Zeternde Väter, zärtlich Liebende

Hofstetten

Gottfried Kellers traurige Liebesgeschichte «Romeo und Julia auf dem Dorfe» wird auf dem Ballenberg mit modernem Zugriff und in durchmischten Stilen erzählt. Bunt und berührend, aber ganz anders als vor 28 Jahren.

Sali (Saladin Dellers) und Vreneli (Aline Beetschen) im Stück «Romeo und Julia auf dem Dorfe», das beim Landschaftstheater Ballenberg diesen Sommer aufgeführt wird.

Sali (Saladin Dellers) und Vreneli (Aline Beetschen) im Stück «Romeo und Julia auf dem Dorfe», das beim Landschaftstheater Ballenberg diesen Sommer aufgeführt wird.

(Bild: Keystone Urs Flüeler)

Svend Peternell

Das traurige Ende vorneweg: Die Dorfgemeinschaft steht zu Beginn um die Leichen des im Fluss ertrunkenen Liebespaars Vreneli und Sali, die alsbald abgeführt werden. Dazu der Sirenenalarm und die roh gehämmerten Klavierakkorde. Sie stammen von der Litauerin Ruta Len?iauskaitè, die live den tonalen Einstiegspegel setzt und überhaupt den Empfindungssound in dieser überaus tragischen Liebesgeschichte filmisch inspiriert mitträgt.

Es ist ein menschlich schwer lastender Stoff, der während 100 Minuten mit modernem Zugriff erzählt wird – vor ländlich unverrückbarer Kulisse, in gemischten Kostümstilen aus verschiedenen Zeitepochen (Kostüme: Dorothee Scheiffarth) und mit sehr illustren Figuren. Die Nuancenpalette ist gross: knallig und grell, gar klamaukig, wenn sich die wegen eines Stückchens Land in die Haare geratenen Nachbarn Marti (Beat Sigrist) und Manz (Paul Eggenschwiler) zeternd die Seele aus dem Leib schreien und aufeinander losgehen.

Verspielt und drollig bisweilen, wenn die Kinder ihre Einsätze in dieser malerisch wirkenden Dorfgemeinschaft aufnehmen. Bitter und beklemmend, wenn die sensible Frau Marti (Pierrette Uhlmann) von der fanatischen Streitlust ihres Mannes aufgerieben wird und zugrunde geht. Fein und bewegend, wenn sich das zentrale Liebespaar (Aline Beetschen und Saladin Dellers) aus dem Elendsballast ihrer zankenden Väter zu lösen versucht.

Stalders Text 1991 und heute

Gespielt wird also «Romeo und Julia auf dem Dorfe» nach der Novelle von Gottfried Keller in der Dramatisierung des eben 80-jährig gewordenen Heinz Stalder. Er war schon vor 28 Jahren dabei, als das von Louis Naef geprägte Landschaftstheater Ballenberg gewissermassen seinen Anfang nahm. Damals war Stalders Text mehr im historischen Geflecht der in sich abgeschlossenen Geschichte verortet – ganz klar aufgehängt an der Figur des schwarzen Geigers.

Dieser führte damals das Publikum in einer Art Wandertheater zu den vier Spielorten – bis hin zum Wyssensee, wo das Liebespaar auf einer Barke in die Nacht hinein verschwand. Heuer bei der 25. Inszenierung sitzt das Publikum – wie bei fast allen bisherigen Produktionen – auf einer grossen Tribüne beim Weinbauernhaus aus Richterswil ZH und bewegt sich nicht mehr.

Heugabel-Mistschlacht

Stalder öffnet den sprachlichen Fokus in unsere Zeit hinein. Das hat auch mit dem Inszenierungsstil von Andreas Zimmermann zu tun, der den zerstrittenen Vätern Immobilienhändler, Anlageberaterinnen und Advokaten auf den Hals schickt, um sie komplett auszunehmen und irrezumachen.

Wenn schon Elend, dann noch dran verdienen. Mit Fahrzeugen aller Art führt Zimmermann die Szenerie von auswärts an den Spielort. Die verkommene Wirtschaft in der Stadt wird als billige Imbissbude präsentiert, vor der sich das Paar Manz eine regelrechte Knallcharge von Ehestreit liefert, ehe es mit dem Auto davonbraust.

An Ideenreichtum fehlt es der Inszenierung nicht: Eine der beiden Polizistinnen ermittelt hoch zu Ross. Manz kurvt gerne über seinen Verhältnissen mit einem flotten Töff durch die Geländekammer. Velos und alte Benzinfresser gehören auch zum Arsenal. Manz und Marti liefern sich mit Gefolge eine spektakuläre Heugabel-Mistschlacht. Vreneli und Sali sind sich nicht zu schade, sich neben dem Misthaufen zu lieben.

Und sinnig: Marti, dieses Kaliber von einem jähzornigen Mann, rutscht im Gerangel mit Sali auf seinem eigenen Mist aus, schlägt sich den Kopf wund. Und wird als ebenso unbedarfter wie dämonischer Irrer mit dem im Volksmund so genannten ‹gälbe Wägeli› in die Anstalt gefahren.

Der schwarze Geiger fehlt

All diese Umwege und Verästelungen geben Heinz Stalder Futter zum Drauflegen. Meist springen die Funken und entzünden sich befeuernde Dialoge. Weniger schlüssig gelingen die Szenen mit der rollenden Disco (Chilbizunft Ballwyla) oder der maskierten und gespenstischen Freigeist-Truppe, in der Vreneli und Sali wie im Traum verstorbene Gestalten zu erkennen glauben, wobei die Musik in beiden Szenen nur verhalten rüberkommt.

Gerade hierhinein hätte der schwarze Geiger, der in der Novelle einen wichtigen roten Faden spinnt, gehört. Die Regie verzichtet leider auf ihn. Sie wollte sich offensichtlich klar von der Version aus dem Jahr 1991 abgrenzen.

Sehr schön bewerkstelligt die Inszenierung aber die Schnittstelle von den Kindern Vreneli und Sali hin zu den jungen Erwachsenen: Die Kleinen (Zoe Wyler und Leandro Murer) verschwinden hinter den Türen ihrer Häuser, ehe die beiden Profis Aline Beetschen (23) und Saladin Dellers (25) wieder aus diesen heraustreten.

Nun kann die Liebesgeschichte auf versponnenen Pfaden allmählich Fahrt aufnehmen. Beetschen und Dellers kriegen das vorzüglich hin. Man schmunzelt über ihre erste Verliebtheit, die sie zur Eigenständigkeit stärkt. Und man fiebert mit ihnen mit im Dilemma ihrer Gefühle und der Ausweglosigkeit mit der verkachelten Vorgeschichte ihrer Väter, die sie umschlingt und auffrisst.

Der Schluss gelingt gut, wenn sich das Liebespaar auf den Weg ins Dunkel macht. Links zieht es ab durch den mit neuen Profilen bestückten Garten des verkauften Elternhauses von Vreneli. Das traurige Ende kennen wir ja. Aber das war am Anfang. Nun sind die Pianoklänge mild und melancholisch geworden.

Weitere Informationen:

«Romeo und Julia auf dem Dorfe» wird bis 17. August gespielt, jeweils Mittwoch bis Samstag (ausser 1. August) plus Sonntag, 28. Juli. Beginn ist jeweils um 20.15 Uhr: Ersatzspieltag ist jeweils der nachfolgende Dienstag. In der letzten Spielwoche gibt es keinen Ersatzspieltag. Fussmarsch vom Eingang Ballenberg West her (Hofstetten). Infos und Vorverkauf: www.landschaftstheater-ballenberg.ch.

Berner Oberländer

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