Frisch Operierter auf der Bühne – und ein Bandit auf der Flucht

Trucker- und Country-Festival Interlaken

48'000 Besucher genossen am 24. Trucker- und Country-Festival den Linedance und das Westernfeeling. 40 Bands sorgten für entsprechende Stimmung. Die Headliner erfüllten die Erwartungen – mehr nicht.

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Bruno Petroni

Freitagabend um 20 Uhr: Es ist mal wieder so weit, «Weihnachten» der Trucker, Cowboys und Rock-’n’-Roll-Fans ist da. Man wähnt sich auf einer Ranch irgendwo im Nirgendwo der texanischen Prärie.

Die 35 Grad bringen den Asphalt zum Glühen, die ersten Steaks auf den Grills brutzeln vor sich hin, und die Betreiber der hundert Feststände und Bars füllen ihre Kühlschränke.

Unspunnenstein-Stösser und Interlakner Gemeinderat Peter Michel gönnt sich ein kühlendes Bier und verdrückt an einem der bereits gut besetzten Festtische einen saftigen Hamburger. Im Hintergrund rocken die Oberländer Chrigel Zenger & Four Seasons ab. Countryherz, was willst du mehr?

Linedance auf dem Vormarsch

Nun ja, unter «mehr» kann sich der international orientierte Countryfan sicher einen Aufenthalt im grossen Festzelt vorstellen, wo die bayrische Band Rock ’n’ Rodeo mit Front-Wirbelwind Maggie Horn so richtig einheizt und die Türklinke anschliessend an Kiefer Sutherland und Jo Dee Messina weitergibt.

Definitiv mehr gibts dieses Jahr auch für die Freunde des Line­dance. Diese aufstrebende Tanzszene macht sich im Festgelände immer breiter, gehört doch Bühne 2 während der gesamten 48 Stunden den Linedancern, und bei allen übrigen Schauplätzen und Bars gruppieren sich sofort Dutzende von Cowboys und -girls zum Tanz in fliegenden Stiefeln.


Der Blick auf das Festivalgelände: So sah es am Trucker- und Country-Festival Interlaken aus. Video: Bruno Petroni

«Bis sie uns runterholen»

Der Samstag ist geprägt von solidem Country- und Rockhandwerk kleiner, mit viel Herzblut spielender Bands aus dem In- und Ausland.

Herausragend der Auftritt der Countryband Tuff Enuff – eines Zürcher Sextetts, welches zum grösseren Teil aus «erfahrenen» Herren an der Grenze zum Pensionsalter besteht, mit Tempoeinlagen bis hin zu «Highway to Hell» aber mächtig Dampf macht, gleich drei Zugaben rauslässt («Solang uns der Organisator nicht von der Bühne holt, spielen wir einfach weiter») und zum Schluss eine lange Standing Ovation entgegennehmen kann.

Dem Galgen davongerockt

Schweizerisches Schaffen liefern am Sonntagmorgen auch die Berner Boogie-Woogie-Legende Jacky und Pfarrer Claude Hämmerli, welche bereits zum 22. Mal den bis auf den letzten Sitzplatz besetzten Trucker­gottesdienst stimmungsvoll abfeiern.

Dem direkten Draht des Letzteren zu Petrus ist es denn auch zu verdanken, dass sich die Regenwolken verziehen und den ersten Sonnenstrahlen Platz machen.

Auch Jacky alias Ueli Schmutz fühlt sich fast wieder wie neu geboren – lag der 71-jährige Tastenakrobat doch tatsächlich vier Tage zuvor noch mit einem Nierensteinleiden im Spital, was dem Groove seines Boogie-Spiels nicht im Geringsten anzumerken ist.

Zwei Bühnen westlich davon hat sich der Entlebucher Outlaw Joe Bandit hinter Wagenrad und Whiskeyflasche verschanzt.

Der bärtige Countryrocker, der sich auf der Flucht vor dem Gesetz trotzdem die Zeit nimmt, rasch im Vorbeiziehen die grosse Publikumstraube vor seiner Bühne mit seinem Repertoire zu beglücken, greift zum Schluss tatsächlich zur Winchester – und entkommt dem Galgen einmal mehr erfolgreich.

Noch 362-mal schlafen . . .

Am Sonntagabend um 18 Uhr schliesslich: Die Schatten werden länger, die Steaks gehen aus. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Es ertönt das traditionelle Blow-out aus 1400 Lastwagenhörnern.

Das schon fast wehmütig klingende, eine Viertelstunde anhaltende Hupen verbreitet sich in allen Bödeligemeinden. Gleichzeitig künden sie bereits das T & C vom nächsten Jahr an. Es wird das 25. T & C sein.

Echte Trucker und Cowboys haben sich deshalb den 22. bis 24. Juni 2018 längst in ihrer Agenda notiert.

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