Fast fertig – und gefährlich

Grindelwald

Fünf Tage vor dem grossen Medientag sind die Bauarbeiten für den neuen Schrägstollen zum Gletschersee weitgehend beendet. Das Steinschlagrisiko am Stollenausgang ist momentan aber eine grosse Gefahr.

Bruno Petroni

«Kaffee gefällig?» Felstechniker Hans Gasser klaubt eine Thermosflasche hervor. Zucker, Milch, alles ist da. Und das hier oben auf 1400 Meter über Meer, auf dem Unteren Grindelwaldgletscher. Das Quecksilber bewegt sich in diesem nicht sehr idyllischen «Schattenloch» jenseits des Gefrierpunktes, und vom Fiescherhorn weht ein empfindlich kalter Wind.

Noch weniger idyllisch waren die Verhältnisse am vergangenen Montag: Regen und Schneetreiben verwandelten den ohnehin schon schlammigen Boden in eine Sumpflandschaft und destabilisierten das Gelände. So stürzte von der Stieregg her ein Kubikmeter grosser Felsbrocken in freiem Fall mitten auf die Baustelle. Nur Momente zuvor hielt sich dort Baustellenleiter Herbert Brandstätter mit seinen Männern auf. Die heilige Barbara als Schutzpatronin der «Profi-Maulwürfe» nimmt ihren Job also offenbar ernst.

Buddeln von aussen

Seit sieben Wochen arbeiten sie bereits hier oben, die Spezialisten der Gasser Felstechnik AG. Den Weg an die frische Luft des Gletschers fanden sie durch einen hundert Meter langen Umfahrungsstollen durch soliden Fels, nachdem sie beim Sprengvortrieb auf instabile Eis-Schuttmassen gestossen waren. Seit diesem Durchbruch, der sich 30 Meter oberhalb des effektiven Schrägstollens befindet, haben sie mit schwerem Gerät von aussen her über 40000 Kubikmeter Schutt ausgehoben, um den Stollen freizulegen und den Fluten des Gletschersees später ideale Abflussbedingungen zu ermöglichen. Um die Abfliessgeschwindigkeit zu drosseln, wurden vor dem Stolleneingang grosse Felsbrocken zu einem Bachbett zusammengefügt.

Vor der Medieninvasion

«Wir sind fast fertig da oben», freut sich der Baustellenchef. «Jetzt fliegen wir die Baubaracke und einiges Material nach unten und sind mit der Sicherung des Stollenausganges beschäftigt.» Der Grindelwalder Bergführer Christian Bleuer ist auch mit der Demontage der Kabel für die Alarmanlage beschäftigt, die sich an der senkrechten Mättenberg-Felswand unmittelbar über dem Stollenausgang befinden.

Am nächsten Dienstag ist ein grosser Medientag angesagt: Das kantonale Amt für Kommunikation lädt Medienvertreter aus der ganzen Schweiz zu einem Besuch des Stollens. Aus Sicherheitsgründen werden sie diesen allerdings im Bereich des Gletschersee-Ausgangs nicht verlassen dürfen.

Ganz fertig sind die Stollenbauer aber noch lange nicht. Herbert Brandstätter: «Bis Weihnachten möchten wir den obersten Teil zwischen dem Stollenausgang und dem zweiten Fenster fertig haben.» Und bei Letzterem ist noch ein grösserer Felsausbruch über 30 Meter Länge und bis zu sechs Metern Tiefe geplant: «Mit dieser Gerinnevertiefung geben wir dem später durch den Stollen schiessenden Wasser einen besseren Abfluss in die Gletscherschlucht hinaus», sagt Brandstätter. Dass das Wasser unbeabsichtigt durch den Stollen bis in die Gletscherschlucht weiterfliessen kann, verhindert eine kurze Gegensteigung des Tunnels. Brandstätter: «Dies wirkt wie eine Art Siphon, sodass das Wasser automatisch den Weg des geringeren Widerstandes nehmen wird, also in die Gletscherschlucht hinaus.»

Zum Schluss Tagbautunnel

Die Bauequipe wird ausserdem noch eine Schutzsohle aus Spritzbeton errichten. Zudem gilt es, Wasseraufbereitungsanlagen, Beleuchtungen und eine Menge Werkzeug und Maschinen aus dem Stollen zu holen. «Und dann bauen wir am Stollenausgang bei der Gletscherschlucht noch einen massiven, 30 Meter langen Tagbautunnel», sagt Brandstätter. Das ist eine Betonröhre, über welcher das Kieswerk dann künftig Schuttmaterial lagern kann.

Und dann wartet auf Brandstätter schon die nächste Herausforderung: «An der Grimsel gibt es einen 3,5 Kilometer langen Erschliessungsstollen zu bauen...»

Berner Oberländer

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