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Was sich Zugbegleiter alles gefallen lassen müssen

BLS-Kenner Roger Bregnard führt Buch darüber, was sich Zugbegleiter bei ihrer täglichen Arbeit so alles anhören müssen. Immer wieder werden die Passagiere sogar handgreiflich.

Die Arbeit der BLS-Zugbegleiter ist zuweilen alles andere als angenehm.
Die Arbeit der BLS-Zugbegleiter ist zuweilen alles andere als angenehm.
Keystone

Als die Zugbegleiterin den Wagen betrat, merkte sie bald, dass etwas überhaupt nicht so war, wie sie es aus ihrer jahrelangen Erfahrung kannte. Eine Horde Jugendlicher hatte zwei Abteile in Beschlag genommen, doch die ganz offensichtlich zugedröhnten jungen Leute dachten nicht daran, ihre Billette vorzuzeigen. Stattdessen standen sie auf, umzingelten die Frau von der Bahn und liessen sie wissen: «Wir machen jetzt Party mit dir.»

Was das bedeuten sollte, musste die Zugbegleiterin in den nächsten Augenblicken buchstäblich am eigenen Leib erfahren. Sie wurde am ganzen Körper betatscht, bekam es definitiv mit der Angst zu tun – und sah schliesslich keinen anderen Ausweg mehr, als unverrichteter Dinge ins Gepäckabteil zu flüchten. Dort harrte sie aus bis zum nächsten fahrplanmässigen Halt, wo sie sich dem Lokführer anvertrauen und zu ihm in den Führerstand wechseln konnte. Sie zitterte am ganzen Leib und fragte sich ernsthaft, ob sie die Reise so noch bis zum Ende durchstehen können würde.

Mitreisende fliehen

So rapportiert Roger Bregnard die Geschehnisse aus dem Regioexpress, der in den Tagen vor Weihnachten zur besten Feierabendzeit von La Chaux-de-Fonds über Neuenburg nach Bern unterwegs war. Die vonder BLS betriebene Linie ist ihm bestens vertraut. Mehrmals pro Woche fährt der Rentner aus der Region Bern mit dem Zug nach Neuenburg zum Mittagessen, kommt dabei mit den Angestellten ins Gespräch, ist so für viele zur Vertrauensperson geworden – und stellt mit wachsender Sorge fest, wie viel Unangenehmes die Angestellten im öffentlichen Verkehr während ihrer Arbeit erleben, ja erleiden müssen.

Der Vorfall im Feierabendzug aus La Chaux-de-Fonds, der ihm die Betroffene selber so ge­schildert hat, gehört sicher zu den schlimmeren seiner Art. Nicht zuletzt auch deshalb, so Bregnard weiter: Die Mitreisenden – immerhin war beste Pendlerzeit – machten sich samt und sonders aus dem Staub, als es kritisch wurde.

Mit Pfefferspray attackiert

Ähnliche Beobachtungen macht auch die Eisenbahnergewerkschaft SEV. Erst im letzten Spätsommer widmete sie den Übergriffen im öffentlichen Verkehr fast eine ganze Seite ihrer Mitgliederzeitung. Zahlreiche Rückmeldungen aus den eigenen Reihen legten nahe, «dass dem Zugpersonal immer weniger Respekt und Anstand gezollt wird», heisst es da. Konkret beziffern lasse sich die Zahl der Vorfälle zwar nicht, da sich die Bahnunter­nehmen «diesbezüglich weit­gehend bedeckt halten».

Eine Einschätzung der Entwicklung in der jüngeren Vergangenheit wagt der SEV aufgrund von Rückfragen bei der BLS trotzdem: Die schweren Fälle mit Körperverletzungen nähmen seit dem Jahr 2015 ab, die mittelschweren (Tätlichkeiten ohne körperliche Folgen) und leichten (verbale Entgleisungen) dagegen zu.

Das passt zu dem, was Bre­gnard in den letzten anderthalb Jahren auf seinen Fahrten zusammengetragen und in sein Notizbuch geschrieben hat. Tatsächlich bekommt er eher selten zu hören, dass ein Zugbegleiter, wie ebenfalls in der Vorweihnachtszeit geschehen, unver­mittelt ein Messer zu sehen bekommt. Viel häufiger geht es um abschätzige Bemerkungen, Beschimpfungen oder Einschüchterungsversuche.

Wie etwa bei der Passagierin, die, weil sie am Essen sei, zuerst das Billett nicht zeigen wollte und später umso gehässiger verlangte, dies doch noch tun zu dürfen. Oder beim Mann, der bei einer Kontrolle ausflippte und zu randalieren begann. Und immer wieder bei den Gruppen, die schwarz fuhren und auf insistierendes Nachfragen des BLS-Personals mit unverhohlenem Drohen reagierten.

«Es ist vor allem das weibliche Personal, das ins Visier genommen wird und den Passagieren schutzlos ausgeliefert ist.»

BLS-Kenner Roger Bregnard

Und doch passiert es immer wieder. Da übersteht eine Zugbegleiterin eine Pfefferspray­attacke nur deshalb unbeschadet, weil sie zufällig eine Brille trägt und diese die empfindlichen Augen vor dem Reizstoff schützt. «Es ist vor allem das weibliche Personal, das ins Visier genommen wird und den Passagieren schutzlos ausgeliefert ist», stellt Bregnard fest. Deshalb sei es an der Zeit, darüber öffentlich zu diskutieren.

Anzeigen bei der Polizei

Was tut die BLS? Sie bestätigt, dass die schweren Fälle ab- und die mittleren und leichten zunehmen, betont weiter, dass sie in dieser Situation ihre Angestellten nicht allein lasse. Sie setzt dabei vor allem auf ihre Kampagne mit dem Titel «Einen Schritt zurück»: In Kursen zu Kommunikation und Gewaltprävention lernt das Zugpersonal, dass es in heiklen Situationen am besten erst mal einen Schritt rückwärts macht.

«Das gibt Raum, um im Gespräch eine Situation zu klären und zu deeskalieren», hält Mediensprecherin Tamara Traxler dazu fest. Und ergänzt: Natürlich werde jeder aktenkundige Fall der Polizei angezeigt.

Heikle Partynächte

Wie zuvor schon Bregnard stellt auch sie fest, dass die ersten Züge am frühen Samstag- und am Sonntagmorgen für das Personal besonders heikel sind. Nach durchzechten Partynächten ist die Stimmung häufig aufgeladen, reagieren die Passagiere umso gereizter, wenn sie ohne Billett erwischt werden und dann nachzahlen sollen. Genau deshalb, fährt Traxler fort, setze man zu diesen Zeiten sowie in den Partynächten selber vermehrt eigenes Sicherheitspersonal ein. Abends ab zehn Uhr seien, wenn immer möglich, generell nur noch Zweierteams in den BLS-Zügen unterwegs.

Unkommentiert lässt die Sprecherin weitere Beobachtungen des Reisechronisten. Bre­gnard vermutet nämlich, dass die Sitaution auf der Neuenburger Linie nicht zuletzt auch deshalb so heikel ist, weil am und im Jura die Armut vergleichsweise hoch ist. Mehr Leute haben damit wenig zu verlieren, wenn sie kein Billett kaufen. Die Situation werde noch dadurch verschärft, dass zwischen Neuenburg und La Chaux-de-Fonds wechselweise auch die SBB unterwegs seien. Dass diese in ihren Zügen nur sporadische Kontrollen durchführten, verleite umso mehr zum Schwarzfahren – diesem zweiten Punkt stimmt auch die Gewerkschaft zu.

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