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«Sind glücklich in der Vertikalen»

Marcell Suter und Werner Hofer klettern in fortgeschrittenem Alter Schwierigkeitsgrade, von welchen die meisten ihr Leben lang träumen. Wie sind solche Höchstleistungen im hohen Alter möglich? Die Gründe sind vielfältig.

Man traut seinen Augen kaum: Da tummeln sich zwei rüstige Senioren mit weisser Haarpracht an einem wolkenverhangenen Nachmittag mitten in der Woche an den vertikalen Felswänden des Lehns beim Neuhaus in Unterseen. Allein den 15-minütigen, steilen Zustieg ab dem Lombachsteg würden die meisten ihrer Jahrgänger wohl kaum mehr schaffen. Aber die beiden Herren lieben es noch viel steiler – senkrecht nämlich. Elegant hangelt sich der 70-jährige Werner Hofer über die Route im Schwierigkeitsgrad 6c+. «Närve-Salto» heisst die Route, und sie wird ihrem Namen gerecht. «In Gottes Apotheke» Kaum hat der Spiezer Bergführer die teilweise überhängende Route geschafft, macht sich freudig sein Freund Marcell Suter bereit. Der 78-jährige Interlakner, der in den vergangenen Jahren in allen Bereichen des Lehns allein oder mit Kollegen die Hälfte der rund 50 anspruchsvollen Sportkletterrouten höchstpersönlich eingerichtet hat, erfreut sich einer ausgesprochen guten Gesundheit. Suters Routenwahl fällt auf «Amselruf», im Schwierigkeitsgrad 6a+. «Wir sind einfach glücklich hier draussen in der freien Natur, die wir auch gerne Gottes Apotheke nennen», sagt Marcell Suter. Der Alpinist mit weissem Vollbart hat schon vor Jahren festgestellt, «dass bei den Menschen im Fels und am Berg eine Entzauberung ihres eigenen Ichs vor sich geht und ihr Seelenfenster durchlässig wird». Zur Frage, wie lange man solche Leistungen denn erbringen könne, antwortet Suter philosophisch: «Wer gesund ist und Freude, Hände und Füsse hat, kann klettern. Und wer die ganze Stimme der Natur heraushört, dem wird sie zur Harmonie.» Kompliment des Profis Werner Hofer und Marcell Suter treffen sich jede Woche zum gemeinsamen Klettern. Bergführer Hofer führt auch als 70-Jähriger noch regelmässig Hochtouren bis zum Montblanc, dem höchsten Berg Europas. Er begründet seine ausgesprochene Gesundheit und Leistungsfähigkeit in zwei Worten: «Glücklich verheiratet.» Da staunt selbst Stephan Siegrist (37). Der Ringgenberger Berufsalpinist zieht den Hut vor dem Duo Suter/Hofer: «Was die beiden in ihrem Alter noch leisten, ist schwer nachvollziehbar und beweist, wohin ein gesunder Lebenswandel und Freude an der Bewegung und Natur führen können.» 1000 Langlaufkilometer Topfitte Senioren sind indes keine Rarität. So erteilen in Mürren oben die Skilehrer Walter Stäger, Hans Feuz und Werner von Allmen immer noch jeden Winter Unterricht. Alle drei bewegen sich aufs 80.Altersjahr zu. Hans Gasser, ehemaliger Polizeiinspektor der Gemeinde Interlaken, ist ein anderes Beispiel für gute Gesundheit durch polysportive Aktivitäten: Noch im Alter über 70 Jahre lief der heute 87-Jährige am Brienzersee-Lauf mit, unternahm Mountainbiketouren auf die Grosse Scheidegg und legte jeden Winter über 1000 Kilometer auf Langlaufskiern zurück. Weitere rüstige Rentner sind der Einiger Gottfried Oesch (76, Velofahrer), sowie die Mattner Hans Wisler (73, Skitourenfahrer) und Ruedi Ritschard (68, Läufer). Und diese Aufzählung erhebt keineswegs Anspruch auf Vollständigkeit. Und auch das weibliche Geschlecht hat seine topfitten Vertreterinnen. So feierte vor einer Woche Margrit Graf ihren 100.Geburtstag. Die Wengenerin steigt auch heute noch ohne bequemere Umwege die steile Schleifgasse hoch, führt ihren eigenen Haushalt und vermietet sogar Ferienwohnungen (wir haben berichtet). Einfaches Rezept der Ärzte «Selbst mein alter Bekannter, Oswald Oelz, klettert mit 65 Jahren immer noch unglaubliche Sachen in den vertikalen Wänden des Jabal Kawr in Oman», schmunzelt Bruno Durrer. Der Lauterbrunner Bergführer und Arzt kennt auch das Rezept für Gesundheit im Alter: «Regelmässige Bewegung verhilft zu Ausdauer, Idealgewicht und psychischem Wohlbefinden. Ab 50 Jahren sollten zusätzlich Kraft, Gleichgewicht und Koordination trainiert werden.» Vorteilhaft seien auch gelenkschonende Aktivitäten und ein vernünftiges Körpergewicht. «Die muskuläre Kraft, Koordination, Gleichgewicht und Reaktionsvermögen können auch im hohen Alter noch relativ gut trainiert werden», rät Bruno Durrer. Auch Andreas Luder ist ein begeisterter Alpinist. Der Interlakner Arzt: «Gesund ernährte Menschen mit genügend Schlaf, einem harmonischen familiären Umfeld und einer positiven Lebenseinstellung verschleissen auch ihren Körper weniger. Der Blutdruck steigt weniger stark an.» Bruno Petroni >

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