Rat lehnt Massnahmen des Kantons ab

Reidenbach

Kreisoberingenieur Markus Wyss appelliert an den Gemeinderat Boltigen, die Einsprache zu den verkehrsbehindernden Massnahmen zurückzuziehen. Der Sicherheit zuliebe. Der Gemeinderat winkt ab.

Solche Massnahmen hätte der Kanton für Reidenbach vorgesehen: Hier eine Baumgruppe im Zentrumsbereich Nordende auf der Höhe Lädeli und Hotel Bergmann, Blick in Fahrtrichtung Zweisimmen.

Solche Massnahmen hätte der Kanton für Reidenbach vorgesehen: Hier eine Baumgruppe im Zentrumsbereich Nordende auf der Höhe Lädeli und Hotel Bergmann, Blick in Fahrtrichtung Zweisimmen.

(Bild: PD/E+B AG Spiez, A. Hemmi)

Svend Peternell

Markus Wyss ist ernüchtert. Um nicht zu sagen: relativ verständnislos und ungehalten. Der Kreisoberingenieur versteht nicht, warum der Boltiger Gemeinderat (GR) die baulichen Massnahmen zur Verkehrsberuhigung durch Reidenbach nicht unterstützt, sondern sogar blockiert. Mit einer Einsprache gegen das Projekt stützt der GR sieben lokale Einsprecher, die für die Massnahmen kein Land abgeben wollen und ebenfalls Einsprache erhoben haben.

Das Problem: Auf dem weitgehend geraden Streckenteil zwischen Boltigen und Reidenbach bis zur Einfahrt ins Dorf wird häufig zu schnell gefahren. Tempo 50 wird vor allem im Eingangsbereich des Dorfs praktisch nicht eingehalten. Anwohner Hans Matti kämpft seit Jahren für verkehrsbehindernde Eingriffe und Temporeduktionen. Schon seit vier Jahren misst er privat die Geschwindigkeit der Fahrzeuge. «45 bis 60 Prozent der 5500 bis 10000 Motorfahrzeuge pro Tag fahren an dieser Stelle zu schnell.» So wurde Matti schon einmal in dieser Zeitung zitiert.

Smileys brachten Wirkung

Nun gibt es seit Anfang Jahr auch im Dorf 50er-Tempolimit-Tafeln. Diese wurden beidseitig im Doppel montiert. Seit Mitte Mai sorgen blinkende Smileys mit Grün- oder Rotanzeige für optische Klarheit und Motivation der Lenker, möglichst rasch das Tempo zu drosseln. «Es fährt kaum mehr ein Fahrzeug schneller als die erlaubten 50 km/h. Auch der Lärm wurde erträglicher.» Das vermeldete Hans Matti dieser Zeitung wenige Tage nach der Installation.

Die Smileys bei der Einfahrt nach Reidenbach zeigen ihre Wirkung: Die Automobilisten drosseln das Tempo – hier von nördlicher Richtung her. Bild: Kerem S. Maurer

Allerdings mit einem Haken, wie Matti einen Monat später mitteilte: «In 30 Tagen waren es total 181 073 Motorfahrzeuge. Davon hätten 17 157 eine Busse bekommen. Von diesen 17 157 waren 0,94 Prozent in Richtung Reidenbach zu schnell.» Sein Schluss: «Das Smiley ist sehr gut sichtbar.» In der Gegenrichtung ortet er Verbesserungspotenzial: «Von 17 157 waren 9,5 Prozent in Richtung Boltigen zwischen 56 bis 90 km/h schnell.» Das heisst für ihn: «Das Smiley Richtung Boltigen wird durch ein Kandelaber mit vielen Tafeln, Wegweisern und die Kurve verdeckt.»

In der Zwischenzeit hat Hans Matti der Begleit- und Arbeitsgruppe der Sanierung Dorfdurchfahrtsstrasse Reidenbach, Boltigen und Weissenbach den Rücken zugekehrt: Am 18. Juni ist er nach deren letzter Begehung ausgetreten. Er fühlte sich vielfach nicht ernst genommen und teils gedemütigt durch Mitglieder aus dem Gemeinderat, die in der Arbeitsgruppe mitwirkten. «Ich verstehe es so, dass der Gemeinderat, gestützt auf einen Antrag der Baukommission, sich einer formierten Einsprachegruppe unterworfen hat, die es fertiggebracht hat, ein jahrelanges, sehr kostspieliges Projekt zu ‹bodigen›.» So formuliert Matti einen seiner Austrittsgründe (Angaben zum Projekt siehe Kasten).

«Mit Hans Matti funktioniert das nicht», sagt Fred Stocker dazu. «Er kam immer mit starken Einzelforderungen und griff Mitglieder aus dem Gemeinderat an. Ich habe ihm gesagt, dass er weiterhin in der Arbeitsgruppe mitwirken soll. Aber dann muss er die Entscheide mittragen, darf nicht ausscheren und unseren Leuten in den Rücken fallen. Kürzlich hat er noch eine 30-km/h-Zone gefordert. Damit macht er sich völlig unglaubwürdig.»

«Keine Bäume setzen»

Zum Sanierungsprojekt meint Stocker: «Wir ziehen die Einsprache nicht zurück. Diese haben wir auf Antrag der Baukommission gemacht. Wir wollen keine Bäume setzen, wie das der Kanton vorschlägt. Der Fussgängerstreifen beim Bichsel-Lädeli wäre dringend. Aber da sieht der Kanton keine Möglichkeiten. Und beim Tourismusbüro gehört eine Beleuchtung hin. Und die Kurve Bergmann wurde aus unserer Sicht verschlimmbessert.»

Die Errichtung von Bodenwellen erachtet der Gemeinderat wegen der Gefahr von Wasserbildung als gefährlich – vor allem, wenn Lastwagen drüberfahren. «Für uns ist die Sanierung der Strasse dringend», sagt Stocker. «Die ist in einem himmeltraurigen Zustand.» Für den Gemeinderat ist klar: «Der Fünfer und das Weggli gehen nicht. Von uns aus kann man die Sache jetzt so stehen lassen. Mit der Sanierung von Weissenbach sind wir zufrieden. Jetzt kommt als Nächstes Boltigen dran.»

Appell an die Verantwortung

Für Markus Wyss aber ist der jetzige Zustand unhaltbar: «Die 50er-Tafeln und Smileys vermögen die Defizite der Strasse nicht aufzuheben. Sie tragen höchstens dazu bei, das Geschwindigkeitsniveau zu senken. Die mangelnden Gehwege und fehlenden Bushaltestellen vermögen sie nicht zu ersetzen.» Wichtig sind ihm die Bodenwellen an den beiden Dorfeingängen, welche die anderen Massnahmen im Dorf stützen helfen.

Wyss findet die gegenwärtige Situation ungenügend und appelliert beim Gemeinderat an dessen Verantwortung, die dieser für die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger trägt. «Die vorgeschlagenen Bodenwellen haben sich in Gemeinden wie Wattenwil und Niederstocken bestens bewährt. Wir haben in einem Brief versucht, den Gemeinderat umzustimmen.» Wyss fügt an: sollten die rund 25000 Franken teuren Bodenwellen nicht funktionieren, könne man diese ohne grossen finanziellen Aufwand wieder zurückbauen. Auch bei den Einsprechern ortet Wyss keine grösseren Schwierigkeiten.

«Mit der Mehrheit könnten wir wohl Lösungen finden. Nur eine Einsprache respektive das darin aufgeworfene Problem ist schwieriger.» Stocker entgegnet: «Das könnte bis hin zu Enteignungen gehen. Das ist sehr langwierig.» Und sagt: «Der Einzige, der mit der Situation nicht zufrieden ist, ist Hans Matti. Die Bevölkerung steht hinter dem Gemeinderat.»

Ball liegt bei der Gemeinde

Auch dass der frühere GR dem Thema sensibler gegenübergestanden habe, wie Wyss festzustellen glaubt, sieht Stocker anders: «Mein Vorgänger Res Hutzli sass im gleichen Boot wie ich.» Und so bleibt der Gemeinderat bei seiner Haltung, wie Fred Stocker bestätigt. Das heisst: Der erwähnte Brief von Markus Wyss hat den Gemeinderat nicht umstimmen können. «Wir werden keinen Rückzug machen», sagt Stocker. Dazu meint Wyss: «So fahren wir natürlich nicht weiter. Der Ball liegt bei der Gemeinde. Vielleicht besinnt sich der Gemeinderat ja noch um.»

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