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Polittheater in mehreren Akten

ursula haller

Es war diesmal eine ganz spezielle Session in Bern. Würde man das Bundeshaus und im Speziellen den Nationalratssaal mit einem Theater vergleichen (was übrigens nicht ganz abwegig ist, denn dieser wurde meines Wissens in Anlehnung an die bekannte Semperoper von Dresden vom Architekten Hans Wilhelm Auer wie ein Theater mit Tribüne gebaut), dann bin ich nicht sicher, ob das, was in den letzten drei Wochen auf dem Spielplan stand, in die Sparte «Drama», «Komödie» (wenn, dann allenfalls «Tragikomödie»), «Schauspiel» gehört oder nicht doch am ehesten als «Polittheater in mehreren Akten» bezeichnet werden musste. Und: Eigentlich möchte man über die unsäglichen Vorstellungen im Nachhinein nur lachen – wäre die Sache nicht so ernst Denn in denletzten Wochen wurde auf eben dieser Politbühne unter der ehrwürdigen Bundeshauskuppel ein ganz besonderes Spektakel geboten. Wohlverstanden, nicht primär für die im Saal Anwesenden, sondern in erster Linie für die Zuschauer und Zuhörerinnen «draussen» wurde gespielt und gesprochen. Viele Akteure wussten dabei auch bereits von Beginn an, wie das Theater enden musste. Deshalb wurde auch sofort klar bestimmt, welche Personen eine Hauptrolle spielen durften und wem die allerhöchstens kopfnickenden Statistenrollen zufielen. Das Regiebuch war längst geschrieben, alle Abläufe möglicher Szenarien wurden x-fach hinter geschlossenem Vorhang durchgespielt, die vorgegebenen Texte eingeübt. Jeder und jede wusste, was er oder sie laut sagen musste, jede und jeder durfte danach nur still denken, was sie oder er eigentlich hätte sagen wollen. Wichtig war bei der minutiös einstudierten Inszenierung denn auch nicht ein gehaltvoller Dialog, wichtig war vor allem, dass sich aufgrund des vorgegebenen Skripts niemand einen Fehler erlaubte. Improvisation und Gestaltungsfreiheit durften und konnten keinen Platz haben. Um solch falsches Tun und Treiben allenfalls bereits im Keime zu ersticken, waren Souffleure und Überwacher immer sofort zugegen. Disziplin und Ordnung – beides musste sein. Vor allem aber der Starregisseur und Hauptakteur des Theaters leistete über-zeugende Arbeit! Er hatte sein Team voll im Griff. Der Maestro, einst unfreiwillig abgetreten von der glatten Politbühne, in der Garderobe aber immer noch omnipräsent, gab unermüdlich Regieanweisungen. Immer wieder änderte er dabei seine Spieltaktik. Er zog seine Fäden nach Lust und Laune, sorgte dafür, dass alle im Takt richtig marschierten und spielten. Ganz nach der Devise: einmal links, einmal rechts, einmal hin und einmal her – Meinungen ändern ist doch gar nicht so schwer! Obschon das Polittheater einen anderen Ausgang nahm als von unserem wortgewaltigen Protagonisten ursprünglich vorgesehen, waren am Ende trotzdem alle überzeugt, massgebend zum Erfolg beigetragen zu haben. Man realisierte nicht, dass man eigentlich im falschen Theater sass, und genoss den Beifall. Einige haben allerdings dann doch noch gemerkt, dass der verdiente Schlussapplaus von der Öffentlichkeit nicht ihnen, sondern einem anderen, dem heimlichen Star dieses Sommertheaters galt: einer zierlichen, aber zähen Frau, die jeden Tag konsequente und äusserst kompetente Arbeit leistet. Ohne grosse Worte, ohne aufgeregte Gesten – zum Wohl von uns allen. Bravo! Ich wünsche Ihnen einen schönen, warmen Sommer – auf dass er denn endlich kommen möge! E-Mail: ursula.haller@thun.ch redaktion-tt@bom.ch >

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