

Gefahr Mamataxi: Eltern, die ihre Kinder zur Schule chauffieren, sind für andere Schüler ein Sicherheitsrisiko.

(Bild: Archiv TT/Keller)

Als zumutbaren Schulweg taxiert der Kanton einen Fussmarsch von 30 Minuten, in hügeligem Gelände gar von 45 Minuten. «Natürlich spielen da auch Faktoren wie Steinschlag, Lawinen und Verkehr mit», sagt Peter Santschi, Schulinspektor Thun Land und Oberhasli, «oder ob der Schulweg beispielsweise durch ein einsames Waldstück führt oder nicht.» Heute könne man nicht vorsichtig genug sein, so Santschi, der selber, wie er sagt, «aktiver Grossvater» ist. Falls der Schulweg nicht zumutbar sei, müsse die Gemeinde einen Transport organisieren. «In strittigen Fällen marschiere ich den Weg selber ab.» Übertriebene VorsichtPeter Santschi zeigt zwar Verständnis für die Angst der Eltern, beim Einsatz von sogenannten Mamataxis kennt er aber kein Pardon. «Schulhausplätze sind keine Taxizonen!» Oft würde es gerade beim Ein- und Ausladen der Kinder zu gefährlichen Situationen kommen. Doch damit noch nicht genug: «Die Eltern, welche ihre Kinder zur Schule chauffieren, berauben sie der sozialen Erlebnisse und Erfahrungen auf dem Schulweg. Auch wird damit die Bewegung verunmöglicht.» Rechtlich seien den Behörden aber die Hände gebunden. «Die Schulleitungen können nur Empfehlungen abgeben, wie sich die Eltern ausserhalb des Schulhausareals zu verhalten haben, vorschreiben können sie nichts», sagt Santschi, der in diesem Zusammenhang einen Stadt-Land-Graben ausmacht. In ländlichen Regionen nehmen die Kinder den Schulweg meistens ohne Murren unter die Füsse, in stadtnahen oder städtischen Gebieten werden sie öfter gefahren. Teil der Abnabelung«In Thun sind alle Schulwege zumutbar», sagt Brigitte Müller, Leiterin Fachstelle Bildung beim Amt für Bildung und Sport der Stadt Thun. Trotzdem würden immer wieder Eltern ihre Kinder bringen. Die Haltung der Stadt sei in diesem Zusammenhang klar, sagt Müller: «Vermeidbare Bring- und Holfahrten verursachen unnötigen zusätzlichen Verkehr. Zudem fehlt den Kindern die Bewegung und die Erfahrung vom Schulweg. Er ist ein wichtiger Bestandteil eines Schulalltages – dies besonders auch im Hinblick auf das Training, wie man sich im Verkehr verhält.» Dass die Schüler den Weg alleine meistern, sei Teil eines wichtigen Loslösungsprozesses und verhelfe zu Selbstständigkeit und Selbstsicherheit. Mehr Gemeinde-TaxisIm linken Zulgtal kennt man das Problem zwar auch, «es ist aber nicht dramatisch», wie Thomas Rüegsegger, koordinativer Schulleiter der Schule linkes Zulgtal, ausführt. Die Eltern würden ihre Sprösslinge in einer ersten Phase dafür oft zu Fuss begleiten. «Da wir nach der Neuorganisation Schulen geschlossen haben, führen wir die Schüler vermehrt mit Schulbussen. Aber nicht ganz bis zur Schule: Das letzte Stück müssen sie zu Fuss zurücklegen.» Ein SicherheitsrisikoIn Wattenwil sind die Wohnhäuser fast über das ganze Gemeindegebiet verteilt, weshalb es mehrere Schulhäuser gibt. Trotzdem sind die Schulwege für viele Kinder recht lang. «Es sind vor allem solche Schüler, die von ihren Eltern mit dem Auto gebracht werden», sagt Elisabeth Hartmann, Leiterin Primarschule und Kindergarten. «Wir haben einmal darüber diskutiert, ob wir die Eltern aufrufen sollten, ihre Kinder in dieser Hinsicht nicht zu sehr zu verwöhnen. Es zeigte sich aber, dass kein Handlungsbedarf besteht.» Das sieht Hansjürg Stoll, Co-Leiter der Oberstufe in Wattenwil, anders: «Bei schlechtem Wetter werden bis zu 30 von 230 Schülern mit dem Auto abgeholt. Auf dem schmalen Strässchen vor unserem Schulhaus sind die Mütter mit ihren Autos ein Sicherheitsrisiko für jene Schüler, die nicht abgeholt werden.» Neben übertriebener Ängstlichkeit der Eltern ist auch die Bequemlichkeit der Schüler Grund für die Fahrten im Mamataxi. «Wenn wir mit den Velos zum Schulschwimmen nach Uetendorf fahren, gibt es immer wieder Mädchen, die ihre Mütter überreden, sie mit dem Auto zu bringen», hat Stoll festgestellt. Nur im Winter ein ProblemIm Oberstufenzentrum in Wattenwil gehen neben den Ortsansässigen auch Jugendliche aus Seftigen, Forst-Längenbühl, Burgistein, Blumenstein, Pohlern und Gurzelen zur Schule. «Wir versuchen auch sie zu motivieren, mit dem Velo oder dem Bus zu kommen», sagt Hansjürg Stoll. Das sei von der Strassenverhältnissen her weitgehend unproblematisch. Zwischen Wattenwil und Seftigen seien Verkehrsberuhigungsmassnahmen getroffen worden. Viele Schüler hätten zudem die Möglichkeit, entlang der Gürbe zu radeln. «Grössere Probleme gibt es eigentlich nur im Winter, wenn es viel Schnee hat und der Winterdienst eingeschränkt ist.» «Es kommt vor, dass Eltern ihre Kinder zur Schule chauffieren», sagt Uetendorfs Gemeinderat Albert Rösti (SVP), Vorsteher des Ressorts Bildung. «Aber es wurde bisher eigentlich nie als grösseres Problem wahrgenommen und war auch in der Schulkommission nie ein Thema.» Dem pflichtet Thomas Strahm, Schulleiter Unterstufe, bei. «Vor allem bei schlechtem Wetter, vor dem Wochenende und vor den Ferien werden Kinder mit dem Auto gebracht – aber sicher nicht in grossem Ausmass.» Die Lehrerinnen und Lehrer rufen die Eltern immer wieder auf, ihre Kinder zu Fuss oder per Velo in die Schule zu schicken. Das sei in Uetendorf von der Sicherheit her vertretbar. Zudem würden sie zu Fuss oder auf dem Velo mehr erleben als im Auto. «Wir haben im Lehrerkollegium einmal einen Prospekt erhalten, in dem Kinder ihren Schulweg zeichneten», sagt Strahm. Diejenigen, die allein oder mit Kollegen unterwegs sind, zeichneten Blumen, Schmetterlinge und mehr. Wer mit dem Auto gebracht wurde, zeichnete lediglich zwei Häuser und dazwischen eine Linie.»

Thuner Tagblatt

Diese Inhalte sind für unsere Abonnenten. Sie haben noch keinen Zugang?

Erhalten Sie unlimitierten Zugriff auf alle Inhalte:

  • Exklusive Hintergrundreportagen
  • Regionale News und Berichte
  • Tolle Angebote für Kultur- und Freizeitangebote

Abonnieren Sie jetzt