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Wurde junge Frau an Festival vergewaltigt?

Hat ein Mann im Jahr 2013 am Trucker- und Country-Festival eine junge Frau vergewaltigt? Gestern begann der Prozess, heute ­entscheidet das Regional­gericht Thun.

Das Trucker- und Countryfestival in Interlaken ist ein feuchtfröhlicher vielbesuchter Anlass. Hier soll am 29. Juni 2013 eine junge Frau vergewaltigt worden sein.
Das Trucker- und Countryfestival in Interlaken ist ein feuchtfröhlicher vielbesuchter Anlass. Hier soll am 29. Juni 2013 eine junge Frau vergewaltigt worden sein.
Bruno Petroni

Feierlaune, Folk, Flirts, Festbier, Fleischspiesse: Die Stimmung am Trucker-Festival Interlaken ist jeweils bestens. Allerdings kann ein eigentlich fröhlicher Anlass auch zum Albtraum werden. So für die junge Frau aus der Ostschweiz, die gestern am Regionalgericht Oberland in Thun aussagte.

Das, worüber sie sprach, war am 29. Juni 2013 auf dem Gelände des ehemaligen Militärflugplatzes Interlaken geschehen. Es trieb ihr Tränen in die Augen und liess ihre Stimme versagen. Sie schilderte, wie sie vergewaltigt worden sei. In ihrem Zelt auf dem Campingplatz, von einem heute 30-jährigen Mann aus dem Kanton Bern, der deswegen auf der Anklagebank sass.

Er war damals mit einer Gruppe junger Männer angereist. Drei von ihnen, die alle mit beiden Füssen im Leben stehend wirkten, schilderten gestern als Zeugen die Vorgeschichte. Die junge Frau, die in unmittelbarer Nachbarschaft ihr Zelt aufgeschlagen hatte, war am späteren Nachmittag zu ihnen gestossen. Man lernte sich kennen, trank Bier und hatte es lustig. Im Flirtfokus der jungen Frau, das schilderte einer der Zeugen, war der Angeklagte. Wie lang und wie oft man sich in dieser Nacht noch traf, wurde unterschiedlich geschildert. Auch, weil die Gruppe sich trennte.

«Kein Blüemlisex»

Der Angeklagte erzählte, wie er und die junge Frau sich näherkamen. Und er in tiefer Nacht, während alle andern schlafen gegangen waren, von ihr in ihr Zelt eingeladen wurde. Sie war dort allein, weil die Kollegin im Auto schlief. Er habe seinen Schlafsack geholt, und ehe dieser ausgerollt gewesen sei, habe man sich stürmisch betätigt, auf Knien und liegend.

Hart sei es zur Sache gegangen. Es sei «kein Blüemlisex» gewesen, die Frau habe ihn aufgefordert, sie zu schlagen, festzuhalten, «zu bestrafen». Am Ende der Nacht habe man sich mit den Schlafsäcken ein Nest gebaut und am Morgen noch einmal Sex gehabt und nett über die Haare gesprochen, die sich ausgerissen im Zelt befunden hätten. Anders steht es in der Anklageschrift, in der die Haare auch vorkommen. «Gerade, als sie bis zum Ausgang des Zeltes kriechen konnte, zog der Angeklagte sie an den Haaren und riss sie daran ins Zelt zurück.»

Noch «Hallo» gesagt

Ganz detailliert schilderte die junge Frau den Kernpunkt der Anklage, die Vergewaltigung, nicht. Sie sei allein vom Festplatz auf den Campingplatz gekommen, es sei ihr schon den ganzen Tag nicht so gut gegangen, und sie habe wohl etwas zu viel getrunken. Dann sei der Mann plötzlich hinter ihr gewesen. Sie sei von den Schlägen etwas weggetreten gewesen. Der Mann lag auf ihr, presste mit seinen Beinen ihre Beine auf den Boden. Sie habe deutlich und mehrmals gesagt, dass sie das nicht wolle; sie habe Angst gehabt, weil der Angeklagte sie verbal bedroht und sie keine Luft mehr bekommen habe; er habe extrem viel Kraft gehabt, sodass sie sich nicht besser habe wehren können.

Zu sich gekommen sei sie am Morgen allein im Zelt. Sie ging noch einmal aufs Festgelände, um mitzuteilen, dass sie nicht wie abgemacht an einem Stand mitarbeiten könne. Sie sah die Gruppe der Berner Männer, redete kurz mit einem von ihnen und sagte Richtung der ganzen Gruppe «Hallo». Sie habe gut gelaunt gewirkt, sagte der Zeuge.

Wo ist das Motiv?

Die junge Frau setzte sich, ohne etwas einzupacken, ins Auto und fuhr zu ihrem Ex-Freund. Dann rief sie die Kollegin an, die einen Tag später ans Trucker-Festival hätte kommen sollen. Sie erzählte, was sie erlebt hatte, und die Kollegin, die gestern auch als Zeugin auftrat, avisierte die Polizei. Im Spital wurden eine Rötung am Hals, Blutergüsse und Schürfungen festgestellt. Der Staatsanwalt befasste sich mit den Kriterien, die helfen, bei gegensätzlichen Aussagen die glaubwürdigere zu finden.

«Die Aussagen der Frau sind glaubhaft, weil sie Gefühle zu Erlebtem wiedergeben. Die intensivsten Bilder bleiben», sagte er. Ein zentraler Punkt der Anklage: «Es gibt kein Motiv, warum sie ihn anschuldigen sollte.» Sie lebte, wie auch der Beschuldigte, damals nicht in einer festen Beziehung. Zum Motiv konnte auch der Verteidiger des Angeklagten nur sagen, dass es wohl ein Rätsel bleiben werde.

Das Aussageverhalten seines Klienten hielt er für glaubwürdiger, weil es konstant und präzis sei. Entscheiden wird heute das Gericht im Dreierkollegium. Der Staatsanwalt forderte 28 Monate Haft, der Verteidiger Freispruch.

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