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Zwei fräsen sich durch eisige Nächte

Sie trotzen Wind und Wetter und sind unterwegs, wenn andere noch lange schlafen. Zwei Lokführer sorgen mit ihrer Schneefräse dafür, dass Tausende Gäste sicher ans Ziel kommen. Ein Job mit viel Verantwortung.

Die beiden Lokführer, der 62-jährige Kari Graf und der 25-jährige Bruno Gertsch bedienen die Schneefräse mit dem Namen Xrote 21 der Wengernalpbahn. Von Lauterbrunnen bis auf die Kleine Scheidegg sorgen sie so für sichere Verkehrswege.

«Nid z rass», sagt Graf. Gertsch nickt, verlangsamt die Fahrt, seine Finger bewegen sanft zwei Joysticks, mit denen der 32 Tonnen schwere Zug in Fahrt kommt, mit dem sie unterwegs sind. Graf verstellt mit ebensolchen Sticks die Schneefräse, damit der Schnee am richtigen Ort zum Liegen kommt. «Geid gued», sagt er.

Und doch, was sich nach einem Spiel anhört, ist in Tat und Wahrheit ein Job mit höchster Verantwortung. Die Züge der Wengernalpbahn verkehren auch im Winter im Halbstundentakt. Graf und Gertsch dürfen also keine Fehler machen, jede Verzögerung würde den ganzen Fahrplan durchein­anderbringen.

Ruhelos sind die Joysticks

Sonores Brummen der Aggregate durchdringt die Führerkabine, die Scheibenwischer fechten einen verzweifelten Kampf gegen die Elemente Wind und Schnee aus.

Sicht? Für Aussenstehende gleich null. Draussen rabenschwarze Nacht, Schneeflocken tanzen vor den Fenstern, links und rechts vom Fahrzeug fliegt der Schnee weg.

Mit etwa 14 Stundenkilometern geht es von Lauterbrunnen über Wengen Richtung Kleine Scheidegg, mit der Schneeschleuder der Wengernalpbahn. Meter für Meter frisst sich das Erzeugnis der Firma Zaugg aus Eggiwil in die Höhe. Maximal 40 Zentimeter Neuschnee lagen diesen Morgen auf den Geleisen.

Eine Kleinigkeit für das 2008 in Dienst gestellte Fahrzeug. Fast ruhelos bewegen die beiden Führer die Joysticks. Graf und Gertsch sind äusserst konzentriert, spähen in die Dunkelheit. Rundherum eine Wüste aus Eis und Schnee. Wind, Schneeflocken, es ist kurz nach fünf Uhr morgens.

Ein ungewöhnliches Gespann, der 62-jährige Kari Graf und der 25-jährige Bruno Gertsch, die beiden Lokführer bedienen die Schneefräse mit dem Namen Xrote 21. Dem Altersunterschied zum Trotz: Hier arbeitet eine Einheit; «äs geid besser zäme». Mit von der Partie ist auch Kurt Schmied, er schaufelt, macht «Kosmetik» zwischen Gleisen und bei Weichen und ist während Räumungsfahrten eigentlich mehr draussen als in der warmen Kabine.

Bärenstarke Maschinen

Hin und wieder hält das Gefährt, eine Weiche wird umgestellt, man hält mit dem Funkgerät Kontakt mit dem Bahnhof Lauterbrunnen: «Gleis eis, gienge signalmässig gäre unnaum its Gleis zwei und när gäg Wenge.»

Bärenstark ist die Schneefräse, gut 500 PS schaufeln den Schnee meterweit in fast jede Richtung, von Pulver- bis zu Nassschnee. «Wener den blischwär ischt, hudlets de schon ar Maschine», sagt Gertsch. Geschoben wird die Fräse von einer Lok, die ebenfalls noch mal 600 PS mitbringt. Die Auswurfrohre der Schleuder sind beliebig verstellbar.

Das sei mit der alten Fräse so gut nicht möglich gewesen, da landete schon manchmal etwas an einer Hauswand. Eine ähn­liche Fräse ist übrigens von Grindelwald her auf die Kleine Scheidegg immer noch im Einsatz. Man trifft sich jeweils am höchsten Punkt der Reise auf der Kleinen Scheidegg auf 2061 Metern Höhe.

Der nächtlichen Einsätze mit der Schneefräse

Auf der Wengernalp liegt verhältnissmässig wenig Schnee. Dennoch läuft der Bahnbetrieb nicht ohne Fräseneinsatz.
Auf der Wengernalp liegt verhältnissmässig wenig Schnee. Dennoch läuft der Bahnbetrieb nicht ohne Fräseneinsatz.
Fritz Lehmann
Die beiden Lokführer (v.l.) Kari Graf (62) und Bruno Gertsch (25).
Die beiden Lokführer (v.l.) Kari Graf (62) und Bruno Gertsch (25).
Fritz Lehmann
Bärenstark ist die Schneefräse, gut 500 PS schaufeln den Schnee meterweit in fast jede Richtung, von Pulver- bis zu Nassschnee.
Bärenstark ist die Schneefräse, gut 500 PS schaufeln den Schnee meterweit in fast jede Richtung, von Pulver- bis zu Nassschnee.
Fritz Lehmann
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Graf erzählt, als Lok- und Schleuderführer sei er schon manches Jahr unterwegs, seit vierzig Jahren arbeitet er bei der Bahn. «Das ischt e flotta Job», sagt er in breitem Lauterbrunner Dialekt: «Wes eifach isch, so ischs eifach», sagt Graf. Doch bei schwierigen Bedingungen, Sturm, Lawinengefahr, müsse man aufpassen, was man mache. Die Situation könne mit jeder Kehre wechseln: Schneebeschaffenheit, Wind, Sicht.

Doch mit etwas Erfahrung könne man die Sache relativ gut abschätzen. «Gspüri» nennt man dies wohl, gepaart mit Know-how, denn die Fräse und der Zug sind Hightech. Passiert ist ihm in all den Jahren nichts. Der Grat ist schmal; der Joystick falsch bewegt, und ein Schaden an Schienen, Fahrleitungen oder Fahrzeug ist vorprogrammiert und teuer: Tausende Wintersportler und Jochtouristen wären dann möglicherweise zum Warten verdammt.

Dennoch gebe es immer wieder Schrecksekunden. Etwa wenn rund um das Dorf Wengen menschliche Fussspuren auf den Geleisen auftauchen würden, die das Trassee als Weg benutzten. Vielleicht, um nach dem Ausgang schneller nach Hause zu kommen. Da beschleiche einen schon ein mulmiges Gefühl, sagen die Lokführer. Doch vier Augenpaare sähen bekanntlich mehr als deren zwei.

Thermometer zeigt –11 Grad

Bruno Gertsch ist ebenfalls Lauterbrunner: «Ich bin einer der Jüngeren hier, bei der WAB auf der Lauterbrunnenseite.» Die Schneeschleuder bediene er nun seit vier Jahren. Das Schwierige am Anfang ist etwa die Kommunikation mit den Älteren, bis man wisse, um was es gehe, was gemeint sei, etwa bei Befehlen im Führerstand.

Doch: «Es ischt e scheena Job.» Auch weil man mehr an der frischen Luft sei als bei Diensten in der Werkstatt: Hin und wieder steigen die beiden selber aus und legen Hand an befreien Weichen und Schienen oder die Schneefräse von Schnee und Eis.

Ab und zu müssen die beiden Lokführer auch die Seitenfenster runterlassen, um millimetergenau zu rangieren, etwa auf den Bahnhöfen.

Der Thermometer zeigt an diesem Morgen –11 Grad. Mit dem Wind, der draussen weht, sind es aber bald einmal –20. «Wes luftet u vill Schnee hed, ischt fin a chli Action», sagt Gertsch. Dennoch wolle er diesen Beruf noch lange ausüben. Es ist teils eine eigene Sprache, mit der sich die beiden verständigen, Neulinge müssten diese erst erlernen: «Uusblaasen» heisst es etwa bei Weichen.

Dann wird ein Gebläse unter dem Zug aktiviert, das mit Luftdruck Geleise reinigt. Nachkontrolle. Der Luftstrom ist so stark, dass er auch Geleiseschotter aufwirbeln kann, der manchmal irgendwo verklemmt.

Ab und zu müssen die beiden auch die Seitenfenster runterlassen, um millimetergenau zu rangieren, etwa auf den Bahnhöfen. Wengen, Allmend, Wengernalp. Das Ziel rückt näher, die letzten Kehren, Lichter, Kleine Scheidegg. «Dascht tipptopp gange», sagen die beiden. Man erwartet sie bereits.

Auch hier liegt viel Neuschnee. Kein Problem für die beiden. Die Joysticks werden bewegt, Tonnen der weissen Pracht fliegen ins Gelände. Das Funk­gerät knistert. Der Bahnhof Wengen meldet sich. Wäre froh um die beiden, auch dort liegt viel Schnee. «Den weimer nitzi», sagt Graf, «wohleppa», ergänzt Gertsch.

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