Im Banne der Rosenblüte

Seit einem halben Jahrhundert ist sie Grazie und Duft der Königin der Blumen erlegen: die Rosengruppe Spiez/Berner Oberland.

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Jürg Spielmann

Es geht der Königin an den Kragen. «Marlyse, du tust uns fast weh!» Die Empörung des Zaungastes im Rosengarten «Le Roselier» auf Schloss Spiez ist zu aufgesetzt, um wirklich zu sein. Der radikale Schnitt der Blondgelockten sorgt für ein Staunen und Raunen. Und obige Aussage. «Je mehr ihr schneidet, desto üppiger wächst es nach», begründet Marlyse Bischoff den wenig zimperlichen Eingriff.

Schnipp, schnapp. Sie zwackt eine weitere Kletterrose knapp über dem Boden mit der Gartenschere ab. Doch, doch, die Frau hat sehr wohl ein Herz für Blumen – das beweist allein schon ihre, nomen est omen, blütenbedruckten Rosenhose...

Eine Gruppe von rund 20 Interessierten – zumeist Frauen gesetzteren Alters – sind an diesem ­sonnigen Märztag dem Ruf der Rosenfreunde gefolgt. Der Verein, dessen voller Name Gesellschaft Schweizerischer Rosenfreunde, Regionale Rosengruppe Spiez/Berner Oberland lautet, hat zu seinem jährlichen Rosenschnittkurs geladen. Das Wissen um das Schneiden sei das A und O eines reichhaltigen Blütenflors, heisst es auf der Website.

Gebannt lauschen die Hobbygärtnerinnen und -gärtner also den Ausführungen der Präsidentin. Und löchern sie mit Fragen. «Wann müssen Rosen geschnitten werden?», will eine Besucherin wissen. Im Frühjahr, wenn die Forsythien blühen, nicht im Herbst, erhält sie zur Antwort. Und Rosen, die drei bis sechs Wochen im Sommer blühen, schneide man nach der Blüte. Aha. Und wie genau? «Alles trockene, kranke Holz sollte herausgeschnitten werden.» Das gelte für alle Rosen, betont Marlyse Bischoff. Seit zehn Jahren ist sie im Vorstand der Rosenfreunde aktiv, seit vier steht sie ihm vor.

Der Schnitt, gemäss Büchlein leicht schräg ausgeführt, hänge aber von der jeweiligen Rosengruppe ab. «Es gibt keinen Einheitsschnitt, der zu jeder Rose passen würde.» Wer trägt schon gerne eine Einheitsfrisur? Eben. Genau darum wird der Schnittkurs angeboten.

Szenen- und Jahreszeitenwechsel: Bäuert Spiezwiler, Ende Juni. Im prächtigen Garten des früheren Bauernhauses, dessen Gebälk 1735 aus strammen Stämmen geschlagen wurde, ist ein animiertes Durcheinander auszumachen. 34 Mitglieder der Regionalgruppe Zentralschweiz beäugen den reichen Blütenflor in Bischoffs privatem Rosenreich. «Wir Rosenfreunde sind schweizweit gut vernetzt», sagt eine Frau aus Luzern. «Und be­freundet.»

Erst kürzlich haben Liebhaber eine mehrtägige Reise in die Steiermark unternommen. Es wird gelacht, gefachsimpelt, gestaunt. Letzteres über die schiere Dichte des Raubritters, eines Rosenbäumchens mit runden Blüten wie Schneebällen. Über die zartgefärbte Apricola und die grazile Ursula Andress. Oder die Lions-Rose, über die völlig ungeniert ein metallicgrüner Rosenkäfer krabbelt.

Entweder sei man vom Rosenvirus befallen oder nicht – «ich vergesse jeweils beim Jäten die Zeit», erzählt Marlyse Bischoff und lacht. Das Kraulen in Mutter Erde als Meditation. Die Begeisterung für «la fleur unique», wie die Franzosen zu sagen pflegen, teilen mit der gebürtigen Jurassierin aktuell 103 Oberländerinnen und Oberländer. Menschen jeden Standes, mit oder ohne eigenen Garten. Das tun sie seit genau 50 Jahren.

Der statutarisch erklärte Zweck ist es, die Liebe zur Rose, ihre Verbreitung und ihre Pflege zu fördern. Schliesslich gilt sie, wie es sich für eine Königin wohl gebührt, als nicht ganz pflegeleicht.

Friede, Freude, Rosenwonne also? Nein. Die Rosengruppen stünden nicht mehr in voller Blüte, gibt die Spiezer Präsidentin unumwunden zu. So auch die Ihre. «Früher waren wir bedeutend mehr Mitglieder.» 120 vor wenigen Jahren noch. Tendenz: sinkend. Wie bei so manchem Verein bereitet auch den Rosenfreunden die Überalterung Sorgen. «Ich bin die Jüngste», sagt Bischoff. Nachwuchs sei hochwillkommen. Für eine blühende Zukunft.

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