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«Zytsoguet», zuhören!

Das Cabaret Scherzgrenze philosophiert in der Tonne Laupen über das Thema Zeit – mit glasklaren, bitterbösen Ansagen. Die Texte stammen von Marcel Reber, der nicht nur Regie führt, sondern auch mitspielt.

Laura Fehlmann
Stephan Hugentobler, Ursula Walther-Hofer, Marcel Reber (von links nach rechts) bei einem Auftritt im Februar 2019. Foto: Susanne Keller/Archiv
Stephan Hugentobler, Ursula Walther-Hofer, Marcel Reber (von links nach rechts) bei einem Auftritt im Februar 2019. Foto: Susanne Keller/Archiv

Schade, kann dieser Text nicht auf Berndeutsch geschrieben werden. Denn das Programm des Cabaret Scherzgrenze glänzt mit Wortspielen, die unmöglich ins Hochdeutsche übersetzt werden können. Das fängt schon beim Titel an: «Zytsoguet». Wer aus dem grossen Kanton im Norden versteht dieses Wort, das mehr schlecht als recht mit «Darf ich bitten» erklärt werden kann?

Scherzgrenze lud am Wochenende zur Premiere ins Theater Tonne in Laupen ein und trat vor fast ausverkauften Rängen auf. Cabaret-Ungewohnte mochten sich im Vorfeld vielleicht gefragt haben, wie und mit welchen Mitteln das Thema Zeit zwei Stunden lang zu unterhalten vermag. Die Antwort: Kein Problem. Die fünf Scherzgrenzler schaffen es, dass man die Zeit vergisst. Texter, Regisseur und Kabarettist Marcel Reber sagt: «Die Zeit? Ja, was ist denn das? – Wir wissen es nicht, wir wollten ja nur ein Stück weit dem Wesen der Zeit auf die Spur kommen…»

Die gute alte Zeit

Die kabarettistischen Zeitsprünge vom Hier zum Jetzt spricht, singt und spielt Scherzgrenze in siebzehn Kapiteln, aufgeteilt von «Zytsoguet» bis «FaZyt». Unvermeidlich, dass dabei auch die gute alte Zeit zur Sprache kommt, wo alles besser war. «Im Radio kam Gotthelf, und das Fernsehen passte noch zu uns: Um 22 Uhr war Sendeschluss.»

Damals war alles einfacher: «Mann heiratete Frau; der Feind kam aus dem Osten; die SBB fuhren noch taktlos, aber pünktlich.» Dagegen passiert in der heutigen Zeit alles gleichzeitig, man weiss oder glaubt zumindest zu wissen, was in Shanghai und in Schangnau passiert.

Während der Pianist Urs Ruprecht die Zeitung «Die Zeit» liest, statt in die Tasten zu hauen, singt das Quartett auf der Bühne das Lied von der Zeit. Oder betätigt sich, wie Marcel Reber sagt, als «10-Minuten-Klugscheisser».

Die Scherzgrenzler denken laut darüber nach, was Zeit sei, und kommen zum Schluss: «Zeit ist ein Konstrukt des menschlichen Geistes. Sie begann mit dem Siegeszug der Eisenbahn und dem Erstellen des ersten Fahrplans.» Es folgte die Stempeluhr in den Fabriken und so weiter bis zum heutigen Zeitmanagement, wo jede Minute genutzt werden muss. «Gibt es eigentlich eine App für die Zeit?», sinniert Ursula Walter.

Aber die Zeit totschlagen und dabei seine Mitmenschen nerven ist etwas Zeitloses. Scherzgrenzler und Ur-Laupner Christian von Erlach demonstriert dies mit einem herrlichen Auftritt als Nervensäge im Wartezimmer eines Zahnarztes – in lupenreinem St. Galler Dialekt.

Harte Endzeit

Scherzgrenze befasst sich auch mit dem Ende der Lebenszeit. Marcel Reber, Ursula Hofer und Stephan Hugentobler verwandeln sich flugs in Alte, die im Seniorenheim ihre Zeit verbringen beziehungsweise auf deren Ende warten. Beim Sitzen und Aneinandervorbeireden verlaufen die Stunden zäh. In den Köpfen vermischt sich Vergangenes mit Gegenwärtigem.

«Es ist hart unter all diesen Greisen», sagt Seniorin Hofer, während sie Vögeli mit Brösmeli füttert. Trotz Seniorenbühne und Seniorenferien sei man da auf dem Abstellgleis. «Only me, d Läbeszyt isch schnäll verby», singt Christian von Erlach. Zwei Stunden Zeit sind vergangen wie im Flug.

www.dietonne.ch, Nächste Vorstellung: Fr., 31. 1.

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