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Zucht und Ordnung im Schrebergarten

Die 68er-Bewegung wehrte sich gegen alles Strenge. Ganz anders waren damals die Gründer der Familiengärten in Lyss. Sie duldeten keinen Wildwuchs, wollten die Leute zur Ordnung erziehen. Heute gehts um die Erholung.

Idylle mit Struktur: Erich Krähenbühl, Max Gribi und Willy Kunz (von links) bei den Lysser Schrebergärten.
Idylle mit Struktur: Erich Krähenbühl, Max Gribi und Willy Kunz (von links) bei den Lysser Schrebergärten.
Ursula Grütter

Grüne Rebenranken werden umrahmt von leuchtend gelbem Sommerflor, in den Beeten gedeiht Gemüse, Rosen in zarten Farben untermalen das satte Rot der Tomaten. Die Familiengärten Murgeli Lyss bieten ein farbenprächtiges Bild.

Genau so hat es sich Willy Kunz vorgestellt. Der Briefträger wurde in den 60er-Jahren öfters angefragt, ob er jemanden kenne, der Land für einen «Pflanzplätz» zur Verfügung stellen würde. Also brachte er die Idee für eine Familiengarten-Anlage in die Landwirtschaftskommission und anschliessend in den Gemeinderat ein. Die Gründung des Vereins fiel in die Zeit der 68er-Bewegung. Unmut breitete sich damals gegen strenge Gesetze und einengende Moralvorstellungen aus. Der Ruf nach Freiheit und Selbstbestimmung schallte vehement durch das Land. Bei Kunz und seinen Mitstreitern blieb er ungehört. Für die fünf Gründungsmitglieder war klar, dass die Familiengärten ein Ort der geordneten Freizeitgestaltung werden sollten. Sie erarbeiteten ein Gartenreglement, legten fest, dass kein Plastik und kein Blech das idyllische Bild stören dürfen, und ordneten an, dass die Gemüsebeete einheitlich in Richtung Nord-Süd angelegt werden. «Wir wollten keinen Wildwuchs, wie er in anderen Gartenanlagen zu sehen war», erinnert sich der heute 83-jährige Kunz.

Firmen zogen mit

Ein Platz am Murgeliweg erachteten die Vereinsgründer für ihr Ansinnen als besonders geeignet. Das Land gehörte der Burgergemeinde und wurde von der Gemeinde verwaltet. Im Gemeinderat kam die Idee 1970 gut an. Max Gribi sass damals für die FDP im Rat und erinnert sich: «Das Geschäft blieb wenig umstritten. Auch ich war der Ansicht, dass die Leute so eine sinnvolle Aufgabe erhielten. Die Gärten waren vor allem für jene gedacht, deren Einkommen nicht für ein Einfamilienhaus reichte.» Es sei aber auch die Zeit gewesen, als der Ruf nach Kinderspielplätzen und zusätzlichen Sportanlagen in Lyss aufgekommen sei. Diesen Wünschen sei man ebenfalls nachgekommen.

Dem Verein wurden 42 Parzellen mit einer Gesamtfläche von 4000 Quadratmetern zugesprochen. Die Hobbygärtner konnten zu wirken beginnen. Als Erstes sammelte Kunz innerhalb von zehn Tagen 10'000 Franken. Firmenbesitzer unterstützten das Vorhaben. Noch heute strahlt Kunz, wenn er von dieser Zeit erzählt. «Man muss daran glauben, ich habe daran geglaubt», sagt er. Das Projekt «Familiengärten» hatte Erfolg. Bereits nach einem Jahr waren sämtliche Parzellen vermietet.

Traum für 90 Franken

Heute präsentiert sich die Anlage als blühende Oase zum Entspannen und gemütlichen Zusammensein. Viele Mieter haben kleine Häuser gebaut, Biotope angelegt und Platten für Sitzplätze verlegt. Auf je 300 Quadratmetern wird hier der Traum eines eigenen Hauses Wirklichkeit. Die Miete für eine Parzelle beträgt jährlich 30 Franken, für ein Haus reichen drei Parzellen.

Der Ort strahlt Ruhe und Behäbigkeit aus. «Als ich mich für einen Platz interessierte, irritierte mich das Gartenreglement», gesteht Erich Krähenbühl. Der 61-Jährige ist heute Präsident des Vereins. Später habe er die Rahmenbedingungen schätzen gelernt. So müsse nicht immer wieder alles ausdiskutiert werden und man könne sich stattdessen auf die freie Entfaltung innerhalb des vorgegebenen Rahmens konzentrieren. Die Aussagen von Krähenbühl passen zu den aktuellen Forderungen in der Gesellschaft.

Am Samstag feiert der Verein sein 40-Jahr-Jubiläum. Von 10 bis 17 Uhr ist die Anlage im Murgeli frei begehbar. Es besteht eine Festwirtschaft.

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